photo DSCF3169_zpsa723161f.jpg


Ein schwerer Traum.
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Chlorophyll
  Papier
  Holz
  Stein
  Eisen
  Baumwolle
  Porzellanscherben
  Wachs
  Pudding
  Lena
  Du zögerst?
  Porzellan
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 



http://myblog.de/eeroismus

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Es werden viele Zahlen folgen. Heißt: Es wird lang werden. (Oh man. Ich wollte schon immer mal eine schnieke Schuldingsbums schreiben mit einem merkwürdigen Loser als Hauptperson. Nyahaha.)


Es werden lächerliche Kapitel folgen. Kindische Kapitel. Bekloppte Kapitel. Und peinliche Kapitel. So wird es werden. So wird es sein. (Es ist halb eins in der Nacht. ö.ö Daher... nicht wundern jetzt.)






Holz



Eins.

Wenn ich Morgens aufwache, sind Holzgitterstäbe das Erste, was ich sehe. Und das ist dann auch das Erste Mal am Tag, dass ich über mein Leben nachdenke.
Das zweite Mal ist im Bad, wenn ich meine Haare zu einem so festen Knoten binde, dass es mein Gesicht schon fast verzerrt. Da überlege ich, ob ich damit aufhören kann, wenn ich nicht mehr zur Schule gehe. Wenn mir niemand mehr im Unterricht Papierkügelchen an den Kopf wirft und ich Angst haben muss, dass sie in den Haaren hängen bleiben und ich dann den ganzen restlichen Tag damit herumlaufe ohne es überhaupt zu merken. Oder es zwar an dem Lachen der anderen bemerke, aber es nur noch peinlicher wäre, die Dinger vor den Augen der anderen herauszufitzen.
Und das dritte Mal dann, wenn ich bemerke, dass ich Tag für Tag meine Tätigkeiten, mein Aussehen und alles, was mich etwas angeht, danach ausrichte nicht aufzufallen und allen Peinlichkeiten und Zwischenfällen vorzubeugen, denen man vorbeugen kann. Was leider nicht viele sind.
Die Erkenntnis frustriert mich und für einen Moment, einen Bruchteil eines Sekundenbruchteils, denke ich über eine Rebellion gegen meine Vorsicht nach. Bis mir dann wieder einfällt, weshalb ich das lieber lassen sollte. Das hat Gründe. 26 an der Zahl. Und diese 26 Gründe haben Namen. Ich könnte sie aufzählen und beschreiben. Aber das wäre langweilig, weil sie sich ähneln.

Ich drehe die Musik ein Stück lauter, als der Bus voller wird. Wenn ich sie nur laut genug stelle, dass es knallt in meinem Kopf, so laut, dann könnte es doch tatsächlich passieren, dass ich taub werde, oder? Und wenn es dann passiert ist, höre ich das Gekicher der anderen nicht mehr. Dieses nervtötende, mir Selbstbewusstsein raubendes, Glockenklares und grelles und wieherndes Gelächter! Den Entschluss fassend, drehe ich am Rädchen. Und drehe und drehe und langsam tut es schon ein bisschen weh. Lauter. Mehr. Und... Ende. Weiter lässt es sich nicht drehen. Meine Hoffnung wurde zerschlagen und das schon nach zwei Sekunden.
Diese Begrenzung ist eine Schandtat.
Und so wende ich mich dem Fenster zu und sehe... nichts. Denn ich erblinde augenblicklich. Diese Sonne! Wäre sie nicht so übermächtig, gigantisch groß und würde sie mich nicht vernichten, wenn ich ihr auch nur im Entferntesten zu nahe komme, bei Gott, ich würde sie erschießen. Erstechen auch. Und erdrosseln. Die gemeinsten und hinterlistigsten Mordpläne würde ich mir einfallen lassen. Das tue ich jetzt schon ab und zu, wenn es mir zu langweilig wird. Aber die, die wären dann wirklich ernsthaft und durchsetzbar. Und das gänzlich ohne Komplizen! Die besten Mörder hatten keine Komplizen.
Aber Mörder mit Komplizen hatten mehr Freude an der Tat, schätze ich. Das kann ich nicht beweisen. Aber geht man von anderen Tätigkeiten aus, alltäglichen Tätigkeiten, sogar das Essen, dann weiß ich aus Zeugenaussagen, dass sie alleine weniger Freude bringen als zu zweit.
Mal ganz von dem Mord an der Sonne abgesehen, überlege ich bereits seit einiger Zeit mir einen Komplizen anzulachen. Der mit mir meine Pläne noch einmal durchdenkt und verbessert und letztendlich durchführt.
Nun, er muss sie nicht unbedingt mit mir durchführen. Er muss sie nicht mal verbessern. Er könnte mich auch davon abhalten. Er könnte mit mir reden. Aber das müsste er nicht mal unbedingt. Es könnte nur neben mir sitzen. Er müsste nicht mal behaupten mein Freund zu sein, wenn man ihn fragt. Er bräuchte nur neben mir sitzen und mich nicht schlagen oder beleidigen. Das wäre schon schön.
So weit würde ich meine Anforderungen herunterschrauben. Und dennoch habe ich in meinem Leben noch niemals einen Komplizen gehabt. Ich habe eine mögliche Erklärung dafür, die mich allerdings wieder frustrieren würde. Und da ich ungern frustriert bin, denke ich stattdessen darüber nach, was ich hätte für Bemühungen tätigen können und müssen, um doch einen gehabt zu haben. Schon allein überhaupt meine winzigen Erwartungen bekannt zu geben, hätte womöglich geholfen. Wobei ich mir da zu fünfzig Prozent sicher bin, dass das nur zu weiteren Lächerlichkeiten geführt hätte.
Man wird kein Arsch. Man wurde als einer geboren. 81% aller Menschen besitzen einen Arsch. Die restlichen 19% sind Ärsche mit einem Arsch. Doppelarsch sozusagen. Aber das soll kein Witz sein. Wenn man ein geborener Arsch ist, macht man keine Witze über sein Schicksal. Das tut ein Arsch nicht.
Ich bin ein Arsch, auch wenn ich nichts tue. Nur ist es da erträglich. Wenn man sich erst daran gewöhnt hat. Aber heute kommt etwas hinzu, das mir den letzten Rest der angewöhnten Erträglichkeit nimmt: Gedicht vortragen. Ich habe die letzten drei Tage damit verbracht den Osterspaziergang auf ewig in mein Hirn zu meisseln. Tatsächlich denke ich, erfolgreich gewesen zu sein.
Aber wofür das Ganze? Ich komme nur bis 'Jeder sonnt sich heute so gern. Sie feiern die Auferstehung des'. Herrn. Jawohl, des Herrn. Nur wurde der zu einem 'Rrrn.' verschandelt, als man mir aus einer der letzten Reihen mit sehr viel Schwung und Spaß einen nassen Schwamm ins Gesicht schleuderte, der auf seinem Weg Richtung Boden einen kleinen Zwischenstopp auf meinem Pullover machte und dort einen herrlich versifften Fleck hinterlässt. Hinterher fliegt gleich noch ein Lappen, dem ich nur so weit ausweichen kann, dass er nicht direkt meinen Schritt, sondern nur meinen Oberschenkel trifft. Das erfreut mich in so fern, dass ich nicht aussehe, als hätte ich mich mal eben selbst vollgepisst, sondern nur vollgesabbert. Ich sage: Immerhin!
Auf dem Weg zur Toilette direkt nach der Deutschstunde und mit einer drei plus im Notenheftchen, entscheide ich, für heute die Schule zu beenden und sofort nach dem Pausenklingeln in die Stadt zu gehen um da ein paar Besorgungen zu machen, die schon seit Jahren notwendig sind. Ich habe einen Entschluss gefasst! Heute! Heute, als mir mein Notendurchschnitt in Deutsch versaut wurde. Was mich wütend macht.
Heute, am 28.11., ist ein magischer Tag. Schon allein, weil die Quersumme daraus... 12 ist.














Zwei.

Gitterstäbe, heut seid ihr mir Schnurz. Es gibt wichtigere Dinge zu bedenken. Meine gestern herausgesuchte Zusammenstellung der Klamotten, die ich alle auf einmal tragen werde. Es ist ein Stapel und er wirkt monströs. Auch noch, als ich die Unterwäsche von ganz unten gekramt und angezogen habe. Aber 5 Minuten später betrachte ich die -obenrum- dreischichtige Schicht aus grau und schwarz mit Wohlwollen. Mit Wohlwollen betrachte ich auch die Hose und die Schuhe, werfe mir zwei Schals um den Hals und ziehe den längsten Mantel an, den ich besitze. Und als ich mir meine Haare zum tausendsten Mal in den letzten 14 Stunden von ganz nahem ansehe, überkommt mich ein Schwall an Stolz und guter Laune und beschwingt und leicht wie eine Feder schwebe ich meinem neuen Leben entgegen.
So hoffe ich.
Schon an der Bushaltestelle bemerke ich die Blicke, die alle mir gelten. Und als die erhoffte Reaktion eintritt, nämlich nur Getuschel und Gekicher ohne Handgreiflichkeiten, blicke ich mit coolem Desinteresse in eine unbestimmte Richtung. In den Westen, denn im Osten geht die Sonne auf. Und im Süden hält sie Mittagslauf!
Im Bus selbst muss ich mir eingestehen das coole Desinteresse nicht beibehalten zu können. Unmutig und mit dem Herzen voller Angst zerre ich und zerstöre beinahe Kopfhörer von irgendwo aus dem Rucksack, der seit drei Jahren in meinem Schrank lag und der mir zu neu war, um ihn zu benutzen. Ich fürchte, ich bin noch nicht bereit auf die volle Bandbreite der Reaktionen.
Bis zur letzten Minute der Fahrt erwarte ich, dass doch noch etwas in meine Richtung geflogen kommt. Eine Schnitte mit Leberwurst oder -noch schlimmer- Salami. Denn wenn es Salami ist, bleiben die zwei Brothälften nicht zusammen und ich habe zusätzlich zu all der Schmach noch Butter an mir kleben.
Aber heute kommt nichts. Es ist laut im Bus, aber geflogen kommt nichts.
Bis zur Schule ermahne ich mich aller zehn Sekunden den Kopf nicht zu senken und geradeaus zu blicken. Ich hab mir das doch alles schon genau überlegt! Jetzt darf ich nur nicht aufgeben. Als ich jedoch in den unteren Schulgang komme, den es wohl oder übel zu durchlaufen gilt, bemerke ich, dass ich etwas nicht bedacht habe. Eine winzige Kleinigkeit, die mir, wenn ich nicht aufpasse und mich falsch verhalte, meinen Plan ruinieren könnte: Quietschendes Schuhwerk. Jeder Schritt, auch der vorsichtigste, wird durch ein hohes Geräusch begleitet. Wie ein 'Njiek'. Als ich es bemerke, bleibe ich stehen -vor Schreck- und durchdenke -lässig in meiner Tasche wühlend, um meine Unsicherheit nicht jedem zu zeigen- meine Möglichkeiten.
Erste Möglichkeit: Umdrehen, Treppe hoch, den Gang in Etage zwei benutzen und die Gefahr laufen, dass ausgerechnet für den heutigen Tag etwas am Vertretungsplan steht.
Möglichkeit zwei: Umdrehen, Treppe runter, aus der Tür raus, heulend nach Hause rennen und Morgen den zweiten glorreichen Versuch starten. Mit anderen Schuhen. Natürlich.
Dritte Möglichkeit: Umdrehen und aus dem Fenster springen, mir ein Bein brechen, ins Krankenhaus eingewiesen werden und mir 6 Wochen Ruhe gönnen.
Vierte Möglichkeit: Schuhe ausziehen.
Fünfte Möglichkeit: Auf Zehenspitzen laufen.
Sechste Möglichkeit: Meine Strategie mit erhobenem Haupt und arrogantem Blick fortsetzen, egal was oder wer da kommen mag!
...
Oh, oh, oh. Also los. Njiek, njiek, njiek, njiek, njiek, njiek, njiek -Mir wird Platz gemacht.- njiek, njiek, njiek, njiek -Bloß nicht unsicher werden. Nur nicht schneller laufen. Alles locker. Flockerlocker, lockerflocker.- njiek, njiek, njiek, njiek, njiek, njiek, njiek, njiek, njiek.
Erstes Ziel "Vertretungsplan" erreicht. Heute Englischvertretung bei Herr Schustermann und Tausch Mathe mit Religion. Oh gut. Fast hätte ich mich für die erste Möglichkeit entschieden gehabt. Tapferkeit lohnt sich aus. Ich wein gleich vor Stolz. Aber das verwischt diesen schwarzen Strich, den ich mir unter die Augen gemalt hab. Ob der eigentlich den ganzen Tag halten wird? Oder sollte ich eine Pause dafür nutzen, den noch mal neu zu ziehen?
Njiek, njiek. ...! Ouh. Achja. ... Aber ich muss in den dritten Stock. Oh man. Njiek, njiek, njiek, njiek, njiek, njiek, njiek, njiek. ... Merke: Auf der Treppe nur mit dem Fußballen auftreten.
Zweites Ziel "dritte Etage" erreicht.
Njiek, njiek, njiek, njiek, njiek, njiek.
Drittes Ziel "Biologie 2" erreicht.
Als ich reingehe, ist der Lärmpegel ganz oben -Bin ich so spät? Aber wenn ich auf die Uhr sehe... ist es schon 5 vor. Na sowas.- und schraubt sich plötzlich runter. Nicht bis ganz unten. So viel wollte ich auch nicht an Aufmerksamkeit. Ich muss durchhalten. Nur heute, es wird nur heute so schlimm. Morgen schon wieder besser und Übermorgen werde ich dann sehen, was ich durch meine Veränderung erreichen konnte. So wird das. Ich stelle den Rucksack auf dem Tisch ab und packe langsam aus. Dadurch werden zwei Minuten vergehen und ich werde sowohl die Pause als auch die Stunde heil überstehen.


















Drei.

Gitterstäbe Hallo! Ich habe gut geschlafen. Der Tag ist so verlaufen, wie ich es mir erhofft habe. Ich wurde angesprochen von dem üblichen Pack und bin an ihnen verbeigegangen mit quietschenden Schuhen und starrem Blick. Ich fühlte mich wie Rambo, nur dünner und hübscher. Wenn ich jetzt dran bleibe, dann sind die argen Tage vorbei und ich werde in die Sonne blicken können ohne sie morden zu wollen. Was ist das nur für ein Fortschritt! Der Weg zu einem Freund ist nun fast geebnet. Bald ist es so weit!
Und nachdem ich meine fiesen Gegner zerschmettert und zerstückelt auf der Müllhalde abgeladen habe, wird meine Lebensgeschichte verfilmt und millionenfach verkauft werden.
Es wird passieren, was passieren muss. Meine Intelligenz wird bewundert werden. Und meine Anziehungskraft wird jeden umhauen. Ich werde die Straße entlanglaufen mit meinem Schatz im Arm und einer Traube Freunden, die fröhlich quasselnd und lachend um mich herumspringen.
Der Nachteil und meine Sorge ist allerdings mein Manko. Diese Kleinigkeit, die dann eine Großigkeit werden wird. Womöglich mit hoher Wahrscheinlichkeit. Und dann...! Ist es schon wieder vorbei mit den Tagen in gleißendem Lichte. Momentan ist es noch unvorstellbar, dass das noch schlimmer werden könnte, als meine vorherige Bürde. Aber nach dem, was ich gelesen und recherchiert habe, sollte mein Manko wohl besser geheim bleiben.
Ah, mir ist was gegen den Kopf gefallen! Muss ich etwa heute schon meinen Gegenangriffsplan anwenden? Der sollte doch für später aufgehoben werden. Reagieren diese Dummbeutel etwa wider dem, was ich mir ausgerechnet habe? Nun gut. Ich drehe mich um und werde von zwei Augen angeglotzt, die mich überlegen anfunkeln wie Feuerbälle. (Was für eine Metapher!) Die starre ich eine Weile gleichgültig an, bis sie kurz davor sind den Mund aufzumachen und einen lässig-bekloppt-beleidigenden Spruch loszulassen, dann schaue ich auf den Boden, wo die Papierkugeln liegen und drehe mich halb wieder herum. Als ich die Hand hebe, ist die Lehrerin, Frau Schurz, so erstaunt, dass sie mich sofort dran nimmt.
"Entschuldigung, darf ich die Papierkügelchen, mit denen ich seit paar Minuten beschossen werde, aufheben und in den Papierkorb bringen?"
Ich werde angeschaut. Und es folgt der brenzlige Moment, der es entscheiden wird. Wird wenigstens diese Situation so sein, wie ich es mir ausgemalt habe?
"Nein, das macht Robert, Bitteschön. Robert!"
Strike. Oder wie man sagt, wenn man gewinnt. Es ist herrlich. Es ist wahrhaft herrlich. Es folgt Phase zwei. Autsch. Ja, genau diese. Der Frustrationsschlag gegen meinen Schädel.
"Robert, das hab ich gesehen. Jetzt reicht's. Nimm deine Sachen und komm hier vor. Hopp, hopp."
Hopp, hopp, Robert. Ein letzter Vernichtungsblick und weg ist er. Haha! Hahaha! Hahahahahahahahaha! Welch Macht in meinen Adern fließt.
Aber ich muss mich zusammenreißen. Wenn ich zu siegessicher und beeindruckt schaue, wirke ich unsympathisch. Ich muss unnahbar wirken, nicht unsympathisch. Unnahbar ist das Zauberwort. Klingeling.
Und irgendwann werden sie mir alle aus der Hand fressen. Sie werden mich mit Respekt behandeln.
Ah! Da ist schon wieder was gegen meinen Kopf gefallen! Das war aber diesmal was Großes. Na huch. Ein Zettel. Ein zusammengefalteter Zettel. Ein Hasszettel? Du dumme Sau, spiel dich ja nicht so auf?! Halt das nächste mal dein Maul oder ich reiß dir die Eier ab?! Dann sollte ich ihn vielleicht gar nicht aufmachen. Das wirkt doch blöd. Auf solch ein Niveau sollte ich mich nicht hinablassen. ... Andererseits würde es noch besser aussehen, wenn ich den Zettel lese und ihn vor den Augen der anderen lässig im Papierkorb verschwinden lasse. Ja, das ist es!
Lässigkeit. Das ist das zweite Zauberwort. Klingelingeling.
'Guck nach hinten, Wandreihe, vorletzte Bank!'
Ist das ein Trick? Oh, oh. So war das nicht geplant. Damit habe ich nicht gerechnet. Das passt in kein Schema. Das muss ich erst analysieren. Wer hat das geschrieben? Kam es aus dieser Richtung? - Ja. Der Winkel stimmt. Kenne ich die Schrift? - Nein. Aber es hat ein Mädchen geschrieben. Wer sitzt denn dort? Kristin. Jutta. Mit wem sind die befreundet? Mit Feinden? - Nicht, das ich wüsste. Risiko eingehen? - ... Ja.
Ich hole Luft, tief, aber nicht auffällig tief und drehe mich rasch um, um die Lage bei Gefahr schneller checken zu können als die Spinner. Aber es droht keine Gefahr. Kristin grinst mich an und hält die Rückseite eines Hefters hoch.
'Respekt!'

















Vier.

Liebe Gitterstäbe, gestern habe ich einen Schlag ins Gesicht bekommen und meine Augenbraue ist aufgeplatzt. Ich trage jetzt ein Pflaster an der Stelle. Es tut auch ein bisschen weh, aber das stört mich nicht, denn so sehe ich aus wie ein ganz harter Hund. Vielleicht treffen sie das nächste Mal die Lippe. Für diesen Look ertrage ich Schmerz gern. Heute werde ich noch einen Schritt weiter gehen in meinem Styling. Nun kommen die Accessoires hinzu. Ich habe mir in der Stadt ein paar passende besorgt. Dabei wurde ich auch von den Idioten abgefangen.
Im Bus drehe ich die Musik jetzt ein Stück leiser, denn die lassen mich jetzt in Ruhe, nachdem ich so lange mit dem einen das 'Wir bewerfen uns gegenseitig mit Sachen'-Spiel gespielt hab, bis der Busfahrer ihn verwarnt und nach ganz vorne gesetzt hat.
In der dritten Pause muss ich zu meinem Schließfach gehen und werde auf dem engen Gang nicht angerempelt. Meine Haare scheinen die richtige Farbe zu haben. Ich kann einfach nicht übersehen werden. Und als ich das 20 Kilogramm schwere Chemiebuch weggeschlossen habe, werde ich von Kristin angesprochen. Sie ist in Ordnung. Das glaube ich, weil sie mir noch nie aufgefallen ist. Sie sticht einfach nicht heraus. Nicht positiv. Nicht negativ.
"Hey."
Ihre Klamotten sind so durchschnittlich, dass sie grau angezogen weniger grau wäre, als in diesen Farben. Ich werfe ihr das aber nicht vor. Im Moment, tja, da werfe ich ihr wirklich überhaupt nichts vor.
"Hey."
"Coole Haare. Das Rot steht dir."
"Ich weiß."
Ich hoffe, mein Grinsen wirkt so, wie ich es will. Gestern hab ich es perfektioniert. Aber da ich jetzt keinen Spiegel habe, bin ich mir unsicher, ob ich genau die Intensität treffe, die ich treffen muss.
"Du heißt Ludger, oder? Das ist echt der beschissenste Name, den ich je gehört hab. Aber da du nichts dafür kannst-"
"-wirst du -ausnahmsweise- darüber weg sehen."
"Stimmt."
"Denk ich mir auch jeden Tag so."
Sie hat ein hübsches Lächeln. Sie sollte es mehr zeigen und mehr betonen. Wenn wir Freunde werden, werde ich ihr das bei Gelegenheit sagen.
"Ich muss heut nach der Schule in die Bibliothek, hast du Lust mitzukommen? Das fänd ich klasse."
Eine Einladung. Ich küsse das Kreuz an meinem Rosenkranz und damit Jesus mitten auf den flachen Bauch!
"Klar. Aber wir haben heut die letzten beiden Stunden Sport."
Als ich losgehe, ich will nicht zu spät kommen, die Zeit ist knapp, da läuft sie neben mir her. Die einzige Person, die sonst neben mir herläuft ist meine Schwester. Aber die hat nicht mal eine Wahl mit ihren zwei Jahren. Da muss ich sie noch an die Hand nehmen.
"Ja eben. Da geht Jutta zu ihrer Oma und Marc hat Musikschule. Donnerstage sind für mich echt die beschissensten."
Lückenbüßer. Autsch. Aber wenn ich sie heute mit meiner einzigartigen Aura beeindrucke, werde ich das nicht lange bleiben.
"Hey, und danach lad ich dich zu einem Eis ein, wie wär das?!"
Ihre Hand ist an meinem Handgelenk. Ihre Hand. An meinem Handgelenk. Positiver, unaggressiver Körperkontakt. Freundschaftlicher Körperkontakt.
"Zwei Kugeln?"
Und sie lacht. Mit mir, nicht über mich. Jesus, nun presse ich meine Lippen auf deine Genitalien!
"Boah, hey, man. Aber na gut."
Wir sind in "Raum 3" angekommen, aber sie macht keine Anstalten an ihren Platz zu gehen. Sie kommt mit an meinen. Es kommt sonst nie jemand freiwillig an meinen Platz. Oh, du, mein Plan, mein wundervoller Plan, du bist wundervoll und wunderbar.
"Was brauchst du denn?"
"Wie?"
Sie setzt sich mitten auf den Tisch. Das bedeutet doch, dass sie auch die restliche Pause nicht gehen wird, oder? Es sind nur noch zwei Minuten, aber wen schert das?!
"Buchmäßig."
"Achso. Für dieses Bioprojekt. Abgabetermin ist nächste Woche und ich habe nichts gemacht."
Ich nehme einen Schluck aus meiner Wasserflasche. Wasser ist schön neutral. Gute Menschen trinken Wasser. Man findet einfach nichts Schlechtes an dem Getränk.
"Thema?"
"Ameisen."
"In echt?"
Und sie lacht wieder. Ich könnte mich daran gewöhnen. Ja, durchaus.
"Was ist Bitte schlecht an Ameisen?! Das ist das Einfachste. Es gibt tausend Bücher über Ameisen. Tausend Bilder, tausend Berichte, tausend Unterthemen der Unterthemen. Sehr umfangreich. Einfach rumkopieren, irgendwo was rausschreiben, irgendwas Selbstgebasteltes wegen der Eigenkreativität draufpappen und Ende."
Ihre Logik ist verblüffend. Sie denkt sehr praktisch und einfach. Schnörkellos. Wie schön. Ein Gegenpol!
"Ameisen hat man satt."
"Ameisen hat man niemals satt. Das ist bei Ameisen so. Die sind wie Toastbrot."
Jeder zweite Mensch in Deutschland kann auf sein Toastbrot am Morgen nicht verzichten. Laut einer Umfrage. Dabei besteht meine Familie aus drei Unterfamilien, die alle kein Toastbrot essen. Aber das sag ich ihr nicht.
Es klingelt. Und sie springt auf.
"Wart mal in der Pause auf mich, da machen wir uns was aus."
Mhm. Ich warte. Ich wollte schon immer jemanden haben, auf den ich warten kann.



















Fünf.

"Bienen, Wespen, Ameisen. Hautflügler Mitteleuropas."
Das dritte Buch, was sie sich unter den Arm klemmt. Erstaunlich.
"Das spannende Leben im heimischen Wohnzimmer - Eine Einführung in die Ameisenhaltung."
Gleich wird sie mich wohl fragen wer, um Himmels Willen, sich nur Ameisen im Wohnzimmer halten würde. Und ich werde so etwas sagen wie 'Ist es nicht trendy Schädlinge als Haustiere zu haben?'.
Aber nein, sie dreht sich nur herum und schaut auf meine Haare, als gäbe es da ein Osternest zu entdecken. Ein Osternest oder die letzte Station einer Schnitzeljagd, auf die man voller Spannung zurennt, den Schatz aus dem Boden gräbt und enttäuscht feststellt, dass es wieder nur eine Tasse ist.
"Hätte ich eher gewusst, dass man das machen kann, hätte ich mir paar Ameisen aus dem Garten geholt und ein Protokoll zu ihrem Verhalten geschrieben."
Und ich möchte an dieser Stelle festhalten -ich sollte es mir aufschreiben, auf einen Zettel oder wenigstens auf meinen Arm-, dass nicht einmal ICH auf die Idee käme SO ETWAS für eine gute Zensur durchzuziehen.
Und sie hätte Fotos gemacht, um ihre Mühe und ihr Interesse zu verdeutlichen.
Ich bin mir sicher, dass sie das hätte. Und eine Ameise hätte sie auf eine Nadel gepiekst, auf das Plakat gesteckt und am Leben gehalten, wegen dem Schockeffekt, wenn sich beim Betrachten plötzlich die Beine des Tieres bewegen.
"Ameisen, der duftgelenkte Staat. Findest du nicht auch, dass Menschen und Ameisen sich ähneln?"
Das dachte ich bereits, vor der Feststellung mit dem Duft. Es wäre unglaublich interessant zu erfahren, ob Ameisen sich in ihrem Aussehen unterscheiden. Ob es Außenseiterameisen gibt, die mit Gebeinen beworfen werden und die sich irgendwann dazu entschließen ihren Rücken für einen Imagewechsel mit gelben Punkten zu versehen?
"Du jedenfalls riechst gut."
Ja, nachdem ich die Phase mit der Babykotze heil überstanden habe.
"Nach Holunder oder sowas."
"Lavendel."
"Lavendel?"
"Ja."
"Lass mal riechen!"
Da meine liebe Mutter einen starken Drang zum Kauf von Lavendelseife hat, wasche ich mich sowohl morgens, als auch abends damit und besitze schätzungsweise acht Seifen in Blütenform, die sie mir zwischen Pullover, Socken und Unterwäsche im Schrank legt. Für einen blumig-leichten Duft.
Eine ist mir leider kaputt gegangen, als ich es eilig hatte, um Juliane nicht in der Badewanne ertrinken zu lassen und selbst aber kurz vorm Tod durch Erfrieren stand. Da ist sie mir aus dem Pullover gefallen und auf dem Boden in drei Teile zerbrochen.
"Stimmt, es ist Lavendel. Aber da ist noch etwas."
Ihre Schuhe sind so flach, dass sie schwankt, als sie sich auf die Zehenspitzen stellt, um an meinem Hals zu riechen. Mit Klettverschluss in grün. Dunkelgrün und vorne haben sie eine merkwürdig schiefe Form. Ich hätte die Schuhe niemals gekauft. Selbst, wenn sie 90% billiger gewesen wären nicht.
"Ich kenn das irgendwo her."
Wenn sie nicht aufhört mit ihrer Nase gegen mein Ohr zu stupsen, überkommt mich ein Kicheranfall und Gänsehaut obendrein.
"Das ist... das ist..."
"Haargel?!"
"Haarspray!"
"Nein, Gel."
Als würde ich meinen Haaren noch eine Extraportion Belastung aufbürden. Haarspray ist eine Mordwaffe. Mord!
"Na gut."
Was sieht sie mich jetzt so an? Soll ich ihre langen Wimpern bestaunen? Oh, wundervolle Wimpern hast du, wundervoll. Sehr lang und schwungvoll. Wenn es eine Perfektion gibt, dann finde ich sie in deinen Wimpern, Holde.
Aber hast du nicht gehört? Dir ist gerade ein Buch aus der Hand auf den Boden gefallen.
"Dir ist was runtergefallen."
Ob die Sonne, die von hinten aufdringlich durch das Fenster auf ihren Hinterkopf scheint, ihr etwas angetan hat, dass sie nichts tut? Oder vielleicht erwartet sie von mir, dass ich es aufhebe, als ihr guter Freund. Ihr Kumpel. Ihr Komplize in Sachen Ameiseninformationen beschaffen. Memo an mich: Ich bin heute, es ist der 1.Dezember, das erste Mal zu einem Komplizen geworden.
"Dankeschön."
Und habe ihm sein Buch aufgehoben und ihm dadurch einen tiefen Freundschaftsdienst geleistet, der uns nur noch enger verbinden wird. Mein Komplize, es ist eine sie, sie heißt Kristin, ist ungefähr 10 Zentimeter kleiner als ich, hat mittelbraunes, mittellanges, mittelgelocktes, mittelglattes, mittelwelliges, mittelstrapaziertes, mitteltrockenes und leicht fettiges Haar und trägt eine Jeans ohne Gürtel, einen roten Strickpullover und dunkelgrüne Turnschuhe mit Klettverschluss aus Wildleder, -
"Boah, ich glaub mit dem Kram komm ich hin. Lass uns ganz schnell gehen."
- und ich, wir werden jetzt ein Eis essen gehen. Heute, am 1.Dezember, es sind 2 Grad Celsius, der Himmel ist wolkenverhangen, werden wir trotz des Wetters -und ich sage bewusst nicht 'dem Wetter', weil ich Freund und Schützer des Genitives bin- Eis essen gehen.
"Ludger? Ist noch was?"
Nein, es ist nichts. Nur mein Glück ist und wird sein, weil du, mein Komplize, meinen Namen aussprachst ohne Scheu und Abneigung. Es ist ein schöner Tag. Der 1. Dezember, 13.43 Uhr und 38 Sekunden.
















Sechs

Liebe Holzgitterstäbe, die ihr rundherum um das Bett meiner Schwester angebracht seid und auch mich ungewollt einengt, es ist noch dunkel draußen, wie jeden Morgen im Winter und das Aufstehen fällt mir schwer, weil ich letzte Nacht die Augen in regelmäßigen Abständen aufgerissen habe, als mich ein Schreck durchfuhr. Der sich, dem Himmel und der Sonne sei Dank, als Irrtum herausstellte. Ich möchte mit euch nicht darüber nachsinnen, denn ich habe es eilig. Mein Morgenritual ist seit meinem Wandel länger, intensiver und aufwändiger geworden. Es dauert seine Zeit, um eine akzeptable Gestalt aus mir zu basteln.
Aber es lohnt sich durchaus all der Aufwand. Denn ich habe einen Komplizen, ich habe Gespräche, ich habe kostenlos Schokoladeneis gegessen, was Schokostückchen beinhaltete, was selten ist, aber inklusive und der Bonus und ein Geschenk des Schicksals an mich. Ich habe positiven Körperkontakt mit anderen menschlichen Individuen mit denen keine Blutsverwandschaft vorliegt und ich habe Respekt. Aber nicht irgendeinen Respekt, der einfach von irgendwo auf mein Haupt fiel. Es ist hart erkämpfter Respekt. Und der hat Wert. Und zwar gewaltig viel.

Um genau 11.04 Uhr passiert es, dass durch Muskelkraft der Beine und einen Antrieb im Kopf, ausgelöst durch eine Absicht, die ich bis dato noch nicht kenne, meine Komplizin und ihre beiden, bereits erwähnten, Freunde zu mir stoßen. Schon heute Morgen, die Uhrzeit kann ich nicht nennen, weil ich überrumpelt von der Situation nicht daran dachte, sie festzuhalten, wurde ich von ihnen im Flur durch ein 'Morgen.', ein 'Morgen, Ludger.' und ein '...' gegrüßt. Das '...' kam von Marc. Ein kleinwüchsiger Wichtel mit ausgedünnten Spitzen und regelmäßigen Haarfärbemittelaktionen. Nuance Haselnussbraun. Seine Augen sind große Murmeln, wie aus Animefilmen, die mein Schwesterchen, dieses quiekende Ding, guckt, wenn sie sich wieder durchsetzen konnte, im Kampf um die Fernsehzeitverlängerung.
Es dauert seine Zeit, ungefähr 2 Minuten, bis ich begreife, wovon er spricht. Was aber, zugegeben, auch nur daran liegt, dass er mein Unverständnis bemerkt, sich auf dem Stuhl herumdreht und mir einen Ausblick auf seinen Rücken gewährt, der geziehrt ist mit einer eingestochenen Girlande, nein Blumenranke (Efeu vielleicht), die sich wahrhaft kunstvoll von Steißbein bis Schulterblatt links und rechts zieht. Als ich dieses kunstvolle Kunstwerk künstlerischer Meisterhaftigkeit eines Künstlers aus einem Tattooladen sehe, begreife ich das Gespräch über schmerzhafte Rötungen und eventuelle Entzündungen, die eventuell unter Umständen auftreten könnten.
"Noch eine Sitzung, dann ist es fertig."
Ich frage mich, woher er das Geld dafür genommen hat. Ob seine Eltern um ganze 10 Stufen anders sind als meine und ihm das erlaubt haben?
Oder tat er es für den Weihnachtsengel, seine Freundin, Jutta, schräg rechts von mir, auf dem Tisch, neben Kristin, vor Marc?
Sie ist sehr blond. In allem. Nur nicht in ihrer Haarfarbe. Es ist recht dümmlich, wie sie so sitzt in ihrer weißen Hose und ihrem weißen ärmellosen Shirt ohne Ärmel unter dem weißen Pullover mit V-Ausschnitt (mit Ärmeln) mit den weißen Schuhen mit weißen Schnürsenkeln und weißer Sohle mit schwarzem Rand, die kichert aus mir unauffindbaren Gründen (und ich suche sie wirklich, ja, ich bemühe mich durchaus). Man könnte sagen, es ist anstrengend ihr zuzusehen, obwohl sie, nicht wie Marc, über Dinge in einer Weise spricht, dass es mich teilweise überfordert. Daher weiß ich noch nicht, ob ich sie nett finden und als meine zweite Komplizin haben möchte.

Kurz vor Ende der Pause verabschieden sich die beiden, Hand in Hand auf den langen, sechsschrittigen Fußmarsch zu ihren Plätzen und lassen mich in dem Wissen zurück, dass ich während der letzten 7 Minuten keinen Satz mit Subjekt, Prädikat, Objekt und Komma gesprochen habe.
Aber genau in der Sekunde, als ich mich zu meinem letzten verbliebenen Gesprächspartner drehe und den Mund öffne, seufzt jener so tief, so erschütternd leidend, voll Sorge und mitleidserregender Hoffnung nach Mitleid, dass mir meine letzte Chance auf einen vollständigen Satz im Halse anhält und im Eiltempo zurück dahin rennt, wo sie -die Chance- und er -der Satz- herkam.
Und Kristin, Komplizin Nummer eins, sagt: "Ludger? Kann ich nach der Schule mit zu dir kommen?"



















Sieben

"Versprichst du mir, es nicht zu verraten?"
"Ja."
"Versprichst du es beim Leben der Enten?"
"Nicht wieder die Enten..."
"Doch, sehr wohl."
Es ist unnatürlich, dass sich ein Mensch an einer einzigen Sache über 4 Stunden selbst zum lachen bringen kann. Unnatürlich! Das ist wie Dauermasturbation. Sie müsste doch nun befriedigt sein und erschöpft.
Und wund.
Wie lange muss ich das denn noch über mich ergehen lassen? Diese Schmach. Wenn es doch wenigstens etwas wäre, wofür ich etwas kann. Wenn es um meine Ohrlöcher ginge, die nun mal, so oft ich auch nachmesse mit Lineal oder Zirkel oder Maßband, unterschiedlich hoch an meinen Ohrläppchen prangen, weil ich vor Angst beim Geräusch des Schießens zusammengeschreckt bin.
"Schwöre!"
Aber es muss diese Sache sein, an der ich keinerlei Schuld trage. Und das ist eine noch viel größere Schmach, als ihr Gelächter, dass zwar noch immer liebreizend in meinen Ohren klingt, aber noch viel liebreizender klingen würde, wenn es zu meinen Gunsten wäre
"Ich schwöre bei dem Leben der Enten auf meiner Tapete."
Sie lacht schon wieder! Das nimmt mir alle Hoffnung, auf eine ehrenvolle Zeremonie. Schließlich ist das mein erstes -nicht eigenes- Geheimnis. Mein allererstes! Und ich will es voller Würde und Hochachtung annehmen, voll Stolz und einer Träne im linken Augenwinkel. Doch die Ernsthaftigkeit, derer es dazu bedarf, wurde rücksichtslos vernichtet. Die Enten sind Schuld! Die Enten mit ihrem gelblichen Gefieder und ihren orangenen Schnäbelchen und Beinchen und den schwarzen Äuglein, die keck auf den Betrachter zurückzuschauen scheinen. Auch meine Lieblingsente, direkt am Kopfteil meines Bettes, der ich vor Enttäuschung einst, nach dem erneuten unverhofften Film-Titanic-Untergang, jede ihrer Federn mit Kugelschreiber -der am Schwänzchen den Geist aufgab- und anschließend mit Füllfederhalter blau färbte.
"Okay."
Es ist soweit. Jetzt.
"Okay."
Gleich.
"Okay."
...
"Okay."
"War es das schon?"
Ich glaube es nicht, aber da sie nicht mehr sagt, muss ich doch davon ausgehen, oder etwa nicht? Es war ein Wort mit einem abschließendem Satzzeichen am Ende und einer Pause, die einer Endgültigkeit sehr nahe kam oder ihr vielleicht sogar gänzlich entsprach.
"Nein. Wart mal kurz."
Muss ich diese Verzögerung als Zweifel an meiner tiefen Verbundenheit zu ihr ansehen? Wie konnte es dazu kommen? Was habe ich getan, dass sie zweifelt? Oder gar verzweifelt an dieser Hürde, die Vertrauen heißt!? Habe ich mich falsch verhalten? Fehlte Körperkontakt, den ich ihr nicht gab, weil ich es für unangebracht hielt und an den ich -um meine Ehrlichkeit zu zeigen- keinen einzigen Gedanken verschwendet habe?
Oh nein. Ich bin ein schlechter Freund. Ich sollte ihr mein Bedauern mitteilen, es ausdrücken, mimisch und auch gestisch -wenn diese beiden Wörter überhaupt offiziell existieren-.
"Ah! Ah, ich kann's nicht sagen. Ich muss bei dir übernachten!"
...
Mir fehlen die Worte. Ebenso, wie der Zusammenhang dieser Sätze, die doch aber augenscheinlich einen besitzen müssen, der Art nach zu urteilen, wie sie sie aussprach. Fließend. Fließend? Ja, ich denke schon.
"Ich ruf gleich zu Hause an."
Ich hinke der Erleuchtung hinterher. Nein, nein. Ich hinke ihr nicht hinterher, ich kann sie nicht einmal in der Ferne sehen!
Darüber sollte ich nachdenken. Ja, ich sollte den Moment der Ruhe und des Allein-seins nutzen und darüber nachdenken. Ja, durchaus sollte ich das tun.
Es könnte so sein: Sie versucht ihre Zweifel, die ihr schrecklich leid tun, zu vertuschen, indem sie mir durch einen anderen Beweis der Vertrautheit unsere Vertrautheit zeigt und letztlich durch diese neu geschaffene Zeit mit mir einen neuen Anlauf des ersten Beweises, des Geheimnis-verratens, äh...
"Hat niemand was dagegen! Klasse, was?"
Äh... dingst.
"Ja, super."
Wo soll sie schlafen?
"Dein Bett ist ja groß genug."
"Mein Bett?"
"Klar. Hast du Angst? Brauchst du nicht haben."
Wovor sollte ich Angst haben? War das eine Anspielung sexueller Art? Gibt es bei uns sexuelle Anspielungen sexueller Art mit sexuellem Hintergrund, die auf sexuellen Handlungen aufbauen?
"Das wird lustig. Ich schnarche."
Kein Sex. Ich spüre ein Gefühl der Erleichterung in meiner Dickdarmgegend.
"Ich kann dir doch vertrauen oder?"
"Natürlich."
Das ist keine Lüge, so wahr mir Gott helfen möge. Amen.
"Du bist keiner von denen. Ich weiß."
Von denen, die ihrem Alter entsprechend eine entsprechende Sexualität entwickelt haben. Linke Schiene, rechte Schiene oder zweigleisig. Je nach dem. Entsprechend dem. Entsprechend. (Oben, unten?!)





















Acht

Ist es eine schlimme Sache, dass ich es bevorzuge im Winter, besonders im Dezember, wenn die Kälte allzu ungewohnt ist, um nicht zu frieren, langärmlige Schlafanzüge zu tragen? Diese Frage mit fünf Kommas stelle ich mir seit mein Wecker mit den roten Augen mir 22:47 anzeigte. Es ist jetzt 23:29 und die Antwort ist mir ein Stück näher gerückt. Es ist unpassend einen langärmligen Schlafanzug zu tragen, wenn man im Rücken eine wärmeaustrahlende Person liegen hat. Es ist ebenfalls (und im meinem Falle noch dazu) unpassend einen langärmligen Schlafanzug zu tragen, wenn drei Personen dazu beitragen, dass die Temperaturen im Zimmer an sommerlich feucht schwitzige Tage erinnern, was Decken mit Federn von Gänsen gefüllt nur noch unterstützen und -um es erwähnt zu haben- keinesfalls und nicht im geringsten besser machen.
Allerdings ist es nutzvoll, dass der Stoff des genannten langärmligen Schlafanzuges den Schweiß, den der Körper durch das sommerlich feucht schwitzige Klima absondert, aufsaugt und dadurch ein Gefühl auf der Haut verhindert, dass sowohl unangenehm, als auch schlafunfördernd ist.
Allerdings ist das nicht sonderlich erwähnenswert, da es ohne genannten langärmligen Schlafanzug gar nicht erst zur Flüssigkeitsabgabe des Körpers gekommen wäre.
Das bedeutet zusammenfassend, dass Kristin, die wärmeaustrahlende Person an meinem Rücken, berechtigt mit hochgezogener Augenbraue reagiert hat, als ich ihr einen meiner anderen -bisher nicht genannten- langärmligen Schlafanzüge in die Hand drückte.
Da dieses Problem nun durchdacht und abgestempelt wurde, kann ich mich des Einschlafprozesses (Genitiv!) zuwenden und einschlafen.
"Ludger?!"
Einschlafprozess auf unbestimmte Zeit abgebrochen.
Merke: Es hat auch Nachteile ein guter, vertrauenswürder und zuverlässiger Freund zu sein.
Aber nur ganz wenige. Also. Augen auf, hingehört und worum auch immer es sich handelt: Weiterhin ein guter, vertrauenswürdiger und zuverlässiger Freund sein.
"Ja?"
"Ich kann's dir jetzt sagen."
Oh, jetzt! Endlich! Ein denkwürdiger Moment, der in meine Galerie denkwürdiger Momente gehört!
"Okay."
"Dreh dich um, sonst kann ich's nicht."
Es ist mir recht schleierhaft, was ihr die Tatsache, dass wir uns nun in der völligen Finsternis ansehen ohne uns sehen zu können, helfen kann, ihr Geheimnis in liebevolle Hände abzugeben.
"Also, hör zu."
"Ja."
Ein Schwall warmer Atem mit leichtem Schlafduft wabert gegen mein Gesicht, wie feuchte Hitze in einer Sauna.
"Uah, gib mir deine Hände!"
Hände! Ja! Wohin?! Ich kann nichts sehen und das fördert auch die Tatsache, dass ich mich erschrecke, mit Herzklopfen und kurzem stummen Schrei sogar, als etwas Eisiges meine Hände ergreift und wie ein Schraubstock umklammert.
"Du bist kalt."
"Ich weiß."
Wär auch schlimm, wenn nicht, sag ich da. Denn wenn sie es nicht selbst bemerken würde, dann könnte es in ihrer Ungewisstheit passieren, dass... Ja. Zu mehr Gedanken zu diesem Thema lasse ich mich jetzt nicht hinreißen. Ich muss Augen, Ohren und Hirn offen halten.
"Kannst du mich in den Arm nehmen? Dann sag ich's."
Langsam, ganz langsam, überlege ich und denke auch darüber nach, ob ich das Geheimnis so unbedingt wissen will, wie sie mich glauben lässt. Am Ende ist es ein geringfügig interessantes Geheimnis, wie das Geheimnis von Ketchupflaschen. Ein Geheimnis, das sich so sehr in die Realtität einfügt, dass es unwichtig wird.
"Okay."
Aber selbst wenn dem so ist, es ist immer noch ein Geheimnis, dass sie nur mit mir teilt. Ihres und mein Geheimnis! Und das muss wichtig und interessant sein! Und nicht geringfügig! Aus Prinzip und generell.

Sie ist so kalt von Schulter bis Füße; ich möchte an dieser Stelle die Füße betonen, die Füße sind so kalt, dass ein Eisklotz sich vor ihnen verbeugen würde, ihre Füße sind so kalt, dass ein heißes Bügeleisen an ihnen innerhalb von zwei Sekunden völlig erkalten würde, ihre Füße sind so kalt, dass es meinen Füßen ebenso ergeht, wie es dem Bügelbrett, nein -eisen, ergehen würde; dass mein Schweiß schreiend davonzurennen scheint. (Leise schreiend, sonst würde Juliane aufwachen.)
"Iff mn fniebtn ta."
Pling, pling, pling, pling!
Was Fragezeichen.
Sie hat gegen meine Brust geredet. Gegen den Stoff des langärmligen schweißaufsaugenden Schlafanzugs an meiner Brust!
Und das war unförderlich. Äußerst unförderlich.
"Sag das noch mal."
"Nee."
"Ich hab es nicht verstanden."
"..."
Jetzt friere ich auch. Und dabei sind wir Rollmopsartig in unserer Art. Mit Decke und eingerollt wie ein Rollmops. Rollmopsartig. Rollmopsartig überkommt mich die Verzweiflung wie Rollmöpse verzweifeln!
Ich möchte mit der Faust ein Loch in die Wand schlagen (wollen) wegen meiner Unaufmerksamkeit in einem derart wichtigen Moment. Ich möchte versuchen mit der Wand eine Faust in die Unaufmerksamkeit zu schlagen wegen meiner Löchrigkeit! So rum.
Denn ich hätte trotz aller Schwierigkeit, aller Widrigkeit, aller Wetterverschlechterungen auf dieser Welt und dem Haar in meinem Mund verstehen müssen, welche Worte sie sagte!
"Versprichst du, es keinem zu sagen?"
Ja natürlich! (Ich weine tausend Tränen in dieser finsteren Nacht, die meine Nutzlosigkeit laut lachend unterstreicht.)
"Ich verspreche immer noch bei dem Leben meiner Enten, dass ich keinem Iff mön fniebte ta sagen werde!"
"Was?"
"Genau!"
Es dauert drei ein Viertel Sekunden bis die Erkenntnis an die Türen meiner Gehirnzellen klopft und mir sagt, dass es nun aber nicht die Nacht ist, die lacht. Die Nacht, die lacht. Die Erkenntnis war schon immer ein sonderbar lustiger Gesell. Haha.
"Ich habe gesagt: Ich bin verliebt in Jutta."
Aha!

Eines wird an dieser Stelle und keine Sekunde später festgehalten: Es ist nicht geringfügig.
















Neun

In der Luft liegt ein Geruch, der Schwefel ähnlich kommt. Schwefel aus der Hölle. Die Flammen -von Satan, dem Teufel selbst, erschaffen und gesteuert- lodern die Wände entlang, schlängeln sich an der Decke wie Sand in der Wüste bei einem Sturm, hinterlassen schwarz und Zerstörung und lassen alles zerbröseln wie Staub, als Asche.
Zumindest würden sie das, wenn sie nicht von der Tränenflut, die aus des Marces Auge (Genitiv!) austritt, davongeschwemmt und Schrägstrich beziehungsweise gelöscht würden.
"Einfach... so... Verstehst du das? Kannst du das verstehen?!"
Wenn Klopapier, das so grau ist wie Beton und somit jedem damit umissverständlich ins Gesicht schreit 'Ich war das Billigste, was es zu finden gab!', als Taschentuch missbraucht wird, -wobei man bei diesem Klopapier nun wirklich, wirklich und gar nicht von Missbrauch sprechen kann... denn eher missbraucht das Klopapier die gerötete Nase des Marc (Genitiv!) und nicht andersherum-, dann muss es einen schlimmen Zwischenfall gegeben haben. Der heute den Namen 'Jutta verlässt Marc und beendet damit die Beziehung zwischen Jutta und Marc, was bedeutet, dass Jutta und Marc nicht mehr zusammen sind und auch nicht mehr miteinander gehen' trägt. Was also und demzufolge zu dieser Situation führt, in der es meines Erachtens nach, ganz so aussieht, als hätte die Nachricht Marc keine Freude bereitet.
"Ein Jahr und... 4 Monate und..."
Abgesehen von der Klospülung herrscht Ruhe, die ich dazu nutze, einen Blick auf meine Uhr zu werfen und festzustellen, dass es bereits eine Minute achtzehn Sekunden vor Beginn der nächsten Stunde ist.
"Marc..."
"Und... 7 Tage! Ludwig, kannst du das verstehen?"
"Ludger."
"Nein, Marc."
"Ja. Natürlich. Ich weiß. Aber ich heiße Ludger."
Nach einem Schniefen hebt er seinen Kopf und gewährt mir erstmalig in den letzten zwanzig Minuten einen Blick auf sein Gesicht, das... nun, ich möchte sagen... nun... anders aussieht als sonst. Möchte ich sagen. (In einem verqollenen Maße, möchte ich sagen.)
"Entschuldige."
"Kein Problem."
"Nein. Ich meine, es tut mir leid, dass..."
"Kein Problem."
"Lass mich Bitte ausreden!"
Gedämpftes Klingeln, Scheppern, Läuten hallt durch den Toilettenraum, der sowohl aus Toilettenkabinen, als auch aus Becken für kleinere Geschäfte besteht. Und es kommt mir so vor und wohl auch Marc, der mich ansieht mit einem von Ungeduld durchsifften Ausdruck in seinen Augen, dass es länger dauert, als es sollte und die Sekunden in die Länge zieht wie klebrigen Schleim. Schleim, der nicht aus Exkrementen bestehen sollte, denn sonst übergebe ich mich, nachdem ich den Geruch davon schon seit gefühlten Stunden einatmen muss.
Als es abklingt, ist die Stille für einen Augenblick so durchdringend, dass es in meinen Ohren weiterklingelt. Ich glaube, ja, ich glaube mich erinnern zu können, dass es für diesen Zustand einen direkten Namen gibt. Einen Begriff. Aber er will mir nicht einfallen. Ich glaube, er beginngt mit T.
"Danke, dass du auf mich aufpasst, Lud... ger!?"
"Ja."
"Ludger."
Ein Lächeln, was seinen linken Schneidezahn im flachen, staubkorndurchtränkten Licht aufblitzen lässt, ist der Grund für ein Gefühl, dass sich zunächst im Hals festzusetzen scheint, als wäre es durch meinen Mund hineingeflattert wie eine überhastete Fliege und dann in meinen Bauch sickert wie Sprühregen in die nach Wasser dürstende Erde, als ich Speichel durch meine Speiseröhre befördere und einen flinken Luftsprung macht, als sein Lächeln auf Augenhöhe kommt und zwei Arme mich umschließen wie lebendig gewordene Sicherheitsgurte.
Nur wage ich zu bezweifeln, dass diese Sicherheitsgurte TÜV geprüft sind, denn so weit ich feststellen kann, ist kein dies belegender Aufkleber zu erkennen, was bedeutet, dass im Falle eines Un- beziehungsweise Notfalls meine Sicherheit nur in geringem Maße, eventuell sogar in keinem Maße, gegeben ist.
"Kein Problem."
Im Loslassen versuche ich noch schnell meine Passivität -während des Körperaneinanderdrückens selbst- zu vertuschen, indem ich meine schwitzigen Hände auf seine Hüfte lege und darüber streichle, als gäbe es nichts Normaleres auf der Welt als diese Sache zu vollführen. Und bekräftige dies mit einem Anheben beider Mundwinkel, woraufhin ich bemerke, dass unbewusste Reaktionen reagieren, die meinen Körper betreffen. Man kann sagen, dass mein Gehirn Kurzschlussreaktionsartige Signale an meinen Körper sendet. Ich sollte ein ernstes Wörtchen mit meinen Gehirn reden. Ein sehr ernstes Wörtchen. Und ihm in diesem Zuge noch meine anderen Beschwerden aufzeigen, die sich von Jahr zu Jahr häufen. Auf einen Haufen häufen.
"Weißt du..."
Eins weiß ich sicher: Du solltest dir dein Gesicht waschen.
"Es ist nämlich... nämlich... oh Gott...."
Und etwas anderes weiß ich noch sicherer und zwar, dass es nicht abgemacht war, dass seine Augen erneut beginnen Tränenflüssigkeit abzusondern und außerdem, dass er dabei so aussieht, so -vorne S hinten O-, dass ich etwas tun möchte. Etwas -Vorne E dann T dann W, egal!-. Und außerdem kommt zu dem außerdem noch hinzu, dass mir in meiner dusseligen Blindheit und blinden Dusseligkeit nichts Gescheiteres einfällt, als ihn in den Arm zu nehmen und gedanklich Milch mit Lindenblütenhonig in einem Kochtopf zu kochen und in eine blaue Porzellantasse mit Goldrand zu füllen, was dazu führt, dass... Ja, genau so ist es, dass aus diesem Grunde diese Dusseligkeit dazu führt, dass in dem Moment, als ein Mensch, Peter, der meiner Klasse ebenso entspringt wie ich und Marc, hereinstürmt, wohl aus dem Grund der Suche nach uns, nichts zu sagen weiß, außer 'Äh...'.
Was wohl keinen schlimmen Nachgeschmack hinterlassen würde, wenn denn meine Gesichtsfarbe konstant bliebe und nicht von elfenbeinig in erdbeerig wechseln würde, woraus man schließen könnte, dass es sich bei der Situation, in die er, der Mensch, Peter, geplatzt ist, um eine intime, wenn gar sexuelle Situation handelt.
Dass diese Situation verzweifelter Tröstmomente durch Körperkontakt, körperlichen Ganzkörperkörperkontakt, falsch verstanden wird, was ich stark annehmen dürfte, durch das Schweigen was herrscht und in Marces Gesicht nichts weiter auslöst als diffuse Verwirrung und Ärmelreibereien in geröteten Augen, woraus ich den Schluss ziehe, dass nur ich und Peter gewisse Gedankengänge teilen und uns aus diesem Grunde ansehen wie zwei Raupen, die auf einem dünnen Blatt sitzen, dass im Winde verdächtig schwankt, bringt meine Tränensäcke durch böse Vorahnungen schon beinahe zum Zerbersten.

















Zehn

Im Moment völliger Konzentration und zwei Tage nach dem Zwischenfall auf der Toilette, der nicht ohne Folgen vonstatten ging, trifft mich etwas am Hinterkopf, worauf ein stark gedämpfter -vielleicht eingebildeter- Mädchenquieker, die Sorte Mädchenquieker, die Mädchen quieken, wenn sie vor Schreck quieken, wie beispielsweise, wenn man sie ohne Vorwarnung an die Seiten packt -das weiß ich aus Beobachtung, nicht aus Erfahrung, höchstens Lebensbeobachtungserfahrung-, folgt. Demnach ziehe ich die Schlussfolgerung, dass es sich wieder einmal um einen Zettel handelt.
Und als ich der völligen Konzentration auf Physik Lebewohl sage und mich seitlich herunterbücke, dass es knirscht im Gebälg, dringt ein tiefer Seufzer aus meiner Kehle, der -Gott sei Dank- im Stimmengewirr einer Lehrer-Schüler-Diskussion untergeht.
Seit meines Wandels und dem Zusammentreffen mit Kristin, die heute ausschließlich rot trägt, was mich sehr erfreute -und ich ihr auch mitteilte-, Jutta und Marc, muss sowohl mein Körper als auch mein Hirn Leid ertragen, das nun plötzlich ohne innovative Ideen auskommen muss und nicht mehr genügend, nicht ansatzweise genügend, Freiraum für eigene ausschweifende Spinnereien -nie im Leben dachte ich, dass ich dieses Wort im Zusammenhang mit meinen Gedanken denken würde- zur Verfügung stehen sieht.
Ich weiß nur ein einziges Mittel, um dieser schlimmen Sache beizuhelfen: Goethe!
Bedecke deinen Himmel, Zeus, mit Wolkendunst, und übe, dem Knaben gleich, der Disteln köpft, an Eichen dich und Bergeshöhn; müßt mir meine Erde doch lassen stehn, und meine Hütte, die du nicht gebaut, und meinen Herd, um dessen Glut Du mich beneidest. Ich kenne nichts ärmers unter der Sonn' als euch, Götter!
Das müsste für's erste genügen, dass mein Herzlein wieder vor Freude aufjauchzen und mein Gewissen sich darin räkeln kann, dass diese Art der Nicht-Konzentration auf Unterrichtsstoff eine dennoch gute Sache ist.
'Hey, wie geht's? Jutta'

...

Ihr nähret kümmerlich von Opfersteuern und Gebetshauch eure Majestät, und darbtet, wären nicht Kinder und Bettler hoffnungsvolle Toren. Da ich ein Kind war, nicht wußte wo aus noch ein, kehrt' ich mein verirrtes Auge zur Sonne, als wenn drüber wär' ein Ohr zu hören meine Klage.
'Gut, Danke.'
Oh, ich hoffe mit meinem gespitzten Bleistift in der Hand, dass dies ihr mit aller Wucht und Grausamkeit verdeutlichen möge, dass sie unverzüglich damit herausrücken soll, was ihr im weißen Schühchen steckt.
Der Zettel landet ordnungsgemäß, nach Parkregel eins, zwei und vier (Regel drei ist in diesem Fall unwichtig) direkt und haargenau auf dem Tisch zwischen ihren rechtwinklig im 90 Grad Winkel angewinkelten Armen.

Wo war ich? ... Ein Ohr zu hören meine Klage. Ein Herz wie mein's, sich des Bedrängten zu erbarmen.
Wer half mir wider der Titanen Übermut? Wer rettete vorm Tode mich von Sklaverei? Hast du nicht alles selbst vollendet heilig glühend Herz? Und glühtest jung und gut, betrogen, Rettungsdank dem Schlafenden da dro-

Hinterkopf. Ich sollte mit ihr über die Parkregeln sprechen. Die hat sie anscheinend in ihrer Sorglosigkeit gänzlich außer Acht gelassen und im gleichen Zuge in die hinterste Ecke ihres Hirns eingekerkert.
'Mir auch. :-) Hast du den Marc wirklich nicht geküsst?'
...!
Goethe!!
Ich dich ehren? Wofür?
Ich hab ihr das 13 Mal erklärt und habe dabei darauf geachtet, dass ich bei jedem Mal in meiner Sprechweise langsamer und deutlicher werde, ohne mich selbst in Ausschweifungen zu verlieren, dass ich nicht ihrem Interesse mit einem Taschentuch hinterherwinken muss. Alles habe ich getan, um es ihr begreiflich zu machen, sogar Mimik habe ich benutzt und dennoch!
Hast du die Schmerzen gelindert je des Beladenen?
Hast du das? Häh? Oh Jesus, diese Frau ist wie ein stummer Krock im Anus! Ein stummer Krock? Ein krummer Stock, oh herrje!
'Nein, habe ich nicht.'
Zurück damit.
Luft! Luft in meinen Lungen! Himmel, was spüre ich für einen Anflug der Wut, die fast nicht mehr erträglich ist, in ihrer pulsierenden Enormität, die meine Glieder zu zerreißen wollen scheinen möge und sich dadurch vier Verben hintereinander verdient. Es ist von unfassbarer Unglaublichkeit! Von so grenzenloser Übermacht, dass ich den Kopf schütteln muss, mich direkt dabei erwische ohne es wieder rückgängig machen zu können, von einem Schwall Verfolgungswahn gepackt werde, nach links sehe und das Antlitz, das grässliche, von Robert erblicke, das sich zu einem grimmigen Grinsen verzieht und von einer Handbewegung unterstrichen wird, die aus Zeigefinger und Hals besteht. Der Zeigefinger streicht quer über den Hals in einer nicht zu flinken, aber auch nicht zu gediegenen Schnelligkeit.
Und als hätte Gott mit einem Mal zwei Blitze auf mich entsandt, fällt genau in diesem Augenblick der Zettel an meinen Kopf.
'Das ist gut, weil ich dich nähmlich fragen will' -
Bevor ich weiterlesen kann, muss ich -ich muss, muss, muss- dieses penetrant störende H entfernen.
'Das ist gut, weil ich dich nähmlich fragen will, ob du mit mir gehen willst?'

...

Dadurch bekommt die Du-bist-tot-Geste eine tiefere Bedeutung für mich.



Hast du die Tränen gestillet je des Geängstigten?
...













Elf

"Und deswegen konnte ich mich nicht entscheiden. Plüsch oder Baumwolle?"
"Da hab ich ihr zu Baumwolle geraten, wird schon seinen Grund haben, warum das jeder hat. Wäre Plüsch praktischer, hätte es schon vor Jahrzehnten den Markt erobert."
"Aber ich wollte einen Plüschschal!"
"Es wäre aber nicht aufgefallen, wenn du einen Plüschschal zu Baumwollhandschuhen trägst, wenn beides die gleiche Farbe hat."
"Was meinst du dazu, Ludger? Sag doch mal was! Du hast runtergekaut!"
"Jetzt lass ihn doch in Ruhe essen."
"Von dir lass ich mir gar nichts mehr sagen, Maaarcü!"
...
Die Situation ist folgendermaßen: Jutta und Kristin (in ihrer Aufzählung geordnet nach der Reihenfolge der Anfangsbuchstaben im Alphabet) berichten vom gestrigen Ausflug in ein Einkaufszentrum, in diesem es zu keiner Auseinandersetzung zwar, aber einer Meinungsverschiedenheit auf eine Frage seitens Jutta kam.
Hierzu wurde ich bereits aufgefordert meine Ansicht zu äußern, sowohl zu Plüsch im weitesten Sinne, was auch Kissenbezüge und Accessoires betrifft, als auch zu Plüsch bei Kleidungsstücken im Speziellen, woraus ich mich allerdings mit meinen Wurstbrot retten konnte, welches zu einer derartigen Delikatesse wurde, weil ich es ihm zu verdanken hatte an eben jener Diskussion, die nicht mehr im Diesseits enden kann, nicht teilnehmen zu müssen, dass ich die Bissen möglichst klein und den Kauvorgang möglichst lang wählte, dass das Brot erst in Form von einer pampigen, geschmacklosen Masse heruntergeschluckt wurde.
Dies brachte mir, wie gesagt, minutenlang das Recht zu Schweigen, das die Streitverursacherin nun zu beenden versucht, was ihr Exfreund und mein Sitzpartner neuerdings in 8 diversen Unterrichtsfächern, vereiteln wollte. Leider erfolglos.
"Mit der Farbe hat Kristin schon recht. Weiß auf weiß wäre nicht aufgefallen, wenn es denn dieselbe Farbnuance hat. Man sieht ja am Beispiel deiner Hose zu deinem Gürtel, dass weiß nicht gleich weiß ist. Aber hättest du darauf geachtet, hättest du weder auf den Plüschschal noch auf die Baumwollhandschuhe verzichten müssen."
...
Aus dem stummen Aneinandervorbeisehen entnehme ich, dass meine Aussage vielleicht den Konflikt gelöst, aber jeglichen Gesprächsstoff entwendet hat. Was mir das allgemeine Unwohlsein, das unangenehme Schweigen mit sich bringen, mit seinem lauwarmen Atem nochmals ins Gesicht haucht.
Und es vergehen zwei Schluck von meiner Wasserflasche und ein Stück Gurke bis ein Seufzer durch die Luft tönt und ein Kopf mit weichem Haupthaar den Weg auf meine Schulter findet und mir eine große Hand mit abgerissenen Fingernägeln auf den Unterarm klopft.
"Mensch, Ludger. Das erste Mal, dass das mal zu Ende gebracht wurde."
Der Besitzer des Kopfes rückt den dazugehörigen Körper in einem schrägeren Winkel auf seinem Stuhl zurecht, sodass die Last auf meiner Schulter noch einen gefühlten Kilo mehr beträgt und lässt die Hand in derselben Bewegung auf meinem Arm verweilen, dessen dadurch verursachtes Haut-auf-Haut-Gefühl meinem Bauch ein wohlbekanntes kitzelndes Radschlagen entlockt.
Und im nächsten Moment beinahe unterdrückt wird von einem beängstigenden Gedanken, der mir einkommt, als ich die Zahl der Anwesenden im Zimmer bedenke und welche Folgen sich daraus erschließen könnten, die so erniedrigend wären, dass ich mich fast unter diesen Gefühlen, die mich durchströmen, winden will und mein innerer Konflikt meine Stirn in Falten legt, was ich im Spiegelbild der Fensterscheibe unter anderem erkennen kann, denn das andere, was ich noch erkenne, sind die zusammengekniffenen Augen einer Person in weiß, die durch eben jene Schlitze mein gefühlswirrwarrverursachenden Kumpel mit bösartiger Boshaftigkeit anblitzt, was mir erstens nicht gefällt, mir zweitens unangenehm ist und drittens Sorgen macht, da ich genau daneben eine Person in beige-blau sehe, die die Person in weiß wiederrum mit starrem Blick ansieht, während der Besitzer des Kopfes auf meiner Schulter, der Hand auf meinem Arm und des Körpers auf dem Stuhl neben mir mit nachdenklichem Blick die Tischkante mit den Augen anscheinend zu zerschmettern versucht.
Und deswegen, wegen diesem Ganzen Ding, dem ich noch keinen Namen geben will, weil der allzu schrecklich wär und meine Ängste nur schüren würde, stecke ich mir mein letztes Stück Gurke in den Mund und erwarte voller Sehnsucht das schrille Klingeln der Glocke auf dem Gang rechts über dem Biologiezimmer, das unserem genau gegenüberliegt und hoffe mit aller Hoffnung darauf, dass diese Unterrichtsstunde einen Wendepunkt dieses namenlosen Dinges beinhaltet, der mir aufgrund seiner schwerwiegenden Größe auch einen Tipp für meinen Schwindel, ausgelöst durch die streichelnde Daumenbewegung der Hand auf meinem Unterarm, mit auf den Weg geben kann und sollte.
Denn der ist mir keinesfalls hilfreich. Weder in der Sache mit Jutta, die in ihrer Stumpfsinnigkeit meine Ablehnung, die nur ein Wort umfasste, das 'Nein' hieß und einen Punkt hinter sich trug, noch nicht begriffen zu haben scheint, da sie voller Freude im Gesicht mir und jedem im Umkreis von 20 Metern mitteilte, dass sie das nicht davon abhielte, um meine grenzenlose Liebe zu kämpfen, was Marc -GOTT SEI DANK (mit Großbuchstaben!)- nicht mitbekam, da die Jungentoilette, auf der er sich aus mir unbegreiflichen Gründen gern aufzuhalten scheint, mehr als 20 Meter Umkreis beherbergte. Noch in der Sache mit Kristin, die mir des öfteren hilfesuchende Blicke zuwirft, weil ihre unerwiderte Liebe sie, im Gegenteil zu Jutta, aufzufressen vermag. Und erst recht nicht in der Sache, aus der der Schwindel herrührt.


















Zwölf

"Hallo?"
"Ludger?"
"Ja?"
"Hier ist Marc."
"Woher hast du meine Telefonnummer?"
"Von Kristin."
"Achso."
"Hör mal, kann ich-"
"Und woher hat sie meine Telefonnummer?"
"Äh, aus dem Telefonbuch."
"Achso."
So ist das also.
"Also, hör mal."
"Ja."
"Kann ich zu dir kommen?"
"Wann?"
"..."
Da nahm mein Ohr doch gerade ein Geräusch wahr, ein Klong, wo ist sein Ursprung?
"Hast du das gehört?"
"Was?"
"Das Geräusch."
Wie kann er davon Wissen in sich tragen? Wie konnten das seine Ohren registrieren?
Ist das ein Scherz, ein Ulk, ein böser? Womöglich steht ein schwarzer Mann voll Tücke und hinterlistigem Gedankengut hinter mir, wenn ich meinen Kopf in die Richtung des Zimmers drehe, das Toilette, Waschbecken und Dusche beinhaltet. Oder in die Richtung des Wohnzimmers, weil ich aus nicht vorhandener Erfahrung schätze und rate, dass schwarze Männer, die es begehren Kehlen aufzuschlitzen, nicht bevorzugen uncoole Locations wie Badezimmer als Anfangspunkt ihrer Hatz zu machen. Dann wohl eher aus dem Wohnzimmer, wo der Fernseher durch quirlige Geräusche und Bilder den Raum durchflutet und meine blutüberströmte Mutter, gemordet, zermetzelt, geschunden, aber nicht vergewaltigt von dem blutrünstigen Fremden mit dem Blick ganz irr und dem Haar ganz wirr, durch sein Flimmern fast wieder lebendig aussehen lässt.
"Ich steh unter deinem Fenster."
...
"Woher weißt du, wo mein Fenster ist?"
"Von Kristin."
...
"Und die weiß es, weil sie schon mal bei dir war."
"Ich erinnere mich daran."
Da wage ich es ein Mal wegen gerechtfertigter Neugier und klar definiertem Unwissen eine unkluge Frage an den werten, hochintellektuellen Herrn zu stellen und werde sofort als dödeliger Dussel dar-, ab- und hingestellt!
"Soll ich durch's Fenster einsteigen?"
"Wenn du gerne willst."
"Hier ist eine Dachrinne."
"Ja."
"Hast du ein Seil oder so was?"
"... Ich hab Zahnseide."
"Denkst du, dass die mich hält?"
"Nein."
"Hast du ein altes Kabel?"
"Ein Verlängerungskabel."
"Schmeiß das mal runter."
"Du kannst auch durch die Tür reinkommen."
"..."
Ist das nicht genehm? Ist diese Variante zu schlicht und unspektakulär, aus Gründen der Normalbürgerlichkeit dieser Handlung? Indiana Jones? Mister Bond? Hausmeister Krause?
"Okay, bis gleich."
Tut tut tut...
...
Ich habe den Verdacht, den leisen, aber durchdringlichen Verdacht, dass er mit seinem rechten Daumen -wäre er Linkshänder, würde ich auf den linken Daumen tippen- den Knopf beziehungsweise die Taste gedrückt hat, auf der ein roter Hörer abgebildet ist.
Nun.
Es dauert, mit normalen Schuhen, von denen ich ausgehe, dass er sie heute an seinen beiden Füßen trägt, zwei Minuten bis er das Haus umrundet -natürlich nicht völlig umrundet, denn allein der logische Standpunkt zeigt doch klar und deutlich welcher dummer Unsinn das wäre, denn erstens: Wären Start- und Endpunkt identisch, zweitens: Wären Start- und Endpunkt unter meinem Fenster und drittens: Gibt es unter meinem Fenster nichts was das Herz, den Geist und den Gaumen so erfreuen könnte, dass eine Umrundung des Hauses als Opfer taugen würde- und die Treppen bis in den dritten Stock erklommen hat. Zwei Minuten, um mir eine andere Hose anzuziehen und meine Haare erneut durchzustylen. Kann ich das schaffen?
Tut tut tut tut tut tut tut tut...
Nein.
Bei der Ankunft an der Wohnungstür, die ich öffne, sehe ich ihn schon in der zweiten Etage und beginne mich zu fragen, warum ich nicht vorher begonnen habe mich zu fragen, warum er hier ist. Und die Möglichkeit, die durch wenig Prozente unterlegt ist, dass es etwas mit meiner Person zu tun haben könnte, lässt mich so sehr lächeln, dass es in ein Grinsen ausartet, das ich an mir selbst nicht dulden kann und durch einem Schlag mit der flachen Hand aus meinem Gesicht entferne. Gerade noch im Moment den ich unbeobachtet genießen konnte, bevor er den letzten Absatz beschreitet und mit einem Lächeln, über das ich nicht einen einzigen Gedanken... nichts, irgendwas, gar nichts mit Null, verschwenden werde, vor mir zum Stehen kommt. Und gleich darauf, ohne überhaupt Luft zu holen, die Arme um mich wirft, als wäre ich ein Rettungsring oder ein Onkel, der im Zweiten Weltkrieg bei dem ganzen Trubel in Deutschland beim Abholen der Lebensmittel verloren gegangen ist. Onkel Heinz mit der Halbglatze. Der, mit Verlaub, weder ein attraktives äußerliches Erscheinungsbild, noch gute Bildung oder eine gepflegte Aussprache vorzuweisen hat, aber dennoch mit Höflichkeit behandelt werden muss, aufgrund seines Alters und der generellen Pflichtwertschätzung älterer Familienmitglieder.
"Ich wollte zu Jutta gehen, weißt du, aber da ist mir eingefallen... dass... also..."
Heiliges! Heul jetzt bloß nicht los! Mir ist nämlich tatsächlich wegen der Erwähnung eines gewissen Namens einer gewissen Person, die einen gewissen Zusammenhang mit mir und mit ihm ebenfalls hat, besitzt und erzwingt, nicht danach zumute irgendeine tröstende Funktion wiederzuspiegeln. Freundchen.
"Verstehe. Komm rein."
Ein Nasenflügelbeben unterlegt mit einem grollenden Lungen-Luft-Einsaug-Geräusch, lässt mich dann doch darauf hoffen, dass er meinen Wink, des Sprechens mit kühlem, ja sogar resigniert-interessenlosen Ton, aufgenommen und aufgrund seiner Dankbarkeit zu mir auch umgesetzt hat und sich emotionale Ausbrüche ausspart oder anders gesagt: auf direktem Wege in seinen Darmausgang zurück -nein, zurück ist falsch- schiebt -ohne zurück-.
Weil es auch, das möchte ich unbedingt in Erwähnung wiegen, von penetrativer Unhöflichkeit ist, eine dritte, höchstens indirekt beteiligte, Person mit den eigenen Gefühlen zur tonnenschweren Last zu fallen.
Das möchte ich in Erwähnung wiegen!
"Darf ich ein Glas Leitungswasser haben?"
Nein!! Aus Protest: Nein! Streikprotest. Protestantischer Streik. (Oder ist das religiös, wenn ich es in dieser Form formuliere?)
"Ich geb dir Saft."
Apfelsaft.
Unverdünnt.
Er soll seinen Willen nicht mal ansatzweise von weitem zu sehen bekommen. Nicht mal.
"Ich hätte aber lieber-"
"Wir haben kein Leitungswasser."
Was mit Natürlichkeit unterlegt eine Magenumdrehung, gedärmverbiegende Lüge ist.
Und er mir aus diesem -ebenfalls mit Natürlichkeit umrandeten- Grunde auch nicht glauben will, als er den Wasserhahn offen und mit famosem Blick anstiert, wie ein Stier das rote Tuch in der Arena zu Spanien anstiert.
Aber das, ohja, das ist mir, mit noch wachsender, zu der riesigen Bohnenranke wachsender, Begeisterung schnurzpieprille. Und Wurst mit Senf. Und Kartoffelsalat. Mit Erbsen. Ohne Mais. Aber Gurke.
Genau deswegen drücke ich ihm das Glas Saft in die Hand und vernichte seine Widerstände, seine ungläubige Verwirrung mit einem Blick, der Widerstände und Verwirrungen nun mal einfach nicht zulässt.
Ich bin von innerer Verletztheit zerrüttet und von wabernder Eifersucht gefesselt. Und genau deswegen wird dieser Nachmittag in noch unbekannter Weise dem Königreich Satans ähneln.











Dreizehn

Würde mich irgendjemand -irgendjemand trägt die genaue Bedeutung von Scheißegalwer- in dieser Liegepose, die an sich nichts Erstaunliches an sich zu haben scheint, mit Augen beguckend erwischen, würde meine Persönlichkeit mitsamt meiner tiefen, einzigartigen Seele die Zehen vor Scham einkringeln wie ein Stacheltierchen mit dem Anfangsbuchstaben I es mit seinem gesamten Körper im Winter tut.
Wobei das genaue Problem nicht meine Pose umfasst. Viel eher ist es der Raum meines Kiefers. Und ich weiß nicht mehr, ich muss es jetzt rekonstruieren, wie ich in diese Unfassbarkeit hineintrudeln konnte. Wie konnte das nur passieren?
Der Anfang war doch von absolutionsnaher Realität geschwängert!
Und nun liege ich hier in der Löffelchenstellung, von keinster Nacktheit, mit einem kalten Hintern aufgrund des Gemäuers, an das ich mit eben diesem Körperteil gedrängt bin und habe einen fremden Kopf auf meinem angewinkelten Arm und einen allzu traumhaft weichen, warmen Nacken an meinen Lippen. Ich möchte nicht meine Verfassung geistiger Natur beschreiben. Denn dazu bin ich nicht fähig, das ist das einzig Klare, was ich noch zusammenkratzen kann.
Es tobt ein Sturm im Gebirge. Der Wind saust über die Felder und lässt die früchtetragenden Weizenstängel aneinander schlagen.
Wäre ich von größerer Tapferkeit in dieser Angelegenheit, so würde ich es wagen den Körperkontakt Lippen zu Nacken zu unterbrechen, zu unterbinden, zu vernichten. Aber ich bin es nicht. Und so warte ich und warte ich auf ein Ende, das in meiner Vorstellung nur grauenvoll sein kann.
Und ich überlege bereits, wie-
Klopf, Klopf.
Es hat an der Tür geklopft!
Dies ließ mich so erschrocken zusammenfahren, dass mein Mund sich öffnete und mich von meinem Leid erlöste!
...
Dieses Leid, das hätte länger andauern müssen und ich möchte dem nachschwelgen in alle Ewigkeit und mich wie eine Spermie in einem Strom Flüssigkeit davontragen lassen ohne Beachtung eines Zieles und am Ende sterben, sterben, sterben...
"Ludger?!"
...sterben, sterben, sterben. Ich seufze tief, ich seufze leis.
Und nicke nur und hebe meinen Kopf in die Richtung meiner ungemordeten Mutter, die das Türklopfen zu verantworten hatte und nun mit müdem Blick zu mir schaut.
"Wie wär's wenn ihr beide das Essen macht?!"
"Werden wir."
Und die Tür passt sich wieder ins Mauerwerk ein, auf den Zentimeter genau, was mich schier wahnsinnig fasziniert. Manchmal. Aber nicht heute.
"Mhhh..."
Da setzte mein Herz doch gerade einen Sprung aus! Meine Vermutung hatte mir Falsches geflüstert, als sie meinte, er sei noch nicht wach.
Durch Bewegung seines Körpers, schlaftrunkene, beginnt die Entstehung eines physikalischen Phänomens, das mit R anfängt und mit eibung endet, was nur noch heftiger wird und mich Flötentöne im Hirn hören lässt, als es sich von einer schlichten Rumrutsch- in eine Drehbewegung wandelt, an dessen Ende ein Aug in Aug... Oh Gott.
"Hab ich geschlafen?"
Na, hahaha, wenn du das nicht weißt, hohoho. Ich werde unwunderschöne Flecken von einer riechenden Körperflüssigkeit auf meinem Pullover unter den Achseln bekommen, das kann ich dir sagen, als Antwort, würdest du die dazugehörige Frage stellen, die wohl lauten würde: Was passiert gerade rein körperlich bei deiner Person?
...
"Ja."
"Mhh... gut."
Rrrrr... eibung am Bein. Meine dritte Hand möge sich Bitte sofort an meinem Mund einfinden, ich wiederhole: Sofort! Dieser Mensch, der Marc heißt, der in meinem Bett liegt, auf meinem angewinkelten Arm, der seine Gebeine mit den meinigen zu dem gordischen Knoten verflochten hat und an meine Gurgel atmet, scheint, es schaut jedenfalls wirklich ganz und gar danach aus, keinerlei Respekt vor körperlichem Abstand zu haben und außerdem scheint dieser Mensch auch nicht meine innere Anspannung, und -Herr Gott- das ist wahrlich untertrieben, wenn ich sage 'Anspannung', im geringsten zu spüren.
Ich bin von Sicherheit durchflossen, dass es ihm unmöglich wäre es nachzuvollziehen, wenn ich ihm berichten würde, dass hautenger Körperkontakt in diesem Maße zwischen seiner und meiner Person nicht... normal ist.
Hat dieser Mensch einen Komplex? Ist das ein Sydrom? Oder gar eine Sucht, die sich mit einfachen Worten beschreiben lässt, nämlich mit: Er hat es gern einen anderen Körper zu spüren und braucht das sogar zum leben?
Wenn dem so ist, dann habe ich, als nunmehr Kumpel dieses Individuums, ein, ja, ich möchte sagen, Problem.
"Hast d-du..."
Stottottottottererern! I-Ich mussususssss aufhörörrrren zu stottottotterern.
"...Hunger?"
"Mhhhh...."
Ein Geräusch, das mich unpassende Dinge denken lässt, möchte ich anmerken, obwohl ich es nicht zugeben will.
"Ja, schon."
"Dann lass uns was machen."
Sagte ich und rempelte ihn in aller nötigster Hastigkeit von mir herunter, als ob es um ein wertvolles Leben ginge, was es tatsächlich tat, denn mein Leben ist mir wertvoll, das ist es ohne Differenzen. Und kaum stehe ich auf Ballen, Fersen und Zehen, so muss ich tief durchatmen und einen zweiten Blick auf das Bett vermeiden und die Tür aufreißen und in die Küche rennen, ohne geknickten Knien, also demnach nur durch schnelles, lautes Laufen mit und.
Und!
Da ein weiteres Mal meinen Sauerstofftank auffüllen.
Bevor ich mir überlege ein Essen zu machen, das an Schnelligkeit in der Zubereitung nicht zu übertreffen ist, in der großen Hoffnung -eine von vielen, die ich seit meines Imagewechsels hege- dass das nähesuchende Individuum, das meine Zuneigung ein bisschen zu sehr auf sich lenkt, gehen möge, sobald die Nahrungsaufnahme beendet ist.
Benanntes Wesen schleicht gerade um die Ecke und schließt die Tür hinter sich.
"Was gibt's?"
"Rührei!"
Benanntes Wesen setzt sich mit Schwung auf die Arbeitsplatte.
"Na dann."
Benanntes Wesen reibt sich die müden Augen.
Benanntes Wesen sollte nicht weiter von den meinen unmüden Augen mit Starren bedacht werden.
...
Erst in dem Moment, als ich die mit einem scharfen Messer mit blauem Kunststoffgriff in Würfel geschnittene Salami in die schwarze, beschichtete, erhitzte Pfanne gebe, bricht das Schweigen was anhielt.
"Mein Tattoo ist fertig. Ich hab's noch gar nicht gesehen, aber ich wette, es ist bombastisch geworden."
Bombastisch. Mhm. Ja. Ja, das denke ich auch. Ein anderes Wort könnte seinen Rücken kaum trefflicher an Beschreibung untermalen.
"Du kannst mir helfen, das Klebzeug abzumachen, bevor wir ins Bett gehen. Alleine komm ich nicht ran."
"Okay."
Aber gern.
Da die Salami in ihrem Bratstatus nun nahe der Salamibratstatusperfektion -meiner Salamibratstatusperfektion, die von der Salamibratstatusperfektion anderer Menschen abweichen könnte- ist, gebe ich die acht Eier dazu, von denen zwei eine weiße und sechs eine braune Schalenfärbung besitzen, was mich allerdings nicht weiter interessiert, ich aber aufgrund meines Sehtums anmerke, da ich keinen Unterschied zwischen Ei und Ei -geschmacklich- je bemerkt habe.
Mh. Die Sonne wirft ihre warmen Strahlen auf das Land.
Was mich allerdings nicht davon ablenken kann, dass er sagte '...bevor wir ins Bett gehen.', was mich wütend werden lässt, in dem Falle so wütend, dass ich ihn rauswerfen möchte. Und Zweifel zernagen mein Gedärm, wieso und warum ich glauben konnte, dass die Welt, die Erde, dieser Planet, der Erde heißt, eine Besserung erlangen könnte, wenn mein Ego Freundschaften hütet.
Das war von blanker Dummheit.
Mein Verstand!
Er ist nichts wert, ich möchte mich übergeben, weil meine Qualen nicht aufzuhören scheinen, was soll ich tun, was soll ich sagen, mein Verstand ist wirr.
"Ludger?"
Das Unheil, das Unheil, es liegt in dieser Stimme, die mich in Dramaturgie ertrinken lässt ohne Rettungsring, ohne Boot, ohne Schwimmärmel aus quietschendem Kunststoff gefüllt mit Atemluft. Ohne nichts.
"Ludger, Mensch, du guckst ganz traurig, komm mal her."
Weil ich den Elektroherdschalter auf Null herunterdrehe und willig in mein Verderben laufe, mich von Armen halten lasse, die mir das Wissen erlauben, dass sie nicht einmal im Niemandsland Gehörigkeit mit mir haben werden.
Mir kleine Tränchen kommen, die sich in meinen Augen sammeln, meine Sicht verwischen, mir Kontrolle über meinen Geist nehmen, meine Wertschätzung, mein Leben, genau mit diesem Duft nach Desinfektionsmittel und Deodorant, nach männlichem Geruch, den ich nicht besitze, weil ich von purer Schlabberigkeit bin. Nichts hart, nichts unbiegsam. Es ist der Selbstzweifel!
Kontrolllosigkeit.
Und diese Wärme.
"Es wird alles wieder gut."
Mit Sicherheit nein. Ich glaube, ich liebe dich.














Vierzehn


Von einigen Dingen geht man einfach aus. Man denkt sich das so, weil sich das Hirn, das Organ unter der Schädeldecke, es eben genau so kalkuliert, wie ein Computer, ein Taschenrechner oder ein Naivigationssystem. In 500 Metern Bitte rechts abbiegen.
Und als ich davon ausging, wieder einmal in neu gewonnener, nein, wieder neu gewonnener, wieder neu entdeckter, von rosa Wolken herausgezerrter, von seichtem Liebesnebel umhüllter Naivität, dass der neue Tag, der vor sieben Stunden begann und der sieben Stunden lang ist und damit, mit der Rechnung vierundzwanzig minus sieben, noch siebzehn Stunden umfassen wird, besser sein könnte, so lag ich damit mit Sicherheit, mit circa und ungefährer und schätzungsweise 83,7 prozentiger Sicherheit, daneben.
Als meine Zähne von ihren, über Nacht angesammelten, Bakterien, mit einer Bürste aus dutzenden, gar hunderten, von Plasteborsten, befreit und zu einem zart strahlendem Weiß gereinigt werden.
Als just in dem Moment, als ich mein tropfnasses, von kaltem Leitungswasser tropfnasses, Gesicht mit meinen Halsmuskeln hebe und mit meinen, mit blutigem Rot umrandeten, Augen in die Abbildung meiner selbst sehe, so entdecke ich einen hinter mir stehenden Menschen, der sowohl von nackter Brust, nacktem Bauch, nackten Füßen, nackten Armen, nackten Schultern, nackten Waden, nackten Händen, nackten Knien, nacktem Halse und einem nackten Gesichtes ist. Und jenes einzelne Stück des Stoffes an Kleidung, welches er über seiner unnackten Hautpartie trägt, wurde in der Farbenlehre als 'blau' benannt. Ozeanblau. Zumindest möge es mir in diesen Lichtverhältnissen so scheinen.
Finger mit herausragenden Fingerknöcheln umfassen den Griff meiner Zahnbürste. Weitere Finger, dieses Mal jene der rechten Hand, drücken fest die Tube, welche weiße Paste in sich trägt und wiederrum die andere Hand, die linke, schieben Bürste und den Großteil des Bürstenhalses in den Schlund des Besitzers beider Hände, der Finger und der Fingerknöchel.
"Du..."
Bist von göttlichem Anblicke in diesen frühen Morgenstunden, Liebster. Jähe Sehnsucht kaut an meinen Zehennägeln, oh, du, mit dem wüstesten Haar!
"...hättest auch eine unbenutzte Zahnbürste kriegen können."
"Nach wasch." (-> Ach was.)
Lächeln, oh so blendendes Lächeln, Schaum, der aus dem Mundwinkel läuft, ebenso über Unterlippe und herabläuft bis zum allzu leicht, allzu fein, stacheligem Kinne. Oh! Welch unüberbrückbarer Moment der Vollkommenheit.
Er hebet den Arm, den freien, den linken, drehet seines Oberkörpers Vorderseite gen meiner Gestalt, und leget seine Hand, die freie, die linke, auf meines Schulters Bedecktheit, um mit seines Daumes weicher Unterseite mit graziler Leichtigkeit einen unsichtbaren Streifen seiner Göttlichkeit auf meinem Halse zu hinterlassen. Oh, welch Wonne, oh welch zitterige Gänsehaut mich überfällt, wie Räuber im Schlafe. Mögen sie mir mein Geld stehlen und auch mein Leben, ich möge und werde ihnen verzeihen und gar vor Gott um ihre Gnade beten.
Doch viel zu schnell ist dieser Augenblick, wie ein Wimpernschlag, ein Witz vom Herren der Zeit, ein kleiner Zeitvertreib statt Poker, vorüber, hinfort auf ewiglich und mir bleibet nichts, außer der famose und fromme Wunsch nach einer Frisur, die seiner Anwesenheit würdig ist.
Schleimig weiße, nach stark pentetrantem Frauenparfüm hinsiechende Gelmasse knete ich sorgsam in mein Haar, mit dem konzentriertesten Blick und Fingern, die ihre größte Geschicklichkeit erreichen, entwickle ich von Neuem meinen unübertreffbar konventionell kulturell konditionell und krakautaischen Style.
Nichts darf es trüben. Meine Perfektion der selbst erschaffenen Perfektion. Meine Unvergleichbarkeit.
Wenn ein neuer Angriff des Schicksales ansteht, darf mich nichts anderes erschüttern, aus der Bahn werfen und verunsichern. Wenn meine Züge des Gesichtes auch ihr Gleis verlieren, so werde ich dennoch auf mein Aussehen bauen und an mir herabsehen können, auf dass meine Fassung den Weg zu mir zurückfinde.
Und so werde ich vielleicht dennoch niemals jenes, welches seines ist, Herz erobern, dass in der mir heiß ersehnten Brust schlägt, tief verborgen unter dieser Haut, dieser wundervollen Haut, unter Fleisch und Knochen und Sehnen und Unmengen von Blutgefäßen, aber trotz allem meinen Mann stehen, das werde ich bei Gott.
Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss! Und sei er noch so stark geprägt von Weiblichkeit.







Fünfzehn


Mein Leiden. In Worte ist es nicht zu fassen, während ich nun hier sitze und sie suche, versuche auszugraben aus den Tiefen meines Wortschatzes, doch es ist von unglaublicher Aussichtslosigkeit und in meinen Augen schwimmt die Hoffnung, die scheinbar und von allzu viel Realität angetrieben, in baldiger Zeit meine Wange hinab, hinunter laufen, verschwinden wird.
"Das ist mein Plan, hör zu."
In ungewollten Situationen schwanke ich umher. Wie ein Betrunkener. Doch zerstöre ich mehr als nur meine Leber, so viel mehr, als dieses eine Organ, zerstöre mich, mein Gewissen, mein Herz, meine Zuversicht in das Leben von den Haarwurzeln bis in die äußersten, rötlichsten Spitzen.
"Wir beide, also du und ich, wir werden ein Paar. Anfangs hatte ich das mit Marc vor, aber der würde da nicht mitspielen, guck dir den doch an. Das wird nichts. Außerdem... Jutta liebt jetzt dich."
Kristin, meine erste Verbündete, Freund Nummer eins, Weggefährtin mit der Liebe zu grünen Farbtönen, spricht Sätze, die ich nicht zu begreifen vermag. Ist es gar eine Sprache, die ich nie kannte?
"Ich versteh dich nicht."
Sie wippt mit dem Kopf nach links und lässt ihn in dieser, gar aberwitzigen, Position, gleich einem fragenden Hunde.
"Ganz einfach: Ich verbünde mich mit meinem Feind."
Ist das ein Schimmer, ein Licht in der Ferne, in der Atmosphäre, die Erleuchtung heißt? Nein, nein, ich sehe keines, nichts, nur schwarz.
"Ach, man! Wir werden ein Paar, da wird Jutta erst mal sauer auf mich sein, aber dann schwängerst du mich und lässt mich sitzen. Jutta erkennt, was du für ein Arsch bist und der Weg ist wieder frei."
...
"Alles klar?"
...
"Das ist mein Plan."
Was lachet dieses grässliche Weib in scharlatanischer Manier?
"Einverstanden?"
Ihre verformten Wangen ziehen meinen Hass auf sie. Unmenschliche Gedanken, die sie da heget. Zerstörung meiner selbst! Und dem soll ich zustimmen? Was wäre ich für ein Narr, das wüsste selbst Schiller!
"Ich habe einen anderen Plan."
"Ach Ludger..."
Du wagst es zu seufzen, Ausgeburt der Finsternis, Hölle und Drachenburg?!
Sprichst von gewölbten Bäuchen, von nächtlichen Handlungen, von denen weder mein Körper noch mein Geist etwas zu tun haben vermögen und redest von menschlichem Leben, das so neu und unschuldig ist, als wäre es nichts, als nur ein Mittel, nein, ich denke nicht, ich kann nicht glauben, dass du dies sagtest. Du kannst es nicht so meinen, meine Holde, es wäre zu, viel zu, oh Gott!
"Ganz im ernst, hör mal zu."
Dir werde ich die Beine einzeln herausreißen, alle beide! Wenn du noch ein Mal und noch ein zweites Mal deine Äugelein, die runden, rollst wie ein Fisch.
"Ich..."
Dramaturgische Pause von viersekündiger Dauer. ...drei, vier.
"...und Marc werden ein Paar."
Hebe nicht die Augenbrauen, junge Dame, das schickt sich nicht, während ich, dein Berater und Hofnachfolger reinsten Blutes, noch nicht zu Ende sprach!
"Was soll das bringen?"
Ja, bist du denn dumm! Du musst es sein, sonst könnt ich mir mein eigenste Wortwahl nicht verzeihen.
"Ich bin aus dem Weg. Und das Risiko, dass sie zu Marc zurückgeht, hast du auch nicht. Und trösten kannst du ja wohl. Das ist doch alles nicht so schwer zu verstehen."
Ist es Übellaunigkeit, die meinen Magen gen Wirbelsäule zu schieben scheint?
Sie, Kristin, voll Nachdenklichkeit, schaut auf die Wand. Der Flur ist nicht leer, es tummeln sich die gleichaltrigen Menschen wie Insekten kurz vor dem Läuten der Pausenklingel, die den Anfang des Unterrichtes meldet.
"Bist du denn schwul?"
Gott, Herr im Himmel, diese Frage, die ich verfluchte und fürchtete, was wird die Folge meiner Antwort sein, steht mir bei, oh, Herrschaften und Engel, auf dass meine Seele Frieden finde, ob im Diesseits oder im nächsten Leben. Amen, verdammt noch mal.
"Man muss nicht schwul sein, um Marc küssen zu können."
Einen Seitenblick, nein, den wage ich nicht. Diese Lüge, die Schändelung meines Liebsten, verzeih mir, Liebster, oh, Liebster, verdecke deine Ohren für einen Moment, in dem ich meine Zuneigung zu dir verachten muss.
"Na gut."
Goldene Tränen im kristallern glitzernden Sonnenlichte werde ich... Ach, ich scheiß auf diese Worte, meine Freude ist so rein, dass es genügt zu schweigen. In Gedanken zu schweigen wohlgemerkt.
"Abgemacht?"
Ich schüttele die Hand dieser fraulichen Person und schließe hiermit den Pakt der süßlich duftenden Verlogenheit, derer es bedarf, um die Knospen der Liebe, die Blüten, die Zweige und Äste und all das Gesträuch gedeihen zu lassen zu können zu werden.























(Kurzes Zwischenbla: Das Teil hier wird an die 32 Unterdingseln haben. Da ich gerade drei andere -wichtigere- Ideen im Kopf habe und mit keiner von denen über den ersten Satz hinauskomme, schiebe ich momentan ein bisschen Panik. Und 'Holz' hilft mir da nicht aus der Patsche. Es ist ein Jammer. Ein Jammer bin auch ich hier gerade... ~.~)



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung