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Ein schwerer Traum.
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Stein



Dieses Warten ist umständlich. Man schaut in die Ferne. Ein Getue, als wäre die Natur beeindruckend oder interessant. Oder ablenkend oder irgendetwas. Irgendetwas. Wenigstens.
Aber man schaut nur, um nicht in die andere Richtung zu sehen. An die Mauer, auf die Treppe, auf das Auto.
Ich würde auf die Haustür starren. Starren, wirklich starren, mit Denkfalten und Röte im Gesicht vor Anstrengung.
Dass du endlich etwas bemerkst. Irgendetwas. Womöglich noch etwas, was mit mir zu tun hat und nicht nur, dass dein Saftglas schon wieder leer ist.
Ich bin nicht wütend auf dich, ich bin auch nicht enttäuscht. Ich möchte nur unbedingt hier weg. Unbedingt und sofort und mit dir. Ich könnte einfach gehen mit dem Handy in der Tasche und wenn du anrufst, könnte ich dir sagen 'Ich bin schon kurz vor der Autobahnauffahrt, fahr los und sammel mich Bitte ein.'.

Ich friere. Weil schöne Jacken nun mal nicht wärmen. Und wärmende Jacken nun mal selten schön sind. Und ich sollte heute unbedingt schön sein.
So unbedingt, wie ich mir wünsche, dass du dich jetzt umsiehst, jetzt auf der Stelle und den freien Platz bemerkst. Und dich dann fragst, wo ich bin und dir egal ist, dass die Frau neben dir, die du erst seit heute kennst, ein neues Gespräch mit dir beginnen will und aufstehst und zur Toilette gehst und klopfst und meinen Namen rufst und dann, weil ich dort nicht bin, deine Jacke nimmst, die Tür aufmachst, die Treppen runterkommst und mich hier stehen siehst.
Unbedingt.

Da unten sind tausend Lichter in der nächsten Stadt. Und im Haus ist es auch hell und bunt. Und nur ich steh im Dunkeln und bin die einzige, die friert und heult.
Und dabei vergeht Zeit, die ich wahrnehme, die nicht einfach verfliegt. Jede Sekunde nehme ich wahr und hoffe so sehr.
Und du merkst es nicht.

Mir tut der Bauch weh vom Geheule, der Bauch und der Hals und ich will mich zusammenkauern, einfach hier auf dieser Stelle in der Einfahrt. Aber wenn jemand kommt, der nicht du bist, dann würde ich sterben wollen vor Scham. Oder ich würde schreien vor Wut, weil jemand anderes es bemerkt hat und nicht du.
Nur du sollst es bemerken. Nur du. Das geht die anderen nichts an. Ich vertraue nur dir in dieser Sache.

Ich glaube nicht, dass ich noch schön aussehe, so schön, wie ich mich heut Vormittag gemacht habe mit allerlei Schminke und Haarspängchen, die jetzt in meiner Jackentasche sind.
Es ist ein elendes Gefühl. Ganz fuchtbar. Und ich wische mit den Händen in meinem Gesicht herum und verschmiere alles, was da nicht hingehört.
Und es ist so schlimm und das einzige, was mich freut, ist die Dunkelheit und dass du dadurch nicht meine Hässlichkeit sehen wirst.
Wie hässlich ich bin! Außen und innen. Wie hässlich von mir, dass ich es mir so sehr wünsche, dass du dir jetzt Sorgen machst.
Ich bin unfair.
Aber das bringt mich nur noch mehr zum Heulen.
Und im nächsten Moment höre ich die Tür, wie sie aufgeht und das Klicken der Hoflampe mit Bewegungsmelder.
Die hatte ich vergessen, die Lampe, nachdem ich so lange gewartet habe.
Und dass du mich nun so sehen wirst, SO, bringt mich noch mehr, noch mehr, noch mehr zum Heulen, als das ganze andere. Ich kann schon bald nicht mehr. Es fühlt sich an, als würde etwas an mir rütteln.
Aber ich zittere nur so sehr.
Wenn ich jetzt noch im letzten Moment versuchen würde wegzulaufen, würdest du mich einholen und packen und ich würde hinfallen und mein Gesicht vor Scham auf den Boden in den Dreck drücken.
Und so lasse ich mich in den Arm nehmen ohne auf das zu hören, was du gesagt hast. Ich habe so lange gewartet, ich hätte hinhören müssen.

Hör auf zu heulen! ,sage ich mir und sage es 10 Mal hintereinander, dass es weniger wird.
Du sagst "Komm, lass uns wieder reingehen." und das versetzt mir einen Schlag, einen solchen Schock, dass ich alles verkrampfe, es direkt spüre, sogar mein Fleisch und dich wegdrücke und wieder überlege, wegzurennen, weil du mich ratlos und vielleicht auch ungeduldig ansiehst und dadurch vielleicht nicht sofort hinterherrennen würdest.
Aber wo sollte ich hin? Wo sollte ich schon hin.

"Ich will nach Hause."

Ich zittere so sehr, als du nicht antwortest und mich nur ansiehst. Ich will, dass du lächelst und mich an der Hand Richtung Auto ziehst. Das will ich. Und wenn ich es dir sage, wirst du es dann tun? Oder wirst du sagen "Ich habe keinen Grund zu lächeln, denn du siehst hässlich aus und ich hasse es, dass du hier in der Kälte stehst." und mich ins Haus zerren und unter die Dusche stecken und sagen "Und hör auf zu heulen, du bist jämmerlich." und das würde mir alles nehmen und ich würde im Bad versuchen mich umzubringen und das hätte ich verdient.

Aber du drückst mir deine Autoschlüssel in die Hand und sagst, dass du dich schnell verabschieden gehst.
Und ich steige ins Auto, schnalle mich an und friere im sitzen noch mehr.

Als du dich neben mich setzt und den Motor startest und ohne ein Wort losfährst, kommt das Zittern in Schüben. Zwei Sekunden nichts, drei Sekunden zittern. Und als du auch als wir schon auf der Autobahn sind noch nichts gesagt hast, sage ich "Entschuldigung." und du schaust mich an von der Seite und ich schaue zurück und erwarte ein Lächeln von dir, wenigstens jetzt und endlich, weil du das gut kannst und oft und gerne machst. Aber auch dieses Mal bekomme ich keines.

"Weißt du, ich wollte erst beleidigt sein. Bis ich mir dachte, dass du das wohl auch bei jedem anderen abgezogen hättest."

Vor meinem Auge verschwimmen die roten Bremslichter zu dem Bild eines Tropfens, der von oben auf einen Stein fällt und in tausend andere, viel, viel kleinere Tropfen zerspringt. Und als sich alles beginnt zu drehen, ist es wie im Karussel und mir wird übel und heiß.

"So bist du nun mal. Vergiftest alles."

Dass du das gesagt hast, tut mir so weh, dass sich in meinem Hirn die Wörter bilden und wie auf einem Fließband vorbei laufen. Das tut weh. Das tut weh. Das tut weh. Das tut weh. Das tut weh. Das tut weh. Das tut weh. Das tut weh. Das tut weh. Und in meinem Bauch, in meinen Fingerspitzen, Beinen, Ohren ein Druck ausbreitet, dass ich Panik bekomme und vor Angst beginne zu schreien bis meine Stimmbänder mir den letzten Ton rauben und mein Körper mich von allein verstummen lässt.

Dann lasse ich mich nach vorn fallen und komme nicht weit, da fängt mich der Sicherheitsgurt auf, schneidet mir seitlich in den Hals, nicht schmerzhaft, nur störend. Und fühle mich leer und traurig. So traurig, dass keine Träne mehr kommt.

Es dauert wohl lange, ich kann nicht sagen wie lange, bis ich nicht mehr nur neben mir stehe. Ich habe nie das Bewusstsein verloren, war nicht ohnmächtig, aber bemerke jetzt, dass wir stehen geblieben sind und Laster im Sekundentakt an uns vorbeirauschen und bei jedem bewegt sich das Auto ein bisschen hin und her.

Aber sonst ist es still. So sehr und ich beginne mich zu fragen, ob du noch neben mir sitzt oder ausgestiegen bist. Und als ich den Kopf herüberdrehe, sehe ich deinen Umriss und als der nächste LKW vorbeifährt auch kurz dein Gesicht. Das so ausdruckslos vor Hilflosigkeit ist, dass ich anfange zu erklären.

"Wenn sie mich ansehen, schäme ich mich. Weil ich nicht weiß, was sie von mir denken und von mir sagen. Keiner sagt mehr ehrlich, was er von dem anderen hält und als ich das bemerkt habe, war ich schockiert. Seitdem bin ich schockiert und verunsichert."

Du sagst nichts.

"Ich nenne sie nur 'sie', weil sie eine Gruppe sind. Nicht Frau sowieso und Herr sowieso und Marianne und Tom. Ein Augenpaar kann ich ertragen und vielleicht auch zwei. Aber sind es drei, dann fange ich an nervös zu werden und zu glauben, dass sie, sobald ich mich umdrehe, zueinander sagen, dass ich hässlich, dumm und langweilig bin. Ich kann nicht aufhören das zu denken."

"Das denken sie nicht."

"Die Leute denken immer irgendwas, wenn sie sich gegenseitig ansehen. Ich will nicht, dass sie etwas von mir denken. Wenn ich unsichtbar wäre, könnten sie mich nicht ansehen und könnten nichts denken. Aber da ich das nicht sein kann, muss ich gehen. Ich kann nicht bleiben. Es macht mich wahnsinnig. Ich fange an zu schwitzen und wenn sie das sehen, ist garantiert, dass sie was Schlechtes denken. Ich fange an zu zittern und weiß, dass sie etwas Schlechtes denken. Ich fange an zu stottern, rot zu werden und kann nicht mehr lächeln. Wenn ich nicht lächle, halten sie mich für unfreundlich. Dann denken sie schon so viel Schlechtes von mir und ich kann nichts daran ändern und muss einfach gehen. Und sobald ich aus ihrem Blickfeld bin, fällt so viel von mir ab. So viel, das kannst du nicht verstehen. Tausend Steine und mein Körper hört auf zu schmerzen, weil ich meine Verkrampfungen lösen kann. Es ist ein wunderbares Gefühl nicht angesehen zu werden. Es ist wunderbar, wenn niemand eine Antwort erwartet, wenn niemand irgendwas erwartet, was ich nicht einhalten kann. Weil ich zu unsicher bin um irgendetwas richtig zu machen.
Ich kann nicht bei Menschen sein, die ich nicht in und auswendig kenne."

Wie angenagelt sitzt du da, atmest, schaust und sagst nichts mehr.

"Ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst. Und das war auch noch lange nicht alles. ... Ich finde, es gibt zu viele Menschen auf dieser Welt. Und das macht mein Leben unerträglich."








23. August '06



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