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Ein schwerer Traum.
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Lena



Der Wecker klingelt.
Ich sitze auf dem Badewannenrand.
Gegenüber ist der Spiegel.
Und ich sehe mich an.
Es hat sich so ergeben.

Der Wecker klingelt immer noch.
Als ich die Zähne putze.
Die Haare bürste.
Meine Knie anstarre, als ich auf der Toilette sitze.

Die Spülmaschine ist fertig.
Ich räume sie aus.
Da gibt der Wecker endlich auf.
Es folgt Totenstille.

Stille, die so still ist, dass es im Kopf fiept und surrt.

Morgens ist es kühl.
Und manchmal windig.
So wie heute.
Ich friere, aber laufe nicht schneller.
Dafür gibt es keinen Grund.

Am Vertretungsplan steht nichts Neues.
Timo hat Deutsch-Ausfall.
Wir gehen trotzdem nicht gemeinsam nach Hause.
Aber ich würde gern.

Ich komme zu spät.
Aber gerade noch rechtzeitig.
Als ich in die Klasse komme, werde ich begrüßt.
Und ich grüße zurück.
Und es ist wie jeden Tag.
Aber es ist nicht so, dass ich das bemerke.

Tina sitzt in der ersten Stunde neben mir.
Sie redet nicht viel.
Sie hört lieber der Lehrerin zu.
Dadurch wird Biologie langweilig.
Und ich male jede zweite Linie von meinem Blatt aus.
Mit ihren Buntstiften.
Vorn und hinten.

Englischarbeit in der zweiten Stunde.
Es geht um die Vereinigten Staaten und Nebensätze.
Ich hasse die Vereinigten Staaten.
Und will nichts darüber schreiben.
Ohio, Kalifornien und Nebraska.
Aber ich bekomme 15 Euro extra für eine eins.

Mathe in der dritten.
Mathe in der vierten.
Und in der Pause danach ist meine Hand weiß.
Und die Haut ausgetrocknet von der Kreide.

In der fünften Stunde, in Physik, sitze ich neben Sandra.
Und die redet viel.

In der sechsten Stunde wird das Zimmer verdunkelt.
Wir sehen einen französischen Film.
Keiner macht Notizen, obwohl jeder soll.
Ich sitze neben Yvonne, die sich hinter mich setzt.
Und mir die Haare flechtet. Immer wieder neu.
Sie ist nicht gut in Französisch.

In der Mittagspause setze ich mich in den Schatten.
Auf die Mauer.
Neben mir quasseln Kristin und Kristina und Tanja.
Dann setzt sich Timo zu mir.
Und die drei hören auf zu quasseln und gehen.

"Heut gibt's Hühnerfrikassee."

Er kaut auf seiner Leberwurstschnitte.
Ich auf meinem Salat von Penny.

"Er hat angerufen heut früh. Halb vier - da war es in Chicago 21.30 Uhr. Eher ging es nicht, hat er gesagt. Er hat viel zu tun in Chicago."

Das hat er nicht gesagt.
Er hat gesagt "Wehe, du vergisst meinen Anzug in die Wäscherei zu bringen!"
Nicht "Entschuldigung, eher ging es nicht."

Timo sagt nichts.
Seine Haare sind wieder ungekämmt.
Beim essen steckt er sie hinter seine Ohren.
Unbeabsichtigt.
Würde er es bemerken, würde er hastig den Kopf schütteln.
Damit sie wieder strähnig vor seinem Gesicht herumbaumeln.

Ich hab ihn schon gesehen, als er aus der Tür kam.
Und über den Hof lief.
Da standen ihm Schweißperlen auf der Stirn.
Er schwitzt schnell.
Er war immer ein bisschen zu dick.

Ich wünschte, ich wäre nicht so dürr.

"Du hast jetzt Mathe. Hast du deinen Zirkel mit?"

Er sieht mich an.
Ich mag es, wenn er mich ansieht.

"Nein."

Als ich ihm meinen gebe, bedankt er sich.
Ich wusste, dass er ihn vergessen hat.

"Ich geb ihn dir später wieder."

"Geht klar."

"Welche Nummern hattet ihr auf?"

"Keine Ahnung."

"5 und 8 c) und d)?"

"Kann sein."

Der Lehrer wird ihn sicher dran nehmen.
Wenn er noch eine sechs kriegt, bleibt er sitzen.
Ich will mit ihm zusammen den Abschluss machen.

"Hier. Schreib die Lösungen ab, falls der dein Blatt einsammeln will."

Er nimmt meinen Hefter und seine Brotbüchse und geht.

Die letzte Stunde ist Chemie.
Da sitze ich neben Kristina.
So, wie in der Doppelstunde Deutsch am Mittwoch.
Sie lacht oft und gerne.
Und wird immer wieder ermahnt.
Aber sie wird nicht weggesetzt von mir.
Niemals.

Dann ist Schluss.
In der Garderobe bekomme ich Bussi hier und Bussi da.
Und jede von ihnen benutzt ein anderes Parfüm.

Nach Hause gehe ich mit Tina.
Sie erzählt von einem Kinofilm.
Den ich vor zwei Wochen mit Yvonne und Elisa gesehen hab.
Der mir nicht gefallen hat.
Und von dem Popcorn ist mir an dem Tag schlecht geworden.

Beim Abschied umarmt sie mich.
Und ihre Haare kitzeln meine Nase.
Sodass ich an der Haustür nießen muss.
Und den Schlüssel fallen lasse.

Die Wohnung ist leer.
Ich erwarte jeden Tag, dass jemand da ist.
Dabei ist das absurd.

Ich gehe auf Toilette.
Wasche meine Hände, creme sie ein.

Die Hausaufgaben dauern nur zwanzig Minuten.

Der Zettel von gestern liegt noch auf dem Tisch.
Ich zerknülle ihn, schmeiße ihn weg.
Schreibe einen neuen.

'Bin bei Timo.
Hab dich lieb!
Lena'

Sie liest meinen Zettel nie.
Niemand liest meinen Zettel.
Ich schreibe ihn trotzdem jeden Tag neu.

Auf dem Weg die Treppe runter, begegne ich Frau Schuster.
Sie grüßt, fragt nach meinen Eltern.
Schließt nebenbei ihre Tür auf.
Es interessiert sie also nicht.

"Sie haben viel zu tun. Aber es geht ihnen gut."

Gerade als ich klingeln will, kommt Jonas.
Er hat einen Schlüssel.
Ich klingel trotzdem.

Timo liegt auf seinem Bett.
Ich bin sofort in sein Zimmer gegangen.
Ich will niemanden stören.

Er hat sich nicht umgezogen.
Ich lege mich neben ihn.
Wir schweigen.
Aber es ist trotzdem nicht still.
Nebenan hört man die Zwillinge.
Von der anderen Seite dröhnt Musik.
Es ist immer laut in dieser Wohnung.
Ich bin gern hier.
Ich bin gern bei Timo.

"Hab eine eins gekriegt."

Damit ist sein Durchschnitt jetzt bei 4,46.
Eine Arbeit noch.
Ich muss ihm unbedingt immer die Hausaufgaben mitgeben.

Als ich mich auf die Seite drehe, sehe ich ihn an.
Und warte darauf, dass er zurückschaut.
Ich muss 50 Atemzüge lang warten, bis er es tut.

Ich mag es, wenn er mich ansieht.
Der Moment hält ein paar Minuten an.
Das ist nichts Besonderes.
Wenn man nichts zu sagen hat, sieht man sich eben nur an.
Dann schaut er auf die Schrankwand hinter mir.

"Woran denkst du?"

Jetzt wieder auf mich.

"Gerade denke ich: Ach, das Spiel wieder?!"

Er lächelt ganz leicht.
Ich würde ihn gern mal wieder zum lachen bringen.
Womit könnte ich das schaffen?
Mir fällt nichts ein.

"Und vorher?"

"Dass du letzte Nacht nicht gut geschlafen hast."

Das stimmt.

"Ich hab überlegt, ob du mir erzählt hast, wann deine Ma nach Hause kommt.
Denn wenn sie heut nicht nach Hause kommt, weiß ich, dass du diese Nacht auch wieder nicht gut schlafen kannst und ich weiß, dass du in dem Fall hier schlafen willst und schon seit gestern daran gedacht hast, mich zu fragen, ob du darfst, aber dich nicht getraut hast."

Wenn er jetzt nicht an die Decke starren würde...
Sondern mich ansehen würde.
Wie eine Minute vorher noch.
Dann müsste ich jetzt weinen.
Und wüsste nicht mal genau warum.
Aber so hab ich nur einen Knoten im Gedärm.
Und einen lächerlich kleinen Seufzer auf den Lippen.

"Alle anderen haben gesagt, ich sehe heut richtig gut aus."

"Du siehst immer richtig gut aus."

Nie meint er das so, wie ich es haben will.

Mein Gürtel piekst mir in den Bauch.
Ich rücke ihn zurecht.
Rolle mich wieder ein.
Nebenan singen die Zwillinge ein Lied aus der Werbung.

"Und woran denkst du?"

"Ich würde wirklich gern hier schlafen."

"Kein Problem."

"Ich weiß."

Die Tür wird aufgerissen.
Jonas.

"Essen."

Am Tisch sitze ich an der Stirnseite.
Ein guter Platz für die Übersicht.
Aber ein schlechter um an den Kuchen zu kommen.

Die Gespräche sind laut und rege.
Aber nicht grob.
Es gibt so viel zu sagen.

Und dann geht Timo duschen.
Ich könnte mich in sein Zimmer setzen.
Warten.
Aber die Mädchen wollen mit mir fernsehen.

Und Trickfilme haben immer das gleiche Ende.
Ich find das wunderbar.
Am Ende sind alle glücklich.
Und keiner ist allein.
Nicht mal die Bösen.

Wenn ich allein Trickfilme sehe, kann ich mich darüber nicht freuen.

Jonas muss mit dem Hund raus.
Und fragt mich, ob ich mitkomme.
Ich bin erst zwei Mal mitgegangen.
Jonas redet viel und laut.
Über Videospiele und Heavy Metal.

Eigentlich mag ich Menschen, die viel reden.
Aber er redet mit sich selbst.
Da könnte ich allein laufen.
Das hätte den gleichen Effekt.

Ich sage nein.

Zwei von den Glücksbärchi's werden verfolgt.
Da setzt sich Timo dazu.
Eine von den Mädchen zeigt ihm ein Bild.
Ich kann die beiden nicht unterscheiden.
Aber ich glaub, es ist Linda.

Wir sitzen da noch bis zum Abendessen.
Ich wäre lieber mit ihm allein gewesen.
Er hätte mich mehr beachtet und öfter angesehen.

Der Hühnerfrikassee schmeckt gut.
Es schmeckt immer gut hier.
Wir sind sieben am Tisch.
Jetzt sitze ich nicht mehr an der Stirnseite.
Timo spießt die Erbsen auf.
Und gibt sie mir.
Ich mag es, wenn er das tut.
(Er isst neongrüne Erbsen nicht.)
Keiner sagt etwas dazu.

Nach dem Essen ist großer Trubel.
Mehr als den restlichen Tag.
Ich helfe beim Abtrocknen.
Die Mädchen müssen Zähne putzen.
Und dann ins Bett.

Heute mag ich nicht mehr fernsehen.
Deswegen gehen wir gleich ins Zimmer.
Zurückziehen.

Wir legen uns wieder auf's Bett.
Es macht mich nervös einfach herumzuliegen.
Eigentlich.
Hier werde ich auch nervös.
Aber erst nach einer halben Stunde.

Und die liegen wir herum.
Sagen nichts.
Und draußen wird es immer leiser.
Linda und Johanna sind im Bett.
Die Wohnzimmertür ist zu.

Irgendwann dazwischen fängt es an zu regnen.
Keiner macht das Fenster zu.
Und es rauscht unheimlich laut.
Wie ein Fernseher ohne Empfang.

Die halbe Stunde vergeht.
Ich stehe auf, schließe das Fenster.
Mache stattdessen Musik an.
On, Play, Titelwahl (heut 2), Repeat All.
Routine.

Ich kenne alle Lieder auswendig.
Singe aber nicht mit.
Unvorstellbar, jetzt den Mund zu öffnen.
Von Minute zu Minute mehr.

Ich krieche wieder auf's Bett.
Der Boden ist hart geworden.
Und alle Glieder müde.
Und ich könnte zur Seite fallen.
Und sofort einschlafen.
Deswegen lege ich mich hin.

Timo ist neben mir.
Er atmet flach und wirkt fast tot.
Und ich wette, er wäre es gerne.
Er hat es noch nicht gesagt.
Aber ich wette, er wäre gerne tot.

Seine Augen sind nicht weit geöffnet.
Nur einen Spalt.
Durch den er unentwegt auf die selbe Stelle sieht.
Als wäre da ein Fernseher.
Ein irgendwas, was unsichtbar für mich ist.

Ich will meine Finger in seinen Haaren vergraben.
Meine Nase.
Mich völlig und gänzlich in ihnen verkriechen.
Oder nur meinen Kopf auf seine Schulter legen.
Meine Stirn an sein Ohr.
Oder meine dünnen Arme um seinen dicken Oberarm schlingen, verknoten.
Oder auch nur einen seiner Finger festhalten.
Küssen.
Seine Lippen.
Mit geschlossenen Augen.
Und friedlichen Gedanken.

Ich fasse ihn nicht an.
Aber es kribbelt.
Es kribbelt, wenn ich daran denke, wie es erst kribbeln würde, wenn ich ihn anfassen würde.
Und wie es weiter oben ganz komisch...
Ganz unerklärlich...
Und unbeschreiblich...
Sich anfühlt.

Das macht mich glücklich.
Ich lächle.
Und es ist nicht anstrengend.
Timo bewegt sich nicht.
Sieht mich nicht an.
Trotzdem bin ich glücklich.
Schlafe ein.

Wache auf, da ist alles dunkel.
Es spielt keine Musik.
Aber ich liege weiterhin auf dem Bett.

Und Timo hat sich bewegt.
Liegt jetzt auf der Seite, schläft.
Ich bin müde.
Kann kaum die Augen offen halten.
Schlafe auch immer wieder ein.
Aber jedes Mal, wenn ich sie wieder öffne,
(Weil mein Schlaf unruhig ist.)
dann sehe ich ihn.
Aber berühre ihn nicht.
Warte nur darauf, dass die Nacht vorbeigeht.
Und er mich wieder ansieht.




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Lena 24.03.'06



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