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Ein schwerer Traum.
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So. Die Idee stammt von irgendwann zwischen Mai und Juli. Da hab ich ein paar Seiten gekritzelt. Aber per Hand komm ich immer nicht weit. Und dann kam Porzellan dazwischen (das war wichtiger). Bla bla.

Am Anfang sieht man gar nicht durch. Hä? Wo ist er? Was macht der dort? Und worüber redet er und mit wem?
Ist logisch.
Aber! (Chrm.) Das wird hoffentlich besser.




Du zögerst?



1. Der zwölfte Tag nach Lenas Tod

Bube. König. Ass.

"Timo, es ist kurz vor. Du musst hoch."

"Okay."

Rommé, zwei Stunden Rommé.
Jetzt mische ich meine Karten in den Stapel.
Ich bin ein bisschen erleichtert.

"Was hätte dir denn noch gefehlt?"

"Zum Rauskommen? Die Dame."

"Davon hab ich drei und eine davon doppelt."

"Doppelt? Warum wirfst du sie dann nicht weg?"

"Na, weil-"

"Weil ich mit der Dame vielleicht gewonnen hätte. Das konnte er nicht riskieren."

Mit ihr hätte ich gewonnen. Ganz sicher.
Dieser arrogante Idiot.

"Also, ich bin oben."

"Bis dann."

Bis dann. Allerdings.

Auf der Treppe ist es still. Und im Flur.
In den Zimmern ist um diese Zeit niemand.

Ich klopfe zwei Mal an der letzten Tür.

"Komm rein."

Nie sagt er 'Bleib draußen' oder 'Du kannst wieder gehen'.
Dabei hoffe ich das.

"Ah, Timo. Du bist pünktlich."

Chaos in seinem Büro.
Scheinbar hat er seinen Kaffee verschüttet.
Auf dem Teppich sind frische Flecken.

"Setz dich. Wie geht es dir?"

"Wie immer."

"'Wie immer' gibt es nicht."

"Es geht mir gut."

"Das ist schön."

"Wie ging es dir, als du das letzte Mal aus dem Zimmer gegangen bist?"

"Gut."

"Weißt du noch, worüber wir das letzte Mal gesprochen haben?"

"Über Lena. Es geht immer um Lena."

"Nein, Timo. Es geht um dich."

Ich versuche gar nicht erst seinem Blick standzuhalten.

"Willst du nicht mehr über sie reden?"

"Ist doch egal was ich will."

"Was fühlst du, wenn du über sie sprichst?"

Die Sonne steht tief und blendet mich.
Ich schließe die Augen.
Und sehe rot. Nur rot.
Wie ein Plakat, wie eine Wand.

"Denkst du über sie nach?"

Rote Farbe auf den Fliesen oder Blut oder doch rote Farbe?!

"Wirst du traurig, wenn du an sie denkst?"

Ich öffne die Augen wieder.
Sehe direkt ins Licht.
Es schmerzt. Es schmerzt so sehr, dass ich mich anstrengen muss, um sie nicht aus Reflex wieder zu schließen.

"Wirst du wütend, wenn du an Lena denkst, Timo?"

"Ich hatte sie gern."

"Warst du in sie verliebt?"

"Nein."

"War sie in dich verliebt?"

Je länger ich mit einer Antwort warte, desto weniger Fragen kann er heute stellen.
Die stellt er dann erst Morgen.
Und Übermorgen.
Oder irgendeinen anderen Tag in den nächsten Monaten.

"Nein, ich glaube nicht."

"Aber sie hatte dich auch gern?"

"Das hat sie gesagt."

Die Sonne ist hinter dem Hügel verschwunden.
Ich verübel es ihr nicht.
An ihrer Stelle wäre ich auch gegangen.

"Hast du dich gefreut, als sie dir gesagt hat, dass sie dich gern hat?"

Der Schmerz ebbt langsam ab.
In kleinen Wellen wird er immer weniger.

"Denke schon."

"Habt ihr viel Zeit miteinander verbracht?"

"Nach der Schule und am Wochenende. Da haben wir rumgehangen und Musik gehört. Einfach geredet."

"Worüber habt ihr geredet?"

Es ist kalt hier.

"Timo."

"Über Musik. Bücher und über die Schule. Worüber man halt so redet."

"Über eure Probleme?"

Meine Fingerspitzen sind blau und schwarz.
Die Rommékarten färben noch ab.
Sie sind ganz neu.
(Nachdem jemand die alten aus Langeweile und Blödheit in den Müll geworfen hat.)

"Hatte Lena viele Probleme?"

"Nein."

"Hast du ihr von deinen Problemen erzählt?"

"Manchmal."

Gerunzelte Stirn, langer Blick.
Dann nippt er an der Tasse.

"Sie war eine gute Schülerin, hast du gesagt.
Hat sie versucht dich anzustacheln mehr für die Schule zu tun?"

"Nein. Das war ihr mehr oder weniger egal."

"Habt ihr oft gestritten?"

"Nein."

"Hattet ihr in letzter Zeit irgendwann Streit?"

"Nein."

Noch ein Schluck Kaffee.

"Also gut. Wie sieht es mit deinen Schlafproblemen aus?"

"Es wird besser."

"Sag Bescheid, wenn es wieder schlimmer wird."

Damit sie mir mehr von diesen Tropfen geben?

"In Ordnung?!"




2. Der dreizehnte Tag nach Lenas Tod

Wir sitzen ein ganzes Stück abseits von den anderen.
Sie sind trotzdem noch laut.
Wenn einer die Nerven verliert.
Und brüllt und um sich schlägt.
Aber es sind immer die gleichen, die das tun.

"Timo."

Ich kann mich nicht konzentrieren.

"Timo, willst du heut lieber nicht darüber reden?"

"Doch. Es ist nur..."

Was wollte ich gerade sagen?

"Timo."

"Nur so laut."

"Willst du lieber reingehen?"

"Nein."

Mein Kopf.
Ich versteh kaum seine Fragen.
So laut hämmert es da drin.

"Können wir Morgen weitermachen?"

Darum bitte ich das erste Mal.

"Natürlich. Genug für heute.
Komm, ich bring dich noch zu den anderen."

Zu den anderen.
Volleyball spielen.
Blumen pflücken.
Schaukeln.
Oder schon wieder Karten.

Ich setz mich in den Schatten auf die Bank.
In der Gruppe bemerken sie mich vielleicht nicht gleich.
Mit ganz viel Glück.

Das Mädchen neben mir kenn ich nicht.
Noch nie gesehen.
Wohl von der Offenen.

"Hey."

"Hey."

Sie lächelt.
Zahnspange. Na toll.
Quietschgelbe Haargummies. Na toll.
Blumenrock. Na toll.

"Seit wann bist du hier?"

"Seit 12 Tagen."

"Ja? Also, ich erst seit gestern."

Und neu ist sie auch noch.

"Warum bist du hier?"

"Du zuerst."

"Also, ich hab geklaut und die Schule geschwänzt."

Ich seh sie mir noch mal an.
Rote Sandalen!

Was die wohl geklaut hat?
Lutscher?
Kirschen vom Baum?

"Nimmst du Drogen?"

"Seh ich so aus?!" Tu ich das?

Auf dem Tisch steht ein Plastebecher.
Und im Orangensaft schwimmt eine Fliege.
Eine richtig Fette.

"Also, irgendwie schon."

Sie holt die Fliege mit dem Zeigefinger raus.
Und setzt sie ab.
Dann fischt sie etwas aus ihrem Rucksack.
Der war auf ihrem Rücken?!
(Ein Teddybär mit Henkeln dran.)

Mit einem Taschenmesser schneidet sie dem Vieh mitten durch den Leib.
Widerlich.

"Boah. Boah, wie bist du denn drauf, Mädchen!?"

Die Frage ist allerdings berechtigt.

"Wenn du Hunger hast, frag gefälligst eine Schwester, man."

Dazu sag ich nichts.
(Sie auch nicht.)

"Wo hast du überhaupt das Taschenmesser her? Das ist gar nicht erlaubt!"

"Haben die eure Sachen nicht überprüft?"

"Nee. Ich glaub, das dürfen die gar nicht so einfach. Nur bei Notfällen und so."

Und so?
Wieso dürfen die von drüben Zeug in ihre Zimmer schmuggeln?
...und ich nicht?!

"In der Geschlossenen machen die's aber generell, wenn einer neu ist."

Aha...
Arschkarte.

Die mit den gelben Haargummies baumelt mit den Beinen.
Die ganze Bank baumelt mit.

"Eh. Hör mal auf."

Sie guckt mich an.

"Wie heißt du eigentlich?"

"Timo."

"Also, ich bin die Julia."

Das Auto mit dem Essen rollt vor die Station.
Gleich gehen wir wieder rein.

"Du hast mir noch gar nicht gesagt, warum du hier bist."

Ihre Zahnspange blitzt in der Sonne.
Wo ist der Schatten hin?

"Ich bin Schuld, dass meine Freundin tot ist."

"Hä?"

Dass mich jemand, der nachschaut ob Fliegen Innereien haben, so ansieht...
Ist typisch für den Platz an dem ich bin.

"Hast mich schon verstanden."




3. Der vierzehnte Tag nach Lenas Tod

"Hey, Timo. Schön, dass du dich zu uns gesellst."

Und das auch noch freiwillig.

"Hast du Durst?"

"Nein."

Schwester Gabi.
Hat wieder das Telefon mitten auf dem Tisch liegen.
Und den Schlüssel daneben.
Weil ihr weißes Kittelchen so eng ist, dass nur ein Taschentuch in ihre Tasche passt.
Die einzige Schwester mit langen Haaren.
Sie hängen vor ihrem Namensschild.
Immer. Egal wie oft sie sie in einer ruckartigen Bewegung über ihre Schulter wirft.

"Magst du mitspielen?"

"Nachher vielleicht."

Das Gartentürchen quietscht.
Die von der Offenen kommen immer später raus.
Weil sie später essen.

Die meisten laufen schnurstracks zum Volleyballnetz.
Einige biegen ab zum Pavillon.
Um da heimlich zu rauchen. Heimlich. Ja.

"Hallo Timo."

"Hey."

Ich dachte, sie würde mich nicht mehr ansprechen.
Gestern war sie erschrocken.
Und froh, dass ich gehen musste.

Doch heut lächelt sie wieder.
Ihre Haare baumeln aus einem Seitenzopf.

Sie setzt sich neben mich.

"Erzählst du mir, wie du deine Freundin umgebracht hast?"

"Warum interessiert dich das?"

"Ich wollte auch mal jemanden umbringen."

Die anderen spielen weiter fleißig Uno.
Sie scheinen uns nicht zu hören.
Ich weiß nicht. Warum sollte ich ihr etwas erzählen?

"Komm, wir setzen uns da rüber."

Sie zeigt auf die freie Wiese und steht auf.
Ihr Rock -der gleiche wie gestern- weht ein bisschen im Wind.
Aber heut trägt sie Turnschuhe.
Weiße Söckchen.

"Komm!"

Als sie mich von der Bank zieht, denke ich an Lena.
Weiche Hände.
Aber ihre sind kleiner. Viel kleiner als meine.

"Timo, wo wollt ihr hin?"

"Äh... sie will nach 4-blättrigen Kleeblättern suchen."

Die bringen Glück.

"Ja, die bringen nämlich Glück, wissen Sie!?"

Ich lag schon lange auf keiner Wiese mehr. (Jemals?)
Neben meinem Kopf blüht ein Löwenzahn.

"Also, erzähl."

Sie kniet sich hin und wühlt mit ihren Fingern im Gras.

"Sie hieß Lena."

"War sie hübsch?"

"Das ist egal. Aber, ja, sie war hübsch."

"Wie sah sie aus?"

"Das ist egal."

"Nein, ich will sie mir vorstellen können."

"Na gut. Sie war so groß wie ich..."

"So groß?"

"Ja. Und lange, dunkle Haare. Sie hatte immer enge, hellblaue Jeans an."

"Warum?"

"Weil die ihr am besten standen, glaub ich.
Sie hatte drei Paar Turnschuhe, die alle ungefähr gleich aussahen. Ihre T-Shirts waren immer gestreift. Blau mit gelben Streifen, grün mit schwarzen Streifen, lila mit roten Streifen und so weiter."

"Quer- oder Längsstreifen?"

Sie verknotet Grashalme miteinander.

Das hier bringt mich fast zum lachen.

"Querstreifen."

"Querstreifen machen dick."

"Lena war dünn. Groß, dünn und hübsch."

"Hast du dich in sie verliebt?"

"Nein.
Sie hatte viele Armbänder und Ketten und manchmal hat sie Glöckchen in ihre Haare geflochten. Das Gebimmel war nervig. 'Ich hasse amerikanische Musik.' hat sie immer gesagt."

"Warum das denn?"

"Keine Ahnung. Ich glaub, sie hatte gar keinen Grund dafür."

Jetzt legt sie sich neben mich. Auf die Seite.
Ich weiß nicht, ob sie mich ansieht oder das Gras oder den Horizont.

"Ich höre keine amerikanische Musik, deswegen war ich ihr sympathisch. Bei ihr zu Hause war nie jemand, wenn die Schule vorbei war. Sie war Einzelkind und ihre Eltern arbeiten den ganzen Tag.
Ich wünschte, es wäre jemals so still bei uns."

"Wie viele Geschwister hast du?"

"Zwei Schwestern und einen Bruder."

Ein Käfer krabbelt über meinen Arm.
Ich hab ein bisschen Angst, dass sie ihn wieder aufschlitzt, wenn sie ihn bemerkt.
Deswegen lasse ich ihn krabbeln.

"Jedenfalls war sie oft bei mir. Mein Bruder stand auf sie, aber sie war immer nur in meinem Zimmer. Weil er Poster von amerikanischen Bands in seinem hängen hat. Wir haben viel geredet und ich hab ihr davon erzählt, dass ich gern tot sein würde und sie meinte, warum ich mich dann nicht umbringe und ich sagte ihr, dass ich hoffe mein Leben durch einen kollektiven Selbstmord beenden zu können."

Ich sehe sie an und sie schaut zurück.

"Und was ist dann passiert?"

"Erst mal gar nichts. Ich glaube, Lena hatte vorher nie an Selbstmord gedacht.
Obwohl sie immer traurig war.
Irgendwann erzählte sie mir, dass ihr Opa Schusswaffen sammelt. Sie wollte ihm welche klauen, hat sie gesagt und dann würden wir uns erschießen."

Mein Herz schlägt nicht mehr schneller dabei.
Wenn ich davon erzähle oder daran denke.
Es bleibt nichts übrig.

"Wir hatten alles geplant. An einem Donnerstag sollte es passieren, sie hasste Donnerstage, deswegen eben an diesem Tag. In unserem Haus gibt es kein Zimmer, das man verschließen kann. Deswegen sind wir in ihr Badezimmer gegangen. Erst wollten wir uns auf den Badewannenrand setzen, aber das fand sie nicht gut. Deswegen haben wir uns auf den kalten Fliesenboden gesetzt. Einander gegenüber, wir haben uns angesehen, die Mündungen an unsere Schläfen gehalten. So wie in Filmen, das fand sie wichtig. Und dann haben wir abgedrückt. Ich hatte nie zuvor eine Pistole in der Hand und hatte vergessen zu entsichern. Sie aber hatte daran gedacht und fiel tot um mit dem Kopf nach hinten gegen die Toilette."

Jemand läuft an uns vorbei um den Ball aus dem Gebüsch zu holen.
Wir schweigen, bis er wieder weg ist.

"Wieso hast du nicht noch entsichert und abgedrückt?"

"Weil ich den richtigen Moment einfach verpasst hatte."



4. Der fünfzehnte Tag nach Lenas Tod

Heute ist sie nicht im Garten.
Ich hab nach ihr gesucht. Aber sie ist nicht da.

Gestern verging die Zeit schnell.
Und das passiert sonst nicht in diesem Irrenhaus.
Selbst im Schlaf zählt man die Sekunden.
Jede einzelne.
Und den ganzen Tag ist man müde und träge.
Das liegt an den Tabletten, haben sie gesagt.
Aber das legt sich, Timo, das legt sich mit der Zeit, haben sie gesagt.
Mit der Zeit.
Jaja.

Man fühlt sich faul und nutzlos.

Das ist die Art Müdigkeit, die einen nicht schlafen lässt.
Die ist die Schlimmste.
Sowas gibt es ja ständig. Überall.
Nur hatte ich zuvor nie Probleme mit dem schlafen.

"Bist du Timo?"

Das Mädel ist schon länger hier, als ich.
Auch von der Offenen.
Die hat so grelles Haar, so grell rot oder orange, dass man sie nicht übersehen kann.

"Ja."

"Ich soll dir den hier geben."

Ist das grüner Nagellack an ihren Fingernägeln?!

Sie gibt mir einen Brief. Auf dessen Umschlag steht... nichts.
Vorne und hinten nicht.

"Julia und ich teilen ein Zimmer und da hat sie mir den mitgegeben für dich."

"Aha. Danke."

"Jo."

Jo?

"Jo. Mach's gut."

"Jo."

Ihre Haare sind wahrhaft zum fürchten.
Vor allem von nahem. -Und von hinten.

Der Brief ist zugeklebt.
Auf dem Tisch liegen Stifte.
Ich nehm mir einen gelben, der erinnert mich an ihre Haargummies, und reiße den Umschlag auf.
Drin ist nur ein kleiner Zettel.

Und es steht auch nicht viel drauf.

'Mein Opa sammelt keine Waffen.
Aber ich weiß eine Brücke in der Nähe. Von der können wir springen.'

Wir. Zusammen. Gemeinsam.

Und eigentlich bin ich schockiert.

Aber mir wird warm ums Herz.
Wohlig.
Nicht kribbelig.
Warm.



5. Der sechzehnte Tag nach Lenas Tod

Am Wochenende ist es im Garten ganz still.
Die meisten von der Offenen fahren da nach Hause.

Auf den Stationen sind jeweils höchstens 15 Personen.
Die Geschlossene ist immer voll.
Immer.
Nie ist ein Bett frei.

Manchmal wird jemand von der Geschlossenen eher auf die Offene geschickt.
Bevor er bereit dafür ist.
Damit ein Neuer nachrutschen kann.
Jemand, der es nötiger hat hinter Türen aus Sicherheitsglas zu stehen.
Und auf den Ausgang zu starren.

Man kann das für Stunden tun.
Und jedes Mal, wenn die Tür aufgeht (weil eine Schwester jemanden zu einer Therapie oder wieder zurück bringt), atmet man ganz tief ein.
Frische Luft riecht dann so gut.
Nicht so wie in den Zimmern, wenn sie durch die Fenster hereinzieht.
Durch die Fenster, die nur leicht geöffnet sind.
Nur einen kleinen Spalt.
Mit einem Schlüssel wird das gemacht.
Dann duftet die Luft nicht.
Dann ist die Luft nur kalt auf der Haut und unangenehm.

Drüben steht die Tür immer offen.

Manchmal kann ich sie vom Fenster aus sehen.
Wie sie draußen sitzen und Mittag essen.
Oder grillen.

Und ich frage mich, ob ich so viel irrer bin, als sie.
So viel irrer, dass ich jede Minute überwacht werden muss.

Julia ist mindestens genauso krank im Kopf.

"Was sieht mehr nach einem Elefanten aus? Ihrs oder meins?"

Mindestens genauso krank im Kopf wie ich.

"Timo, sag mal!"

"Äh..."

Der eine Elefant ist grün und der andere hat keinen Rüssel.

"Malt mal noch einen Hintergrund hin, dann sag ich es euch."

Warum will sie sich umbringen?
Sie sieht nicht so aus, als könnte sie das.
Springen.

Womöglich ist sie beeindruckt von Lena.

Wenn das herauskommt...

Wenn herauskommt, dass ich sie auf so eine Idee gebracht habe...

"Fertig! Timo! Timo, guck mal! Timo!"

Ein grüner Elefant am Meer und ein Elefant ohne Rüssel unter einem Apfelbaum.
Absurd.

Absurd. Völlig absurd. Es ist absolut absurd, dass sie mir so etwas vorschlägt.



6. Der achtzehnte Tag nach Lenas Tod

"Und? Was sagst du dazu? Sie ist zwei Kilometer entfernt. Ich kenne den Weg dahin."

"Vergiss es."

Sie bleibt stehen.
Ich tue es auch.
Und der Kies knirscht nicht mehr.

"Was? Warum?"

Heut ist es nicht windig.
Es sind auch keine Wolken da.
Nur Sonne. Sonne, Sonne, Sonne.

"Weil ich nicht so hübsch bin wie Lena?"

"Was?"

"Ich weiß, dass ich nicht hübsch bin."

"Darum geht es nicht."

Ihr Gesicht wird ganz rot.
Ich glaube, sie fängt an zu weinen.

"Du hattest doch nicht mal den Mut mich persönlich zu fragen!
Und du denkst, du könntest springen?!
Das ist lächerlich."

Jetzt weint sie wirklich.

"Timo! Timo, spielst du 'ne Runde mit? Uns fehlt ein Mann. Komm schon!"

Ich spiele kein Volleyball.

"Klar! Bin gleich da."

Sie hat Schluckauf bekommen.

"Ich musste zum Sch-Schwimmen. Deswegen kon-konnte ich-"

"Ist mir egal wo du warst. Die Sache hat sich erledigt.
Vergiss es einfach."

Als ich mich umdrehe und gehe, läuft sie mir nach.

"Ich wür-würde springen!"

Und als ich anhalte, tritt sie mir auf die rechte Ferse.

"Sei leise. Verdammt, wenn die was davon mitkriegen..."

"Aber ich würde sprin-springen!"

Mit zwei Fingern halte ich ihr die Nase zu.
Sie hält still.

"Halt die Luft an."

Tatsächlich tut sie es.

"Solange, wie du es aushältst. Aber werd nicht ohnmächtig."

Hick.
Hick.
Ruhe.

Jetzt hat sie auch aufgehört zu heulen.

"Timo! Kommst du jetzt?!"

Sie reibt sich mit der Hand über die roten Wangen.
Und sieht zu Boden.
Es tut mir leid, dass ich sie zum weinen gebracht habe.

Ich hätte ihr das gar nicht erzählen sollen.
Alles nicht.

"Wie war es zu Hause?"

Ihr rechter Zopf ist lockerer als der linke.
Da hängen ein paar Strähnen raus.
Ich lasse sie hängen.
Sie ist schließlich keine von meinen Schwestern.
(Die hätten mir nie so einen Vorschlag gemacht.)

"Ich würde mit dir zusammen springen."

"Hör auf damit!"

Was hab ich nur gemacht?
Oh Gott.

"Vergiss das alles und erzähl keinem davon.
Wenn es niemand erfährt, kommst du bald hier raus.
Hörst du?!"

Sie nickt nicht. Sie sagt auch nichts.

"Ich geh jetzt Volleyball spielen."

Dieses Mal bleibt sie stehen, als ich loslaufe.
Aber sie schaut mir nach.
Und ich hoffe, die Sache ist jetzt erledigt.
(Hoffen.) Aber glauben tue ich es nicht.
Denn während des ganzen Spiels sehe ich immer wieder zu ihr rüber.
Wie sie dort steht und sich nicht bewegt.
Bis eine Schwester sie holt.

Und ich habe ein schlechtes Gewissen.

Weil ich sie traurig gemacht habe.
(Weil ich ihr Angebot abgelehnt habe. Ja, wirklich. Das ist so falsch und ich darf nicht so denken und am besten ich denke gar nicht mehr.)



7. Der achtzehnte Tag nach Lenas Tod

Draußen im Flur hört man nur noch Flüstern.
Dann Schritte.
Dann geht die Tür auf.

"So, ihr zwei."

Die gute Schwester Anja bringt mir meine Tropfen.

Es schmeckt widerlich.
Und wahrscheinlich würde mir das Zeug unverdünnt die Zunge wegätzen.
Und den gesamten Rachen. Speiseröhre. Magen. Gedärme.
Das würde wehtun, denke ich.

"Das Licht ist in 5 Minuten aus, ja? Gute Nacht."

Weg ist sie.

"Deine wie vielte Nacht ist das hier drin?"

"Mh, die Achtzehnte?!"

"Man. Bei mir ist es schon die Achtunddreißigste."

"Vielleicht wäre es weniger frustrierend, wenn du die Wochen zählst und nicht die Tage."

"Dann sind es fünf Wochen und drei Tage."

"Klingt das besser für dich?"

Er seufzt.

"Nee, irgendwie nicht."

"Dann zähl halt die Monate."

"Ein Monat und zehn Tage."

"Nur, wenn der Monat ein Februar ist. Wenn du den Juli nimmst, ist es ein Monat und eine Woche."

"Ja."

Wir schweigen eine Weile.
Dann knipst er das Licht aus.
Normalerweise fragt er vorher. Heut hat er es vergessen.

"Timo?!"

"Ja?"

"Es sind aber trotzdem noch achtunddreißig Tage, auch wenn ich 'ein Monat und eine Woche' sage."

"Schönreden ändert eben nichts an der Tatsache."

Die blauen Plastebezüge unter den Laken rascheln bei jeder Bewegung.
Man lernt, sich rasend schnell umzudrehen und sofort die bequemste Liegeposition einzunehmen.
Ist das etwas Positives?
Oder rede ich mir da auch wieder etwas schön?

"Timo?!"

"Ja?"

"Das Mädel mit dem du ständig redest -wie heißt sie?"

"Julia."

"Die hat heut geheult."

"Ich weiß."

"Wegen dir?"

"Ja."

"Was hast du gemacht?"

Eigentlich bin ich gar nicht Schuld.
Woher sollte ich wissen, dass sie so reagiert?!
Mir hat keiner gesagt, dass ich mit niemandem reden darf.
Ich konnte das doch nicht wissen.

"Timo? Bist du eingeschlafen?"

"Ich hab nichts weiter gemacht. Sie hat einfach so angefangen zu heulen.
Keine Ahnung, was die für ein Problem hat."

"Bleib mal locker. Ich hab doch nur gefragt."

Was ich zu ihr gesagt hab, war berechtigt. Total berechtigt.
Das ist mein Traum.
Ich kann doch nicht zulassen, dass sie ihn lächerlich macht!
(Genau!? Mh.)

"Timo?"

"Ja?"

"Man, du bist heut ganz schön von der Rolle."

"Das liegt an den Schlafmitteln."

"Bist du sicher?"

"Ziemlich."

"Na gut."

Unter dem Fenster hört man ein paar Stimmen.
Schichtwechsel.
Die Schwestern gehen nach Hause.

"Ich werd mich Morgen bei ihr entschuldigen."

"Hä?"

"Hast du mich nicht verstanden?"

"Nee. Hab grad drauf gehört, was die unten sagen."

"Ich hab gesagt: Gute Nacht."

"Achso. Nacht, Timo."

"Nacht, Robert."

Hoffentlich ist sie dann nicht mehr traurig.



8. Der neunzehnte Tag nach Lenas Tod

Es ist jeden Tag auf's Neue eine unglaubliche Sache.
Wenn die Tür sich öffnet.
Und allesamt durch sie hindurchgehen dürfen.

Wobei ich mich langsam auch an die unglaublichen Sachen gewöhne.

Wir sind heut spät dran.
Es gab Ärger auf Station.
Ein Streit, eine Prügelei, eine Platzwunde.

Im Garten spielt Musik.
Irgendjemand hat ein Radio mitgebracht.
Es steht oben beim Volleyballplatz (da gehe ich heut also nicht hin).
Unten bei den Bänken ist es angenehm ruhig.

Da würde ich mich hinsetzen und den Mädchen wieder beim Zeichnen zusehen.
Das ist wie zu Hause.
Beinahe.
-Hab ich Heimweh?

Aber ich gehe zu den Schaukeln.

Als sie mich sieht, holt sie extra viel Schwung.
Als wolle sie einen Überschlag versuchen.

Heut trägt sie eine kurze grüne Hose.
Wieder diese Turnschuhe. Wieder weiße Socken.
Und eine rote Strickjacke.
Pferdeschwanz.
Sie lächelt nicht.

Ich bleibe vor den Schaukeln stehen und sehe ihr zu.
Zehn Minuten etwa.
Vielleicht mehr.
Vielleicht weniger.
Ich bin nicht ungeduldig.
Das scheint sie zu bemerken.

Irgendwann wird sie langsamer, verliert an Höhe und springt.
Landet neben mir im Gras.
Zunächst auf den Füßen, beinahe perfekt.
Doch dann kippt sie doch noch nach vorne und muss sich mit den Händen abstützen.

Sie richtet sich auf und verschränkt die Arme vor der Brust.
Es wundert mich, dass sie nicht geht.

Nun wirkt es, als wolle sie sagen 'Schau her, ich bin gesprungen!'.

Ich habe hingeschaut.
Ganz genau habe ich hingeschaut.

Wir setzen uns ins Gras.
Zeitgleich.
Wie eine stumme Vereinbarung.
Es ist schon merkwürdig...

Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.
Am Anfang. Nur, wo ist der?

"Es ist das Schicksal von jedem, allein zu sterben."

(Das ist er ganz sicher nicht...)

Jetzt sieht sie mich endlich an.
Und sie hat blonde Wimpern.

"Außer man verändert sein Schicksal.
Mit einem Selbstmord bei dem man gemeinsam mit jemand anderem stirbt. Zur selben Zeit, am selben Ort. Zusammen."

Sie sieht wieder weg.
Auf ihre Hände oder ihre Knie.

"Ich möchte nicht allein sterben. Aber sterben möchte ich unbedingt."

Als sie nichts sagt, lege ich mich auf den Rücken.
Das Gras kitzelt angenehm.
Die Erde kühlt.
Und es sind Wolken am Himmel.
Vögel.
Flugzeuge.

"Hattest du Angst?"

Wie eine Katze rollt sie sich zusammen.
Auf Augenhöhe mit dem Gras.
Mit ihren Fingerkuppen streicht sie die Haare auf meinem Arm glatt.
-Wer tut denn sowas?
Und ihre Hände sind so, so sehr wie Lenas.
Den Gedanken kann ich nicht abschütteln.
Und ihre Haare und ihre Nase sind wie die meiner Schwestern.
Auch daran denke ich, obwohl ich es nicht will.

"Wann?"

"Als du die Pistole in der Hand gehalten hast."

"Ich habe gezittert. Das war Aufregung.
Keine Angst."

"Ich hätte auch keine Angst gehabt."

Und dann ist sie so, so anders als Lena.
Wie sie spricht.
Und sie sieht meinen Schwestern gar nicht ähnlich.
Wenn ihre Augen völlig glanzlos sind.

"Wenn du nicht mit mir springst, dann springe ich allein."

Oh.
Oh, ich muss den Mund öffnen.
Um tiefer einatmen zu können.
Schneller mehr Luft in meine Lungen.
Mehr Sauerstoff in mein Hirn.
Damit ich das verarbeiten kann.

Sie ist so, so anders.
So völlig anders.

Sie würde springen. Jetzt bin ich mir sicher.
Sie würde und sie wird.
Aber nicht allein, denn das wäre verschwendet.
Mit mir zusammen. Von dieser Brücke. Ganz bald.



9. Der zwanzigste Tag nach Lenas Tod

Heut ist sie wieder nicht da.
Den ganzen Tag schon habe ich mich darauf gefreut.
Seit ich mich gestern von ihr verabschieden musste.
Ich richte alles nur noch nach ihr aus.
Und jetzt ist sie nicht da!?
Sie hätte mir sagen können, dass wir uns heut nicht sehen.
Sie hätte mir das sagen müssen.

Schwimmen ist heut nicht.
Zum Kraftsport fahren die erst Morgen.
Wo kann sie sonst noch sein?

Hat sie es sich anders überlegt?
Hat sie mich die ganze Zeit verarscht?
Ist sie abgehauen?

Wurde sie entlassen?
Das kann nicht sein.
Oder?
Dann würde alles platzen.
Sie könnte mich nicht mal besuchen.
Das kann nicht sein.

Nein. Wirklich nicht. Da drüben ist sie.
Und sie kommt zu mir.

Sie trägt die Haare offen.
Sie sieht hübscher aus als sonst.
Ihre Haare sind so lang wie Lenas.

"Hallo."

Heut sieht sie sehr glücklich aus.
Gut, dass sie doch gekommen ist.
Gut, dass sie jetzt da ist. Das ist gut.

"Ich hatte Angst, du wurdest entlassen."

"Nee. Meine Eltern waren zu Besuch da."

Die hat's gut.
(Obwohl ich das jetzt gar nicht denken wollte.)

Aber...
Meine Eltern würden mich nicht besuchen.
Selbst, wenn es das Verbot nicht gäbe.

Selbst, wenn ich sie darum bitten würde, kämen sie nicht.
Nie und nimmer.

Und jeden Tag beten sie, dass ich bis zu ihrem Tod nicht entlassen werde.

"Timo?"

'Geht es dir nicht gut?' -Oh, Bitte, frag das nicht.

"Hast du eine Idee, wie du hier rauskommst?"

"Wegen abhauen, meinst du?"

"Jap."

"Hab ich auch schon überlegt. Irgendwann darf ich in die Schule gehen, aber da werde ich auch begleitet. Und zu allen Therapien, wenn ich irgendwann auch welche außerhalb des Hauses habe. Aus dem Garten komm ich auch nicht. Die Gartentüre quietscht und über den Zaun komm ich nicht drüber."

"Ich könnte jederzeit abhauen."

Sie grinst.
Das sieht dumm aus.
Unecht.
Damit sollte sie aufhören. Es ganz lassen.

"Ich weiß."

Ich will sie nicht mehr ansehen.
Ich freue mich auch nicht mehr, dass sie da ist.
Aber wenn sie nicht mehr da wäre, würde ich mich noch weniger freuen.

"Die Leute von der Geschlossenen werden nicht einfach entlassen. Sie müssen erst einen Zwischenschritt auf die Offene machen."

"Wieso?"

"Vorprüfung für die Entlassung oder so ähnlich."

Mein Hals ist trocken.

"Ich weiß nicht, wann die denken, dass ich soweit bin. Und dann bist du wahrscheinlich schon drei Monate wieder zu Hause."

"Und was ist, wenn du einfach so tust, als wärst du gesund?"

Wie soll das gehen?

"Ich weiß nicht mal, woran die festmachen wollen, dass ich krank bin. Ich finde nicht, dass ich krank bin. Und ich finde auch nicht, dass ich krank denke. Ich kann nichts dafür, dass die mich nicht verstehen. Findest du, dass ich mich krank verhalte? Ich finde das nicht und ich weiß auch überhaupt nicht, wie ich mich verhalten soll, dass die mich endlich in Ruhe lassen mit ihren ganzen Fragen. Was ist denn an mir so anders, dass ich hier eingesperrt bin? Ich verstehe das alles nicht und ich weiß nicht, was ich tun soll... ich..."

Hab ich das alles gesagt?

Jetzt ist mein Mund auch noch trocken.

"Timo?"

Sie rückt näher. Sie kichert.

"Timo, du heulst."

Warum grinst sie nur so dumm?
Warum guckt sie mich an, als hätte ich etwas Witziges erzählt?
Warum sagt sie sowas? Sowas.

Warum tröstet sie mich nicht?
Niemand tröstet mich.
Lena hätte mich jetzt getröstet.
Aber Lena ist nicht da.
Lena ist tot.

Ich will auch tot sein.

Ich will auch tot sein!

Sie wischt mir grob die Tränen aus dem Gesicht.
Das tut richtig weh.

"Jungs heulen nicht."

Sie hält auch meinem Blick stand.
Ganz lange.
Ich kann sie nicht zum wegsehen zwingen.
Und tue es deshalb selbst als Erster.

Sie ist nicht wie Lena.
Sie ist auch nicht hübsch.

"Das Gartentürchen ist nicht hoch, da kommen wir drüber."

Aber wenn sie seufzt...
Und sie ihr Kinn auf die angewinkelten Knie stützt...

"Wir setzen uns nahe dran, aber ein Stück abseits von den anderen."

"Wir dürfen nicht gleichzeitig aufstehen, das ist zu auffällig."

"Ja."

"Wir müssen das Türchen festhalten beim Drübersteigen, damit nichts klappert."

"Und draußen dürfen wir nicht geduckt laufen, da würden wir auffallen."

"Gut."

Wie sie Grashalme mit ihren Schuhen ausrupft...

"Ich geh mir was zu trinken holen. Willst du auch was?"

Sie schüttelt den Kopf.
Rupft weiter.

Am Tisch sitzen die üblichen Leute.
Seit einigen Tagen sind da keine neuen Gesichter mehr.

"Na, Timo!?"

"Darf ich mir was zu trinken mitnehmen?"

"Aber klar. Das hier ist aber nur für unsere Station. Wenn du für deine Freundin was mitnehmen willst, musst du da rüber gehen."

Schwester Gabi zeigt auf den überdachten Tisch nebenan.
Ich sehe da hin.
Dort sitzen weniger Gestalten als hier.
Dann sehe ich zu Julia.
Die zu mir sieht.
Und wir heben gleichzeitig die Hände. Die rechten.
Und winken gleichzeitig.
Aber denken wohl wieder etwas ganz anderes.

"Es ist schön, dass du jemanden gefunden hast."

Schwester Gabi lächelt und zwinkert mir zu.
Aber als ich gleichgültig Eistee in den Plastebecher schütte, hört sie damit auf.

"Wir wissen ja, dass du eigentlich Einzelgänger bist."

"Bin ich nicht."

Apfel-Pfirsich. Es macht nicht weniger durstig.

"Aber was soll ich den Leuten denn erzählen?!"

"Was erzählst du ihr denn?"

Wenn sie die Augenbrauen hochzieht, wird ihre Stirn noch faltiger.

Was soll ich darauf sagen ohne mich zu verraten?
Mir fällt nichts ein.
Mir fällt nichts ein.
Mir fällt nichts ein.
Und sie wird misstrauischer.
Und wenn sie etwas ahnt, was ist das Schlimmste, was passieren kann?
Wie könnte sie etwas ahnen?

"Nichts.
Sie erzählt mir etwas."

Sie will etwas sagen oder fragen oder ein Witzchen machen.
Schwester Gabi Witzchen.
Wenn sie lacht, wird ihr ganzes Gesicht noch faltiger.
Ich gehe. Drehe mich einfach weg und gehe.
Um sie davor zu bewahren.

Sie ahnt sicher nichts.



10. Der einundzwangzigste Tag nach Lenas Tod

Es regnet.
Das erste Mal seit ich in der Klapsmühle bin.

Wir mussten die Schwestern überreden, raus zu gehen.
Und nun sitzen wir alle in der Holzhütte.
Und es stinkt nach Rauch und nach Sand und Staub und nasser Haut und nassen Haaren und nassen Klamotten.
Jemand hat eine Gitarre und alle haben Liedblätter in den Händen.
Es ist eng.
Dadurch auch warm.

Julia zittert auf meinem Schoß.
Ihre Nase wird immer kälter.
Wenn sie ihren Kopf dreht und mir ihre Antworten ins Ohr flüstert, merke ich das.
Da streift ihre kalte Nase meine Wange.
Die warm ist, weil ich sie in die Kapuze von ihrer Jacke drücke.
Damit keiner sieht, dass ich nicht mitsinge.
Keine einzige Zeile.

Alles sieht aus wie zelten.
Wir sitzen in einer Hütte im Halbkreis auf Bänken, die nur aus alten Holzbrettern bestehen.
In der Mitte müsste ein Feuer brennen.
(Stattdessen sind dort nur tausend Fußspuren.
Ein einsamer Kippenstummel.
Und ein gelber, platter Kaugummi. -Schätzungsweise von letztem Monat.)

Aber es ist kein zelten.
Weil alle, die hier sitzen, hiernach auf die Stationen gehen.
Und Essen aus Metallkisten fressen.
Und in Betten schlafen, die unter dem Laken einen blauen wasserdichten Bezug haben.
Weil alle, die hier sitzen, von Ärzten eingewiesen wurden und von ihren Eltern abgeschoben wurden und von Krankenschwestern bewacht werden.
Weil man sie 'irre' nennt.
Aber wenn ich in die Gesichter sehe, ist da nichts, was sie anders macht.

"Wir müssen uns an den Händen halten."

"Was?"

"Wir müssen uns an den Händen halten und runterzählen, damit wir völlig gleichzeitig springen."

Ihre Augen sind so nah, dass ich sogar die kleinen Äderchen sehen kann.
Und es sind viele.

"Ob wir gleichzeitig landen können?"

"Das wird schwer."

"Aber wir müssen!"

Sie hat in jedem Ohrläppchen ein Loch.
Und Stecker drin.
Herzchen. Goldherzchen.

Ihr Kopf kippt noch vorn.
Ihre Haare, die hinter dem Ohr steckten, fallen vor ihr Gesicht.
Versperren mir die Sicht auf die Goldherzchen.

Sie bleibt ein paar Minuten so.
Pult an ihrem Knie herum.
Da hat sie eine Schramme vom hinfallen.
Und es wird kalt an meiner Brust und in meinem Gesicht.

Als sie sich wieder zurücklehnt, zieht sie meine Arme um ihre Hüfte.
Da ist es kalt.
Aber sie hält meine Hände fest, ich kann sie nicht zurückziehen.

"Kennst du das mit den Pflaumen?"

"Mhm."

"Ich weiß nicht mehr alle."

"Auf jeden Fall isst der Kleine sie alle auf."

"Einer schüttelt den Baum, der andere sammelt sie auf und einer bringt sie nach Haus. Was macht der Fünfte?"

"Vielleicht guckt der Daumen bloß zu?!"

"Meinst du?"

"Weiß nicht."

"Der ist ja faul."

"Er ist aber auch dicker als die anderen."

"Bestimmt hat der sonst immer die Pflaumen alle aufgegessen."

"Ja und jetzt macht er Diät."

Wir müssen beide lachen.
Was für ein Schwachsinn.

"Was ist so lustig?"

Das Mädchen neben uns ist von meiner Station.
Würde ich stark überlegen, würde mir auch ihr Name einfallen.

"Gar nichts."

Sie rümpft die Nase.
Julia kichert immer noch.

"Und worüber habt ihr vorher geredet?"

"Hast du gelauscht?"

Sie schaut entsetzt.
Ist sie zickig? Ich hab sie nie beachtet.

"So laut wie ihr seid, musste ich das gar nicht."

"Wenn du es gehört hast, was fragst du dann!?"

Blöde Kuh.

Kopfschüttelnd schaut sie zurück auf den Liedtext.

Julia drückt wieder ihre kalte Nase an meine Wange.

"Blöde Kuh."



11. Der fünfundzwanzigste Tag nach Lenas Tod

Im Sommer gibt es heiße Tage, regnerische Tage und ganz heiße Tage.
Letzteres ist heut.
Ein ganz besonders heißer Tag.

"Ich hab am Freitag Uno gespielt. Vorher konnte ich das nicht, aber jetzt bring ich es im Schlaf."

Im Garten gibt es keine Bäume.
(Man könnte draufklettern und sich verletzen.)
Es gibt nur einen Geräteschuppen.
Der nicht viel Schatten spendet, wenn die Sonne senkrecht von oben kommt.
Man könnte sich unter den Tisch legen.
Und würde rote Streifen auf der Haut kriegen.
Weil die Latten der Tischplatte jeweils einen Zentimeter voneinander entfernt sind.

Grillen.
Wir sind die Würstchen.

"Ich hab echt von Karten geträumt. Die waren so groß wie ich und haben mit mir geredet."

"Worüber?"

"Hä? Achso. Weiß nicht mehr."

Normalerweise stört mich ihr Drang nach Körperkontakt nicht.
Aber heute will ich sie wegschubsen.
Ihr halber Körper auf mir drauf macht die Wärme nicht besser.
Und wenn sie mit ihren Lava-Händchen an meiner Armbeuge rumkitzelt, läuft mir der Schweiß nur noch mehr aus allen Poren.

"Die Hose ist jetzt in der Wäsche."

"Oh. Gut. Wann bringt sie dir deine Mutti?"

"Am Wochenende fahr ich wieder nach Hause."

Also noch eine Woche.
Eine ganze Woche und noch länger.

"Was war an der Hose, dass du unbedingt diese anziehen willst?"

"Die ist meine einzige lange Hose und im Wald sind Brennnesseln."

"Ahja."

"Was willst du anziehen?"

"Sachen."

Wenn sie lacht zieht es ihre Oberlippe so weit nach oben, dass man ihr Zahnfleisch sieht.
Und ihre Mundwinkel so weit nach hinten, dass man jedes aufgeklebte Teil ihrer Zahnspange erkennt. Bis zum letzten Backenzahn beinahe.

"Ich bin müde, Timo."

"Dann schlaf."

"Geht nicht."

"Wieso nicht?"

"Zu hell."

Meine verschwitzte Hand auf ihr verschwitztes Gesicht.
Der Schweiß stinkt nicht mal mehr.
Nur noch Wasser, was da rauskommt.

"Besser jetzt?"

"Mhm."

Wieso laufen so viele Leute herum?
Sieht aus, als würden die was suchen.

"Waaarm..."

"Denk einfach nicht dran und versuch einzuschlafen."

Es ist eine ganze Weile ruhig.
Sie atmet gleichmäßig und tief.
Aber ich bezweifle trotzdem, dass sie eingeschlafen ist.
Meine Schwestern könnten das.
Alle beide.
...

Die anderen scheinen gefunden zu haben, was sie suchten.
Es ist so still.
Ganz, ganz still.
Und jeder Muskel entspannt sich. Man fühlt es richtig.
Ich könnte auch fast einschlafen.
Wenn ich jemand wäre, der einschlafen kann.

Mit geschlossenen Augen hört man alles intensiver.
Atem.
Stimmen von irgendwo.
Schritte.

Als ich die Augen öffne, guckt mich jemand an.
Schwester irgendwer von der Offenen.

"Julia, kommst du Bitte mit?!"

Sie wacht ganz langsam auf.
(Sie HAT geschlafen.)
Ist ganz duselig, als sie auf die Beine gezogen wird.
Plötzlich ist es nicht mehr still.
Als hätte jemand einen Lautsprecher auf volle Pulle gedreht.
Und die Geräusche prasseln auf mich nieder wie Hagel.

Ich bleib sitzen, als sie geht.
Fühl mich wie ein zurückgelassener Hund an der Raststätte.

Bevor ich sie kannte, hat es mich nicht gestört, hier allein zu sein.
Aber seitdem sie da ist, sind die Vormittage schlimm und die Wochenenden noch viel schlimmer.

Sie sind nicht weit weg von mir gegangen.
Gerade so weit, dass ich nicht hören kann, was sie sagen.
Julia steht mit dem Rücken zu mir.
Das Gespräch dauert nicht lange. Eine Minute, schätze ich.
Dann dreht sie sich um und rennt zurück zu mir.
Dass sie weint, bemerke ich erst an ihrem Zittern.

"Sie haben's rausgekriegt!"

"Was?"

"Sie haben's rausgekriegt!"

"Wie?"

"Wir müssen abhauen! Komm, lass uns jetzt abhauen!"

Ein Grüppchen steht neben dem Gartentürchen.

"Das geht nicht, da sind welche. Beruhig dich erst mal."

"Nein. Die wollen - die wollen, dass wir uns nicht mehr sehen!"

"Was?"

"Die wollen, dass wir-"

"Ja, das hab ich verstanden."

"Wie wollen die das machen?"

Sie überlegt.
Ihre Augen schwellen an.
Der ganze Schweiß macht das nicht besser.

"Ich weiß nicht."

"Das können die gar nicht. Das geht gar nicht."

Ich nehm sie in den Arm.
Obwohl das wirklich unangenehm ist heute.

"Timo, komm, du gehst rein."

Schwester Gabi spricht sonst nicht so tief.
Sie ist immer nett. Ich wünschte, sie hätte frei und müsste nicht arbeiten.
Und nicht so mit mir reden.

"Wir sehen uns bald wieder, ja?"

Diesmal ist es Julia, die sitzen bleibt.
Diesmal bin ich es, der geht.
Es wird ganz leer in einem drin, wenn sowas passiert.

"Julia."

Sie sieht auf.

"Wir sehen uns bald wieder.
Ja?"



12. Der fünfundzwanzigste Tag nach Lenas Tod

Scheiße, dass mein Zimmer im ersten Stock ist.
Ich kann den Krach hören, den sie machen.
Wie sie das Bett herumschieben.
Ich frag mich, was die suchen.
Zigaretten wohl nicht.

Nach zwanzig Minuten wird es endlich ruhiger.
Dann geht die Tür auf.
Schwester Gabi. Und diesmal sagt sie nichts.
Diesmal schaut sie nur.
Sie schaut mich nicht an. An mir vorbei.
Als wäre ich nicht hier.
Oder etwas Widerwärtiges, was man einfach nicht ansehen will.

Sie reicht einen Zettel weiter.
(Ich kenn ihn.)
Und setzt sich auf einen der zwei freien Stühle am Tisch.

"Mein Opa sammelt keine Waffen.
Aber ich weiß eine Brücke in der Nähe. Von der können wir springen."

Dramatische Pause.
Die brauch ich jetzt auch.

"Von wem ist der Brief, Timo?"

Es ist jetzt zu spät, um zu denken, dass ich ihn hätte wegschmeißen sollen.

Aber, verdammt noch mal, ich hätte ihn wegschmeißen sollen!

"Ist er von Julia?"

Mir ist nach heulen zumute.
Ich weiß, dass Jungs nicht heulen sollen.
Dass sie nicht heulen dürfen.
Aber ich kann nicht anders.
Tränen laufen einfach. Ungefragt.
Wie Regentropfen an der Autoscheibe im Fahrtwind.
Ich saß schon lange in keinem Auto mehr...
Und was ist das überhaupt für ein Vergleich!?

"Timo, du magst sie doch?"

"Ja."

"Du wirst sie umbringen, Timo. Ist dir das klar?"

Ich will nichts mehr sagen.

"So geht es nicht, Timo."

Ich will nichts mehr sagen.

"Das wird auch Konsequenzen für sie haben."

"Warum?"

Schwester Gabi steht auf.
Wo hat sie ihr Telefon?

"Komm, Timo."

"Nein. Warum hat das Konsequenzen für sie?
Sie hat keine Schuld. Das war alles meine Idee. Als ich sie das erste Mal gesehen hab, fand ich sie so hässlich, dass ich dachte, es mache keinen Unterschied, ob sie stirbt oder nicht. Da hab ich ihr das alles eingeredet."

Sie glauben mir nicht.
Das sehe ich ihnen an.

"Julia ist dumm. Sie war die einzige, die in Frage kam."

Selbst wenn sie mich hassen werden, wenn sie mir das jetzt glauben...

"Ich hab ein schlechtes Gewissen.
Sie kann nichts dafür."

"Du würdest Schuld an ihrem Tod sein, Timo."

So wie ich Schuld an Lenas Tod bin, so ist es doch, oder?
Das ist Unfug.
Ich habe sie nicht gezwungen.
Ich habe nie gesagt 'du musst!'.
Ich hab die Waffen nicht besorgt.
Ich habe nicht abgedrückt.
Und ihre hatte ich nicht mal in der Hand.

"Ich weiß."

Unsinn.

"Wen findest du noch dumm?"

Schwester Gabi spricht.
Aber ansehen tut sie mich trotzdem nicht.
Enttäuschung.

Ja, ich bin auch enttäuscht.

"Niemanden. Ich hab doch gesagt, sie ist die einzige, die in Frage kam."

Sie sieht verärgert aus.
Gut.
Ich bin es auch.

"Oder fällt Ihnen jemand ein?"

Wie sie ihre Lippen aufeinander presst...
Wenn ich das sehe, fühle ich mich nicht mehr traurig.
Und muss nicht mehr weinen.
Bin auch nicht mehr wütend oder enttäuscht.
Die tricks ich aus.
Allesamt.



13. Der sechsundzwanzigste Tag nach Lenas Tod

Einen Tag Isolation.
Ich dachte, das heißt allein in einem Zimmer eingesperrt sein.
Aber ich bin nicht allein.
Blöd eben, dass die nur ein einziges solches Zimmer haben.
Nix mit Isolation.

Der andere Typ pennt seit 14 Stunden.
Mit 10 minütiger Pause.
Zum frühstücken und pinkeln.
Danach hat er sich wieder hingelegt.

Es gibt zwei Fenster.
Ich warte, dass es halb zehn wird.
Dann wird drüben die Tür aufgehen und Julia herauskommen.
Hoffentlich darf sie alleine in die Schule gehen. Ohne Schwester.
Hoffentlich darf sie überhaupt in die Schule gehen.
Und hoffentlich schaut sie her.

Mir tut der Arsch weh.
Das Fensterbrett ist winzig.
Nicht gut zum draufsitzen.

Jetzt geht die Tür auf.
Und sie kommt tatsächlich heraus.

Ich will schreien.
Aber dann wird die Schnarchnase wach.
Der ist ein Arschloch. Arschlöcher petzen.

Als ich mich wieder umdrehe und rausgucke, kommt sie schon zu meinem Fenster gelaufen.
Sie hat mich also gesehen.
Wir winken uns zu.
Dann bleibt sie stehen und kramt in ihrem Rucksack.
(Der Teddybär.)
Holt einen Block raus und schreibt was drauf.

'Ich hab niemandem etwas verraten!'

Das weiß ich doch.
Ohje. Ich weiß.

Sie schreibt wieder.

'Kommst du heut in den Garten?'

Nein.

'Und Morgen?'

Ich kann nur wieder mit dem Kopf schütteln.
Sie lässt die Schultern hängen.

'Schreib mir einen Brief!'

Mein Nicken wartet sie nicht ab. Sie schreibt gleich weiter.

'Vermisst du mich?'

Da ist es wieder.
Grässlich.
Dieses bescheuerte Grinsen.

Die Antwort ist: Manchmal.
Oder: Nur ein bisschen.
Oder: Bis jetzt noch nicht so doll.
Oder: Ja, aber ich gebe es nicht zu.
Nein, nein. Das Letzte streichen wir.
Wie drückt man das aus?
Allein mit Mimik und Gestik...?

Sie schaut zurück auf ihren Block.
Blättert ein Blatt zurück.
Und hält ihn wieder hoch.

'Schreib mir einen Brief!'

Noch im Nicken, muss ich überlegen.
Weil ich nicht weiß, wie sie ihn bekommen kann.
Die ganze Welt ist gegen mich.

Sie packt ihre Sachen wieder ein und haucht mir einen Luftkuss zu.
Wie albern.
...
Ich hauche ihr einen zurück.
Dann geht sie.
Ich kann ihr noch eine Weile nachsehen.
Vom anderen Fenster aus.
Währenddessen fällt mir ein, dass ich sie wohl für eine ganze Weile nicht sehen werde.
Ich will gegen die Scheibe klopfen -die Scheibe zerschlagen- und ihr hinterherschreien.
Wäre mir das eher eingefallen, hätte ich sie genauer angesehen.
Mich nicht über das dumme Gegrinse geärgert.
Ich bin ein Idiot.



14. Der siebenundzwanzigste Tag nach Lenas Tod

Eiersalat.

"Wie weit bist du mit dem Abpellen?"

"... Vier noch."

"Willst du sie dann auch noch schneiden?"

"Mhm."

Alle sind draußen.
Und ich mache Eiersalat.
Mit Schwester Gabi.
Was ist das nur für eine Frau?
Die nicht nachtragend ist und nicht hasst...?!
Versteh ich nicht.

Eiersalat!

"Mit sauren Gurken oder Champignons?"

Eier.
Saure Gurken.
Champignons.
Geht das jetzt jeden Tag so?

"Saure Gurken. Gibt Morgen Pilze zum Schnitzel."

"Ach, gut. Da hätte ich jetzt gar nicht dran gedacht. Von zu vielen Pilzen bekomm ich auch Sodbrennen. Kennst du das? Ganz unangenehm."

"Mhm."

"Du bist fertig! So. Jetzt schneid sie so. Erst quer und dann so rum. Okay?"

"Jap."

Ich schneide, ich schneide.
Schneiden, schneiden, schneiden.
...
...
...

"Fertig."

"Gut, dann jetzt die Gurken. Oh! Das hast du gut gemacht. Du hilfst wohl zu Hause auch manchmal?"

"Nur beim aufwaschen."

"Ihr habt wohl keine Spülmaschine?"

"Nö."

"Wir haben uns vor fünf Jahren eine gekauft. Weil ich einen Gutschein hatte für 20 Prozent Preisnachlass. Die Dinger sind ja so teuer und da haben wir uns eine Kleine mitgenommen. Für uns reicht sie."

Interessant.

Wenn ich so überlege, habe ich nicht mal einen Ohrwurm.
An den ich jetzt denken könnte.

Da muss es doch was geben...

We all live in a yellow submarine, yellow submarine, yellow submarine.
We all live in a yellow submarine, yellow submarine, yellow submarine.
. . . !
Ähm...

"Oh, das Essen kommt schon."

Mhm.

...Robert!

Schneiden, schneiden, schneiden!
Hacken!

"Da kommen die anderen gleich rein.
Wie weit bist du?"

Yellow Submarine, yellow submarine!

"Fertig!"

"Das ging aber schnell. Na gut. Das Würzen übernehme ich. Dann danke ich dir für deine Hilfe.
Geh aber noch Hände waschen!"

"Mach ich."

Hände waschen.
Abtrocknen.
Warten.

Wenn er ihr heute den Brief gegeben hat, dann krieg ich Morgen schon einen zurück.
Bestimmt.
Und er wird ihn ihr gegeben haben.
Dabei kann nichts schief gehen.

Und wenn doch...
Ich hab darauf geachtet, nichts Verräterisches zu schreiben.
Nichts Schlimmes.
Nichts.

Kein Grund nervös zu sein.
Würde Lena sagen.
Aber nicht zu mir.
Sondern zu sich selbst.

Da kommen sie.
Erste Tür aufschließen.
Schuhe ausziehen.
Zweite Tür aufschließen.

Er ist rot im Gesicht.
Wovon auch immer.
Ist mir egal.

Er guckt mich an.
So wie immer.
Als wir in unser Zimmer laufen, versuche ich unauffällig zu sein.
Aber mir platzt gleich der Kragen!

Ich schließe die dünne Holztür hinter uns.
Setze mich auf sein Bett.

Und er sagt nichts und sagt nichts.
Zieht sich nur seelenruhig um.

"Also, ich hab ihr den Brief gegeben."

Na wenigstens ist sie nicht weggerannt.
Die hundert Pickel um seine Fresse rum wären ein Grund dafür gewesen.

"Ja, und? Was hat sie gesagt? Geht es ihr gut?"

"Nicht so richtig."

Er seufzt.
Das macht er immer.
Setzt sich auf mein Bett und pult sich die Socken vom Fuß.

"Ich hab ihr den Brief gegeben. Da hat sie sich gefreut. So sah's aus. Ja und dann hat sie sich hingesetzt und hat ihn aufgemacht. Da bin ich gegangen."

"Hat sie denn nichts gesagt?" Irgendwas?

"Nö."

Sie hat ihn bekommen.
Es konnte ja auch gar nichts schief gehen.

Juhu.

"Ich war Fußball spielen. Da hat's mich richtig hingebrettert. Hier, guck mal! Das sieht hammer aus. Hammer."

Schürfwunde.

"Du kannst ja auch kein Fußball spielen."

"Du auch nicht."

"Ich versuch es wenigstens gar nicht erst."

"Und da bist du stolz drauf, oder was?"

"Ziemlich."

"Leck mich."

Wir sitzen ein paar Sekunden in Stille herum.
Dann verändert sich sein Gesichtsausdruck.
Das 'Achja, übrigens...' - Gesicht.

"Mittendrin war auf einmal ein Gekreische, man, und da haben die Schwestern ihr den Brief weggenommen. Da ist die total ausgerastet und da haben die sie gleich wieder auf Station gepackt."



15. Der fünfunddreißigste Tag nach Lenas Tod

Die Spaziergänge sind beinahe das Schönste am ganzen Tag.
Es riecht wie Freiheit.
Sagt Robert.
Ich finde, es riecht weiterhin nach schlechtem Essen, Desinfektionsmitteln und Staub und frisch gewaschener Wäsche und Schweiß und Verbandszeug und altem Holz.
Der Geruch haftet an mir, wie Hundescheiße am Turnschuh.
Egal, wie oft ich duschen gehe und mich umziehe.
Der Gestank hängt in meinen Haaren.
Ist unter meine Haut gekrochen.

Es ist noch lange nicht dunkel.
Und auf den Bänken sitzen Leute von den verschiedenen Stationen.
Die sich unterhalten, aber meistens schweigen sie.
Die nur vor sich hinstarren. Sehnsüchtig, aber eher stumpf.
Die hoffnungsvoll sind. Manche. Denn die, die es nicht sind, dürfen nicht allein raus.
Die rauchen.
Und einige verstecken die Zigaretten schnell, als sie uns sehen.
Ein paar von der Offenen.
Julia ist nicht dabei.

Vielleicht könnte ich sie schnell fragen, wie es ihr geht.

Ich will es nicht wissen.
Wenn sie sagen, dass es ihr gut geht, dann ist es nicht gut.
Wenn sie sagen, dass es ihr schlecht geht, ist es nicht gut.
Wenn die Schwestern mitkriegen, dass ich sie gefragt habe, ist es überhaupt nicht gut.
Also lasse ich es.
Es ist auch gar nicht wichtig.
Ich will es nicht wissen.

"Wie spät ist es?"

"Halb sieben."

"Dann essen wir heut später."

"Mhm."

Gleich kommen wir an ihrer Station vorbei.
Da sollte ich mich in nichts hineinsteigern.
Keine Hoffnung machen.
Sie weiß nicht, dass ich hier vorbeikomme.
Sie wird auch nicht am Fenster sitzen.

Gleich sind wir an ihrer Station vorbei.

Bye, bye.

Robert hält mich am Ärmel fest.
Scheint mir was sagen zu wollen.
Ein geheimes Geheimnis oder sowas.
Kenn ich schon.
Die Masche.

Wir lassen uns zurückfallen.
Merkt keiner was.

"Guck mal hinter dich. Und sei leise."

Ich kann gar nicht laut sein.
Sie drückt mir gleich die flache Hand auf den Mund.

Hello.

Es ist nicht so, dass wir uns so extrem gern haben.
Nicht extrem.
Wirklich nicht.
Aber ich muss sie umarmen.
Und sie ist ganz verblüfft und schnauft.
Vielleicht drücke ich zu doll.
Wenn sie ganz nah ist, ist mein Körper nicht mehr so schwer.
Ich weiß nicht, woran das liegt.

"Timo, du kommst jetzt mit!"

Pfleger Heiko packt mich am Handgelenk.
Hat er bei mir noch nie gemacht.
Aber ich dachte mir schon, dass es wehtut.

"Und du gehst rein!"

Sie bleibt stehen.
Vielleicht merkt keiner, dass sie draußen war.
Dann bekommt sie auch keine Strafe.
Sie soll nur schnell wieder reingehen.

Schnell, schnell.
Lügen.

Es kommen irgendwelche Fragen von den anderen, als wir aufholen.
Gesichter mit großen Augen und kleinen Augen, die mich ansehen.
Und da weiß ich nichts zu antworten.
Weil ich ihre Fragen nicht verstehe.
Nicht höre.
Weil ich berauscht bin.

Weil Julia nicht nach schlechtem Essen riecht und Schweiß und Staub und Medizin.
Und all sowas.
Sie riecht nach Freiheit.
Nicht die Luft bei den Spaziergängen riecht nach Freiheit.
Nur sie.



16. Der zweiundsiebzigste Tag nach Lenas Tod


Im Garten ist es laut.
Die Wiese ist nicht so grün, wie ich sie in Erinnerung habe.
Der Volleyballplatz ist staubiger.
Der Pavillon kleiner.
Die Bank unbequemer.

Sie haben mir nicht gesagt, warum ich wieder raus darf.
Aber es liegt auf der Hand.

Ich habe sie das letzte Mal vor einer Woche gesehen.
Durch das Küchenfenster.
Sie hat nicht rübergeschaut. Wie auch. Warum auch.

Gestern war sie noch da, hat Robert gesagt.
Heute ist ihre Entlassung.
Anders kann es nicht sein.

Ich freue mich für sie.
Ja.
Mehr oder weniger.
Ich bemühe mich.
Aber es ist eben doch eher weniger, als mehr.

"Ich schieß ein Tor nach dem anderen, man."

Ich spiele Fußball.
Mittlerweile.
Als ich eingewiesen wurde, hab ich gesagt, dass ich keine Kartenspiele spiele.
Und keine Bratkartoffeln esse.
Und niemals in einer Badehose vor den anderen herumlaufen werde.
Pustekuchen.

Das alles ist wie Treibsand.
Je mehr du dich wehrst und zappelst, desto tiefer sinkst du.
Aber hältst du still und wartest, dann reicht dir irgendwann einer die Hand und zieht dich Stück für Stück wieder heraus.
Bekloppt.
Ich will nicht, dass es so ist.
Aber wofür sollte ich jetzt noch kämpfen?!

Wenn Julia weg ist, gibt es nichts mehr.

"Neunzehn zu Null. Das macht voll Spaß mit dir, Timo."

"Sei doch froh, dass du ein Mal in deinem Leben gegen mich nicht verlierst."

Er hält an.
Lässt den Ball ins Gebüsch rollen.

"Man, was'n mit dir los? Ist dir was in den Arsch gekrochen?"

Lustig.
Bevor ihm noch blödere Sprüche einfallen, gehe ich den Ball holen.
Als ich mich bücke, falle ich fast nach vorn.
Ich bin schon seit dreihundert Ewigkeiten unentwegt müde.
Vielleicht kipp ich irgendwann um und bin einfach tot.

Und als ich mich wieder gerade hinstelle, sehe ich sie.
Über den Maschendrahtzaun hinweg.
Da kommt sie gerade aus der Tür.
Mit ihren Eltern, denke ich.
Ich will rufen. Mache aber den Mund wieder zu.
Vielleicht sollte sie jetzt einfach gehen.
Die Chance will ich ihr geben.

"Timo?! Wartest du drauf, dass du festwächst, man?"

Jetzt schaut sie her.
Sagt etwas zu ihren Eltern.
Es sieht kurz so aus, als würde sie wirklich einfach gehen.
Doch sie kommt zu mir.

"Hey."

"Hey."

"Bist entlassen, was?"

"In 10 Tagen, da warte ich hinten am Tor auf dich."

Mir rutscht der Ball aus der Hand.
Wieder ins Gebüsch.

"Ernsthaft?"

"Willst du nicht mehr?"

"Doch. Klar. Ich dachte nur, du... ähm...
In 10 Tagen. Abends, beim Spaziergang. Das krieg ich hin."

"Geritzt?"

"Geritzt."

Sie schaut zu Robert. Winkt ihm kurz zu.
Ist mir egal, ob er zurückwinkt.

"Bist du dir sicher?"

"Klar."

"Vergiss die langen Hosen nicht."

"Jepp."

Wir schauen uns an.
Irgendwie komisch.
Wir haben uns nichts zu sagen.

Sie sieht auch aus wie immer.

"Bis dann."

"Bis dann."



17. Der achtzigste Tag nach Lenas Tod

Was tut jemand, der weiß, dass er in genau zwei Tagen sterben wird?

Das Leben noch einmal voll auskosten.
Aus dem Fenster scheißen.
Tomate mit Schokosoße essen.
Sich selbst ein Tattoo in die Innenseite des Oberschenkels stechen.
Ein Drehbuch verfassen.
Das Zimmer überfluten.
Ohne Grund die Wand anbrüllen.
Die Landeshymne rückwärts aufschreiben und verbrennen.
Sowas. In der Art.
Zeitvertreib.

In Wirklichkeit...
Also, in der Wirklichkeit sieht das alles ein bisschen anders aus.
Ich kann nicht eines dieser Dinge machen.

"Haha! Timo muss noch mal von vorn anfangen!"

Mensch ärgere dich nicht.
Ich verliere.



18. Der zweiundachtzigste Tag nach Lenas Tod

Ich weiß, dass sie jetzt nicht suchen werden.
Selbst wenn sie in dieser Minute merken, dass ich fehle.
Erst schaffen sie die anderen zurück.
Dann ist Besprechung.
Und dann erst werden diverse Ärzte angepiept.
Und Schwestern von den anderen Stationen gerufen.

Das bringt mir 10 Minuten mehr.

Es ist noch reichlich hell.

"Hey, hast du 'ne Kippe für mich?"

Der wieder.
Im Jogginganzug.
Bartstoppeln.
Ein Alki.

Er stinkt nach Urin.
Wie eingepisst.
Oder wie seit langem nicht gewechselte Unterhose.
Windel.

"Nein."

"Kannst du mir Geld leihen?"

"Hab ich auch keins."

Irgendwie wirr sieht er sich um.
Und läuft weiter.

Der ist nicht nur ein Alki.
Der hat auch mächtig einen an der Klatsche.

Bloß weg hier.

Da vorn ist das Scheiß Tor.
Aber ich seh sie nirgends.

Bloß keine Panik.

Wahrscheinlich hockt sie auf dem Parkplatz hinter einem Auto.

Mir klopft das Herz bis zum Hals.
Aber umdrehen darf ich mich nicht.
Verfolgungswahn. (Hoffentlich nicht berechtigt.)

Wo ist sie nun?

Bloß keine Panik.
Keine Panik.
Durchatmen.
Keine Panik.

Ah!

"Na?! Hat dich jemand gesehen?"

"Gott! Mach das nie wieder! Dich so von hinten anzuschleichen..."

Ihr Herz pocht langsam. Ruhig.
Ich spür's an meinem Rücken.
Und das macht mich gelassener.

"Hab ich dich erschreckt?"

Die Haut an ihren Armen ist karamellfarben.
Nicht zu braun.
Oder rot vom Sonnenbrand.

"Die haben bestimmt mittlerweile bemerkt, dass ich weg bin."

Sie sagt nichts.

"Warum klammerst du so?"

"Ich freu mich."

"Worüber? Dass du heut stirbst?"

"Ich bin aufgeregt."

"Musst du nicht sein."

"Freust du dich auch?"

Mir ist zu warm.

"Lass uns gehen."

"Okay."

"Heut ist schönes Wetter."

"Ja."

"Ich wette, heut wird ein schöner Sonnenuntergang."

"Ohja!"

Ich rede zu viel.

"Ich hab Kekse mit. Und Kakao."



19. Der zweiundachtzigste Tag nach Lenas Tod

Warmer Kakao.
Der dampft.
Den man spürt, wenn man ihn schluckt.
Wie er durch den Körper wandert.

Die Wangen werden heiß.
Werden rot.
Die Nasenspitze ist kalt.
Und ist auch rot.

Die Kekse schmecken nach Zimt.
Nach Zucker und Zimt.
Mürbeteig.
Der krümelt, der schlabberig wird auf der Zunge.
Zimtkekse im Sommer.

"Denkst du, die suchen uns?"

"Bestimmt."

"Denkst du, die finden uns?"

"Nein."

Julias Haare hängen herunter.
An meinem Bein, Oberschenkel.
In Wellen, in kleinen Wellen nur.
Wie... ein Wasserfall.
Wenn sie aufsteht, werden Nadeln darin hängen.
Blätter.
Moos.
Käfer.
Und ich hab Zweige in meinen.

"Die hören auf zu suchen, wenn es dunkel ist."

"Wirklich?"

"Ja."

"Warum?"

"Weil es dann dunkel ist."

Weil es dunkel ist im Dunkeln.
Sinnig.

"Weil man im Dunkeln nichts mehr sieht."

Ach du mein Gott.

"Weil... die wissen, dass wir uns verstecken und da können die mit ihren Taschenlampen leuchten wie sie lustig sind und werden uns trotzdem nicht finden."

"Achso."

"Ja. Wenn die wüssten, dass wir gefunden werden wollen, würden sie vielleicht auch nachts weitersuchen."

"Weil wir dann gefunden werden wöllten."

"Genau."

"Schmeckt dir der Kakao?"

"Ja."

"Den hab ich selber gemacht."

"Aha."

"Ja."

Sie hat Kekskrümel auf der Brust.

"Hast du schon mal jemanden auf den Mund geküsst?"

"Ja."

"Echt? Wen?"

"Meine Familie."

Sie macht den Mund auf.
Dann fällt ihr etwas ein.
Der Mund bleibt weiter auf.

"Hast du nicht auch einen Bruder?"

"Ja."

"Den auch?"

"Ja."

"Oh.
Wen willst du mal küssen?"

Lena.

Nicht das wieder...

Lena ist tot.

"Niemanden."

"Was? Echt nicht?"

"Echt nicht."

"Würdest du mich küssen?"

"Mh, nein."

"Warum nicht?"

"Ich hab keinen Grund."

Ich hab keinen Grund überhaupt daran zu denken.

Sie setzt sich hin.
Meine Beine freuen sich.
Ich winkle sie an.

"Warum?"

"Du hast Zeug in deinen Haaren."

"Du auch."

"Ich weiß."

Ich trinke schnell einen Schluck Kakao.
Und noch einen hinterher.

"Hast du Spitznamen?"

"Wird das hier eine Fragerunde oder was?"

Zu laut.
Zu laut, zu laut.

"Ach, Scheiße."

"Scheiße sagt man nicht."

"Scheiße!"

Sie lacht ein bisschen.

"Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße."

Lena würde mich jetzt ansehen.
Nicht lachen.
Nicht herumhampeln.
Nur ansehen.
Sie hat mich oft angesehen.
Ständig.

Immer.

Lena ist tot.

"Ich hab gar keine Spitznamen und geküsst hab ich auch noch niemanden, weil meine Familie sich nicht küsst."

Die Krümel sind jetzt auf ihrer Brust, auf ihrem Bauch.
Und in ihrem Schoß.

Überall.



20. Der zweiundachtzigste Tag nach Lenas Tod

"Muss ich den Rucksack hier liegen lassen?"

"Musst du nicht."

Hier ist kein Geländer aus Eisen.
Mit Gittern.
Wäre einfacher zum draufklettern.
Aber schlechter zum drauf stehen.

Ich beschwere mich nicht.

Es dauert drei Versuche.
Dann bin ich oben.
Im ersten Moment wird mir schwindlig.
Ich kann den Boden sehen.
Da unten sind Straßenlampen.
Die Höhe ist enorm.


Der Wind kommt von hinten.
Und in Böen.
Er will mich schubsen.

"Julia?"

"Ja, warte, mein Schnürsenkel ist offen."

Unwichtig.

"So."

Allein kommt sie nicht hoch.
Ich ziehe an ihrer Hand.
Aber sie schafft es nicht.
Rutscht ab an der Mauer.

"Ich komm noch mal runter."

Es ist kalt.
Hoffentlich wird sie nicht krank.
...
Aber das ist ja jetzt egal.

"Wie viel wiegst du?"

"Äh... 59,3 Kilo."

"Sicher?"

"Ja."

"Wo hast du die versteckt?"

"Hä?"

"Ach, egal.
Also, ich heb dich jetzt hoch. Stoß dich ab, da hab ich's leichter."

"Ja."

"Und... Los!"

Sie sitzt.
Na Gott sei Dank.

Ich bin beim ersten Versuch oben.
Diesmal.
Mit aufgeschrammter Wade.
Und weißen Hautfetzen am Unterarm.

"So? Oder rückwärts?"

Sie klappert mit den Zähnen.
Es ist eben wirklich kalt geworden.

"Julia?"

"Rü-rückwärts."

Wir drehen uns um.
Sie tut es so langsam, dass es mich nervt.

"Alles okay?"

Sie nickt.
Ich höre, wie sie schluckt.

"Keine Angst."

Ich nehme ihre Hand.
Sie drückt sofort zu.
Fest.
Es tut weh.

"Mach die Augen zu.
Oder mach sie auf."

Meine Lippe ist rau.
Und hart.
Und als ich draufbeiße, spüre ich nichts.

"Ganz ruhig."

Es verstreichen ein paar Sekunden.
Eine Minute vielleicht.
Durch die Kleidung frisst sich der Wind.
Bohrt.
Kleine Nadelstiche.
Taubheit auf der Haut.

Julia zittert stark.
Vielleicht ist es schon Schüttelfrost.

Lena ist tot.

"Julia? Auf drei.
Stoß dich nicht zu sehr ab. Einfach fallen lassen. Und meine Hand festhalten."

"Ja."

Ich rede, als hätte ich Ahnung davon.
Aber wer hat Ahnung von sowas?!
Sowas.

"Eins. Zwei."

Ihre Hand zerquetscht meine.
Süß-saurer Schmerz.

Lena ist tot.

"Drei."

Es fällt mir nicht schwer.
Weg.
Runter.
Den Boden loslassen.
Mit weit offenen Augen, um nichts zu verpassen.

Aber Julia zögert.

Sie zögert.

Und sie wäre stehengeblieben.
(Hätte weitergelebt.)
Aber ich ziehe sie mit.
Mit einem Ruck.
Kurz. Heftig.
Und sie muss mir folgen.

Sie schreit, als sie fällt.
Ich kann sie hören.
Ich kann sie sehen.
Wie sie fällt.

Und es ist nicht wie fliegen.
Oder wie schweben.
Es ist nur wie fallen.

Ich fühle mich nicht frei.

Es ist nicht mal angenehm.

Und es dauert nicht lange, bis ich lande.

Bis wir gemeinsam landen.
Aufprallen.

Das ist kein Drama.

~Ende~







Du zögerst? Sommer '05 - 09.04.'06















[...]
In your world
No one is dying alone
[...]


Tatsächlich kommt die Idee von dem Lied. (Das ist billig.)


Die Langeweile zog sich wie ein dunkelgrüner Baumwollbindfaden durch alle zwanzig Kapitel. Ich hätte es gern spannender gemacht. Mit Krawumms und Leid und so Zeugs. Aber in einer Klapse gibt es nun mal nicht mehr, als ein bis drei Therapien am Tag, Gespräche, sterile Zimmer, Essen und Brett- und Kartenspiele. Außer man ist Raucher, dann hat man noch den Nervenkitzel, dass man nicht erwischt werden darf... -.-


Und es ging halt wirklich nur um einen Jungen mit einem Traum. Nichts Ungewöhnliches. Nichts Spannendes.



In your wohohooorld... ^^



...

Dass er gestorben ist, war nur gerecht. Lena hatte es nicht verdient, allein zu sterben. Sie ist für IHN gestorben, das war einfach nicht fair. Sie wollte mit ihm zusammen sein und da hat er sie wieder im Stich gelassen. Schwein.

...



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