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Ein schwerer Traum.
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Pudding


Heute habe ich einen Termin beim Arbeitsamt und sitze seit zehn Minuten nur herum und kann nicht mehr sitzen und stehe auf. Es gibt Pinnwände und Tafeln mit Stellenangeboten, die ich mir noch nie angesehen habe. Aber heute muss ich zum ersten Mal länger warten, deswegen lese ich mir einige Sachen durch. Es ist langweilig. Die ganze Jobsuche ist nur langweilig und nervenaufreibend. Anträge und Anrufe und Termine und hundert Gespräche mit den selben Leuten -nur manchmal nicht, da sind es andere, die aber genauso aussehen, wie die davor, weil hier alle gleich aussehen und gleich reden und gleich wenig Zeit haben und gleich wenig Lust-. Das Gebäude ist neu und noch nicht abgenutzt. Alle Scheiben glänzen und der Teppichboden ist sauber und die Wände noch weiß.
Ich gehe ein Stück den Gang lang und bleibe dann einfach stehen und schaue geradeaus. Da stehen zwei Leute, die warten, so wie ich. Und manchmal sehe ich sie an, dann ist der Hintergrund verschwommen und manchmal sehe ich den Hintergrund an, dann sind sie verschwommen. Und je länger ich hier stehe, desto schneller wechsle ich zwischen ihnen und dem Hintergrund, so lange bis meine Augen schmerzen, dann höre ich auf, stehe aber immer noch mitten auf dem Gang und es ist nichts anders geworden. Nur die Zeit und der Stand der Sonne und die Wolken. Wenn es Wolken gibt. Ich war seit zwanzig Minuten nicht mehr draußen.
Die Leute reden nicht, aber irgendjemand tut es und die Worte werden lauter und plötzlich kommt jemand um die Ecke. Er ist allein und murmelt nur vor sich hin, aber es schallt. Es schallt so laut, dass ich erst dachte, es wären mindestens drei, die da kommen. Aber nun ist es nur einer und der murmelt die Zimmernummern vor sich hin, die alle fein säuberlich und gerade hinter Plexiglas oder hartem Plaste neben den Türen angebracht sind. 112, 114, 116. Und erst schaue ich auf seine Schuhe, die nicht dreckig sind und nicht glänzen. Sie sind braun und aus Leder. Dann schaue ich auf seine Hose, die nicht eng ist und nicht weit und weder hell- noch dunkelblau ist. Dann schaue ich auf seine Jacke, die nicht offen ist und nicht zu und die keine Farbe hat und vielleicht nie eine hatte. Und dann erst sehe ich sein Gesicht und da ist er kurz vor mir und ich weiß, wer er ist und er läuft einfach an mir vorbei ohne mich zu beachten.
Ich drehe mich um und sehe ihm nach, wie er weiterläuft und Zahlen murmelt und dann endlich stehen bleibt und klopft. Es ist still. Eine Sekunde, zwei Sekunden, drei Sekunden. Die Tür geht auf, aber ich kann niemanden sehen, da die Person, die sagt "Herr Kramer?! Bitte warten Sie einen Moment." im Zimmer bleibt mit beiden Füßen und ihrem Kopf und ich sehe nur eine Hand an der Klinke und die verschwindet, als die Tür sich wieder schließt.
Ich höre ein Seufzen und als er mich ansieht, bemerke ich, dass ich das war. Und er sieht mich weiter an, als ich die Wand ansehe und nicht mehr ihn.

"Thomas?"

Herzklopfen. Oh Gott.

"Bist du das? Man, wir haben uns ewig nicht gesehen."

Seine Schuhe quietschen bei jedem Schritt und vorher haben sie das nicht getan, das weiß ich genau und ich weiß nicht warum sie es jetzt tun, aber ich schätze, um mein Herz noch schneller klopfen zu lassen. Denn das tut es und ich muss durchatmen und mich räuspern und fühle mich hilflos und das tue ich selten.

"Karsten. Hey. Du auch hier? Wie geht es dir?"

Er ist größer als ich, als er so vor mir steht und erst sehe ich von unten herauf, aber hebe dann den Kopf höher -das Kinn- weil das besser aussieht. Auf jeden Fall im Spiegel.

"Och, ganz gut. Die haben mich herbestellt, aber so einen Scheiß Service hab ich noch nie erlebt, man. In diesem Scheiß Haus hab ich mich drei Mal verrannt, bevor ich das Scheiß Zimmer gefunden hab."

"Ja. Die Gänge sehen alle gleich aus."

"Das kannst du wohl laut sagen! Und ein Scheiß System mit den Zimmer ist das hier, man. Das glaubst du nicht. Wo ich überall gewesen bin in diesem Scheiß Haus!"

Rasiert ist er, weil er jetzt seit Jahren Bartwuchs hat und nicht mehr stolz auf jedes einzelne Haar sein muss. Das weiß ich, obwohl ich ihn nicht mehr kenne. Und seine Augen sehen aus wie früher und er redet wie früher und seine Haare sind wie früher und ich denke an früher und will es nicht und kann nicht antworten, weil mir nichts einfällt. Weil mein Herz rast, wie nach einem Sprint. Wie früher, als er so vor mir stand. So rast es.

"Man, wie lange ist das her? Drei Jahre?!"

"Ja, drei Jahre."

"Du siehst gut aus, man. Im Gesicht und so."

"Danke. Du auch."

Er grinst und ich lächle, weil ich nicht mutig genug für ein Grinsen bin. Grinsen heißt Selbstbewusstsein und ich habe keinen Grund so etwas zu besitzen. Er schon. Und meine Knie sind weich, so weich und wabbelig, dass ich mich wie ein Mädchen fühle und der Vergleich ist gar nicht mal schlecht.
Eine Tür geht auf und man ruft meinen Namen und ich hätte heute fast nicht mehr damit gerechnet. Ich drehe mich nicht zu der Stimme um, bin gedanklich noch woanders. Im früher, im damals und überall. Aber nicht hier.

"Wir sehen uns später noch mal. Ich steh draußen und warte da."

"Okay."

Ich merke, dass ich noch lächle und gar nicht damit aufgehört hatte, seit ich es angefangen hab. Und als ich zu der Frau gehe, die nicht an der Tür wartet, sondern im Zimmer- weil sie weiß, dass ich reinkomme und wenn sie es nicht wüsste, würde sie trotzdem nicht an der Tür warten und wenn ich nicht ins Zimmer käme, wäre es ihr zwar nicht egal, aber sie wäre keinesfalls enttäuscht- drehe ich mich um und lächle immer noch und winke und er zwinkert und mein Magen dreht sich um und ich stolpere kurz und gehe ins Zimmer und bin erleichtert. Und voller Vorfreude.
Die Frau sitzt am Tisch und sieht nicht mich an, sondern ihren Bildschirm, als sie mit mir redet und sie redet viel und hat die selbe Frisur wie das letzte Mal. Ich nicke viel und lächle immer noch und kann auch nicht damit aufhören.
Das Gespräch dauert nicht lange, denn sie redet schnell und dann darf ich gehen und muss aber bald wiederkommen, aber man meldet sich wegen einem neuen Termin bei mir.
Der Flur ist leer.
Ich schaue links. Schaue rechts. Und bin mir nicht sicher in welche Richtung ich gehen soll. Wenn ich nach rechts gehe, komme ich an der Toilette vorbei und da sind Spiegel und ich hab seit heut früh in keinen mehr gesehen und weiß nicht, ob alles an mir okay ist. Und ich gehe nach links, weil an mir nie alles okay ist und ich brauche keinen Spiegel, um das zu wissen, deswegen gehe ich nach links und vorbei an den vielen Türen und Nummern und vorbei an den offenen Büros und den vielen Augen, die mich aus ihnen ansehen und vorbei an dem Wasserspender und vorbei am Notausgang und vorbei an der Damentoilette, wo es auch Spiegel gibt und vorbei an den runden Tischen mit den Tastaturen und den Bildschirmen und den Ausländern, die da sitzen und in einer Sprache reden, die hier nicht hingehört.
Draußen stehen drei Männer und vier Frauen und alle sieben rauchen Zigaretten und alle sieben haben Augenringe und dünne Haare und glänzende Wangen vom Schweiß. Ich überlege, ob ich mich dazustelle, weil ich da nicht auffallen würde, weil meine Haare auch dünn sind und meine Augenringe tief. Aber ich entscheide mich dagegen. Weil ich nicht schwitze und weil ich auffallen will, damit er mich auch findet und nicht vergisst. Und rauchen tu ich auch nicht.

Karsten raucht. Er hat es früher gemacht, das weiß ich. Und sicherlich ist er in den Pausen auf den Hof gegangen, um auch da zu rauchen. Aber genau kann ich das nicht wissen, weil wir nicht auf die selbe Schule gegangen sind. Aber er musste nur fünf Minuten fahren, um an der Hintertür der Schule zu parken. Da stand er das erste Mal an einem Mittwoch. Das weiß ich, weil Mittwoch hatte ich Sport und Sport hatte ich an diesem Mittwoch geschwänzt um mit ihm in seinem Auto zu sitzen. Er fuhr eine Weile, rauchte, dann hielt er an und an diesem Mittwoch hat er mich das vierte Mal geküsst. Die ersten drei Male waren auf dieser Party, auf der wir uns kennen gelernt haben und wenn ich so daran denke, muss ich damals geahnt haben, dass jemand wie er da ist, weil ich sonst nicht auf diese Party gegangen wäre. Weil solche Partys nicht meine Sache waren. Aber auf der war ich und er hat mich angesprochen, weil ich über seine Beine gestolpert bin -unter anderem- und er hat viel gelacht dabei und mir Fragen gestellt und dann hat er mich geküsst und das war angenehm. Keiner hatte uns gesehen, deswegen hat er mich noch mal geküsst, mit Zunge und seine Zähne waren an meinen Lippen und das war mein erstes Mal, dass das ein Junge mit mir gemacht hat. Es war angenehm. Wir haben uns lange geküsst, dann hat er mich heim gefahren und noch mal geküsst, vor der Haustür und es war alles nur Klischee und Kitsch und sehr angenehm.
Und diesen Mittwoch ist er weit gefahren und wir haben Musik gehört und er hatte Zeitungen auf dem Rücksitz, Zeitschriften und weil er so lange gefahren ist, habe ich ihm daraus vorgelesen und es ging um eine Frau, die ihren Mann im Urlaub betrogen hatte. Das war ein Roman, der über vier Seiten ging und ich habe ihm alles vorgelesen und ich weiß nicht, ob er zugehört hat, aber unterbrochen hatte er mich nicht. Dann hat er angehalten, irgendwo. Auf einem kleinen Berg mit Wald und Bank. Wir sind nicht ausgestiegen. Ich saß auf seinem Schoß und er schmeckte nach Salz und roch nach Zigaretten. Nur Salz und Zigaretten und das war nichts Besonders, weil viele Menschen nach Salz schmecken und nach Zigaretten riechen, aber was wir getan haben, da in dem Auto auf dem Berg am Wald bei der Bank, das war etwas Besonderes und es war angenehmer, noch angenehmer, als das küssen auf der Party. Es waren Hände und Lippen und Zunge und Zähne und Schweiß und alles auf einmal und nichts nacheinander. Alles auf einmal.

Wir taten das noch vier Mal. Dann holte er mich ab, das war ein Montag und ich schwänzte Mathe und Englisch und wir fuhren nicht zu dem Berg und nirgendwo anders hin, wo wir allein waren, so wie vorher. Er fuhr mit mir etwas essen. Wir saßen an dem Tisch für zwei und haben gegessen. Und saßen so lange, dass wir zwei Mahlzeiten da aßen. Er rauchte viel und ich las ihm vor. Es war nicht mehr so, dass ich nicht wusste, ob er zuhört, weil er mir gesagt hatte, dass er es tat und Spaß daran hatte und ich hatte Spaß am lesen, also las ich und er hörte zu und es war eine stille Abmachung und es war in Ordnung und es war Zufriedenheit in der Luft und die roch viel angenehmer als all der Qualm von den Zigaretten. Und zwischendurch als ich mit dem Lesen kurz aufhörte, etwas trank und ihn ansah, da beugte er sich über den Tisch zu mir herüber und küsste mich. Anders als auf der Party und im Auto. Ganz anders. Und es war auch angenehm, aber es war anders und das lag nicht nur daran, dass man uns dort zusah, wie wir uns küssten. Und als wir später im Auto saßen, es war viel später, da war es draußen dunkel und wir standen vor meinem Haus und er streichelte meine Wange und küsste mich immer wieder und es war alles so anders. Da waren keine Hände, sondern nur Finger, Fingerkuppen, leicht, weich, nicht hart, nicht rau. Kein Fummeln. Da waren Lippen, aber auch die waren anders und da war auch Zunge, aber die war da nur um Dinge zu flüstern und da waren auch Zähne, aber die sah ich nur. Weil er lächelte und er lächelte sonst nicht, er grinste oft, aber da lächelte er und er schwitzte nicht und ich schmeckte kein Salz und roch keine Zigaretten, weil er nicht rauchte, die ganze Zeit nicht als er mich streichelte und küsste und flüsterte und ich saß nicht auf seinem Schoß und er auch nicht auf meinem. Und als wir da so saßen, im Dunkeln und ich konnte die Sterne sehen, da war mir ganz schwummrig und das war mir schon vorher, als ich mit ihm zusammen war, aber das war ein anderes schwummrig.
An diesem Tag war mir zum ersten Mal aufgefallen, was ich tat. Mit einem Jungen und dass es mir gefiel. Und ich sagte 'Ich bin nicht schwul.' und es war wieder Klischee, aber ohne Kitsch. Und es war unpassend und ich wusste selbst, dass das allem Anschein nach eine Lüge war und musste es trotzdem sagen, eher zu mir selbst, als zu ihm. Und da hörte er auf mich zu küssen und zu streicheln und es wurde still.

Eine Woche später hatte er sein Abi in der Tasche und ich nichts weiter als noch über einen Monat Schule. Und die Tatsache, dass er studieren ging und mich zurückließ und nicht mehr abholte und küsste.

Dabei hatte ich ihm gesagt, dass ich in seiner Nähe wohl doch schwul bin. Aber das reichte ihm nicht und ich war auch erst 15 und er schon 18 und jetzt bin ich 18 und er 21 und...

"Die kauen dir ein Ohr ab, man. Wartest du schon lange?"

...da ist er und hätte ich gewusst, was heute passiert, hätte ich mir etwas Besseres angezogen.

"Was?"

"Träumst du?! Ich hab gefragt, ob du schon lange hier draußen wartest in der Scheiß Sonne."

"Nein. Nicht lange. Was machen wir jetzt?"

"Och, weißt du, ich hab keine Ahnung."

Und es sind erst drei Jahre vergangen und wenn ich mir vorstelle, wie es wäre, wenn er mich Morgen in seinem Auto abholt und wir herumfahren und Musik läuft, während er raucht, eine Zigarette nach der anderen, und ich ihm vorlese aus Zeitschriften und Büchern, die ich sonst nicht lesen würde, dann bin ich glücklich und weiß, dass ich schwul bin, wenn ich bei ihm bin und vielleicht bin ich auch schwul, wenn ich nicht bei ihm bin, aber vielleicht auch nicht.

"Wir könnten herumfahren, Musik hören. Ich les dir was vor. So wie früher."

Es ist alles wie früher und es ist nichts passiert, wir hatten nur eine dreijährige Pause und ich bin erwachsen geworden. Und er lächelt wie früher und zündet sich eine Zigarette an wie früher und küsst mich wie früher. Und es ist anders und es ist gleich und es ist besser.


~Ende~





Pudding 12.04.06



Warum Pudding? - Weil ich das Erste nehme, was mir einfällt.
Warum? - Weil mir eh nichts Besseres eingefallen wäre.
Warum? - Weil ich eh nie zufrieden bin.
Warum? - Weil.
Warum? - Darum.
Aha.



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