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Ein schwerer Traum.
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5 Abschnitte.






Porzellanscherben



1. zurück.

Was sage ich?
Ich sage...
Am besten, ich sage...

Ach herrje.

Am besten, ich klingel erst mal.

Ding, Dong, Dong.

Und ich sage: 'Hallo!'
Und dann sage ich...
Nein, dann sage ich nichts.
Dann warte ich.
Denn, wenn er die Tür zuschlägt, vor meiner Nase, dann brauch ich nichts mehr zu sagen.

Vielleicht muss ich auch sagen: 'Wo ist Viktor?'
Und: 'Ist mir egal, was du denkst, was ich tun soll, ich will ihn sehen!'
Und: 'Hol ihn gefälligst her!'

Ding, Dong, Dong.

Hallo.
Lange nicht gesehen.
Du siehst gut aus.
Schönes Wetter heut.
Ich bin plapprig geworden.
Ich bin nervös geworden.
Ich bin immer nervös.
Ich schwitze immer.
Ich friere immer.
Und meine Hände zittern.
Also wunder dich nicht.
Wunder dich nicht.
Wunderst du dich?

Die Tür geht auf.

Und sie bleibt auf.

"Wunderst du dich?"

Nein, nein.
Ich bin plapprig geworden.
Plapprig und nervös und zittrig.
Nur meine Hände.
Die sind zittrig.

Ich hätte ihn fast nicht erkannt.
Aber vielleicht stimmt das gar nicht.
Ich hätte ihn sofort erkannt, hätte ich nicht noch das andere Bild im Kopf.
Hätte ich mal weitergedacht und nicht daran festgehalten, wie er aussah, als ich gegangen bin.
Hätte ich mal eins und eins zusammengezählt und würde ich aufhören zu schwitzen vor Angst, dann hätte ich ihn sofort erkannt.

"Hallo. Meinte ich. Ich meinte: Hallo!"

Das hört sich besser an.
Aber nichts ist gut genug.

Er rührt sich nicht.

"Ich bin Helen. Du erkennst mich vielleicht nicht. Ich seh anders aus. Aber du bist ja auch anders und wenn ich dich so angucke, bist du sogar mehr anders als ich. Erinnerst du dich an mich?"

Ich bin plapprig geworden.

"Ja. Ich wunder mich."

"Deine Stimme!"

Tief.
Die ist... am tiefsten.

"Kann ich reinkommen?"

Er macht Platz.
Einen Spalt.
Und ich laufe los und komm nicht weit.
Da drückt er mich.
Und ist auch groß.
Größer geworden.
Und die Haare länger.
Und der Geruch anders.
Und die Umarmung fester.
Obwohl ich das nicht mehr genau weiß.
Vielleicht war sie genauso fest.
Aber es ist lange her.
Lange.
Die letzte Umarmung.
Er. Mich. Überhaupt jemand.

Ich weiß nicht recht, wie ich mich drehen soll.
Und erst schau ich über seine Schultern.
Dann tut mir der Hals weh.
Und ich lasse den Kopf hängen, anlehnen, aufstützen.
Und das ist gleich viel angenehmer.
Wärmer auch.
Ich bin ungeschickt und meine Hände sind kalt.
Mein Hals trocken.
Mein Bauch leer.
Meine Füße schwer.
Und ich denk an alles, nur nicht...

Er lässt mich los und ich laufe weiter.
Weiter wie bevor er mich dabei gestört hat.
Weil mir das am meisten Sinn macht.

"Wir gehen in mein Zimmer."

Er geht voran und ich ihm nach.
Ich schaue nicht nach links.
Sondern nach rechts.
Da, wo Bilder hängen, doch sie sind nicht interessant.
Nicht unbedingt.
Bilder ohne Geschichte sind nicht interessant.
Und ich schaue auf seinen Rücken.
Der ist breiter, aber ganz schön schmal.
Schmal und lang und ich sehe die Wirbelsäule.
Und will darüber streichen, aber wir sind schon da.

"Das ist mein Zimmer."

"Ich hab alles so gelassen."

"Hättest du nicht gemusst. Das... hättest du... wirklich nicht gemusst."

Er hat alles so gelassen.
Das Bett quietscht, als ich mich draufsetze.
Es ist meins.
Alles meins.
Die Schränke, die Tapete, die Lampen, die Bilder, der Tisch, die Stühle, der Boden und der Läufer, die Bettwäsche.
Sogar die Bettwäsche.
Frisch gewaschen.
Ich lege mich hin.
Die Decke ist kalt, aber wird schon warm werden.

Ich zitter und schwitze vor Aufregung.

"Es tut mir leid, dass ich mich nicht gemeldet habe. Ich hab mich bei niemandem gemeldet. Die Jahre über, also, die ganze Zeit. Ich kann dir keinen Grund dafür sagen, ich hab es eben einfach nicht gemacht."

"Kein Problem."

"Doch, doch, das ist ein Problem. Ich hätte es machen sollen, das wäre meine Pflicht gewesen und ich hätte mich eher bei dir entschuldigen müssen. Und nicht erst jetzt. Aber ich entschuldige mich nur dafür, dass ich mich nicht gemeldet habe, nicht dafür, was ich damals gemacht habe. Denn das tut mir nicht leid. Das tut mir nicht leid. Ganz ehrlich. Das tut mir nicht leid. Und deswegen war ich auch so lange weg. Aber weißt du, was mir leid tut? Dass ich so plapprig geworden bin. Das tut mir leid. Ganz ehrlich. Das tut mir ganz ehrlich leid."

"Ich bin froh."

Und hat er das jetzt wirklich gesagt?

Er sieht nicht so aus.
Froh.
Nicht ein bisschen froh.
Nicht glücklich.
Nicht freundlich.
Nicht begeistert.
Nicht mal nach etwas, was 'froh' nahe kommt.
Jemand, der froh ist, der macht ein anderes Gesicht.
So eins wie ich.
Ich bin froh und sehe auch so aus.

Irgendetwas macht Krach.
Gepolter.
Jemand ist da.
Sie ist da.
Wo war sie?
Warum war er allein?
Er sollte nicht allein sein.
Jetzt kommt sie her.
Und er knallt ihr die Tür vor der Nase zu.

"Viktor?!"

Ich kann nicht sehen, wie er schaut.
Ich sehe nur wieder seinen Rücken.
Die Wirbelsäule nur noch deutlicher.
Von da aus, wo ich liege, vom Bett aus, da sieht er gigantisch aus.
Wie ein Berg.
Riesig.
Und finster.
Und erwachsen.
Allzu erwachsen, um für ihn noch eine Mutter sein zu können.
Und ich möchte heulend davonrennen.

Schließe stattdessen die Augen.
Nicht nachdenken.
Konzentration.
Konzentration auf das glücklich sein.

"Viktor? Hast du Hunger?"

"Nein."

Unsympathisch und ruppig und gar nicht nett hat er das gesagt.
Mit meiner Mutter redet man so.
Ich hab das auch getan.
Sie würde wahnsinnig werden, würde sie wissen, dass ich hier bin.
Rasend.
Klirrend.
(Das Geschirr, das sie zerkloppen würde. Klirrend würde es zerscheppern.)

Jetzt lässt sie ihn in Ruhe und sagt nichts mehr.
Er hat sie im Griff.

Es ist ruhig und starr.
Ich würde gerne sehen, wie viel Zeit vergeht.
In dieser Ruhe und Starre.
Aber ich sehe nirgends eine Uhr.
Zeitloser Raum, huh?
Und sie steht immer noch vor der Tür.
Vielleicht weint sie.
Das sieht ihr nicht ähnlich.








2. Zeit


Er ist wach.
Ich bin es auch.
Aber im Gegenteil zu ihm nicht richtig munter.

Irgendwas macht er.
Da sind kleine Bewegungen.
Raschelnde Decke.
Er ist so groß, nicht breit, aber groß und es ist eng im Bett.
Ich war die halbe Nacht wach.
Nur im Halbschlaf. Höchstens.
Halb ist schon zu viel.
Und bei jeder Bewegung nicht mal mehr im Viertelschlaf.
Ich habe Angst, ihn zu stören.
Zu treten, zu schubsen und damit aufzuwecken.
Ich weiß nicht wohin mit meinen Armen.
Und meine linke Seite ist wund vom drauf liegen.
Es wäre besser gewesen, hätte er mein Zimmer verändert.
Ein neues Bett.
Oh, wie schön wäre das jetzt.

Er steht auf.
Und ich drehe mich um.
Auf die rechte Seite.
Endlich.
Ich weiß nicht, was er macht.
Es wird erst hell.
Aber er bleibt weg und ich kann nichts hören.

Ich muss wieder eingeschlafen sein.
Denn ich wache auf.
Und wenn man nicht schläft, kann man nicht aufwachen.
Also, muss ich -demzufolge- geschlafen haben.

Als ich mich auf den Rücken drehe, merke ich, dass nicht nur meine linke Seite wehtut.
Nachts muss man sich drehen.
Wenden, wie ein Schnitzel.
Aber diese Nacht war ich ein Braten.
Der wird nur übergossen, nicht gedreht.
Ich bin schon dabei los zu lachen, da fällt mir ein, dass ich nicht alleine bin.
Ich bin nicht mehr allein.
Merke: Ich bin nicht mehr allein.

Er sitzt auf dem Schreibtischstuhl.
Mit der kleinen Lampe an und Büchern vor der Nase und einem Stift in der Hand.
Und lernt wohl.

"Guten Morgen."

Irgendwie hoffe ich, ihm vorspielen zu können, noch zu schlafen.
Und antworte nicht.
Glotze ihn nur an.
Und frage mich, wie er weiß, dass ich munter bin.
Wenn er mich nicht sehen kann.
Und mich nicht mehr kennt.

Nach ein paar Minuten -ich denke, es sind Minuten- dreht er sich um.

"Hast du geweint?!"

Er steht auf und ich hatte mir Gedanken gemacht vor ein paar Monaten.
Da hab ich überlegt, ob er mit Nadeln in seiner Haut rumpiekst.
Und jetzt bin ich erleichtert, weil ich sehe, dass er es nicht macht.
Eine ganz glatte Brust.

"Bisschen."

"Warum?"

Er sieht verwirrt aus.
Mit einem Gesichtsausdruck, der sagt: 'Was? Das weißt du nicht?'
Und dann blitzt der Zorn auf.
Und der sagt: 'Stell dich doch nicht dumm! Das kannst du dir doch denken!'
Und am Ende kommt die Resignation.
Das stumme Betteln: 'Lass es mich nicht aussprechen müssen...'

Aber ich stehe auf dem Schlauch.

(Oder vielleicht gibt es keinen Schlauch...)

"Immer nur wegen dir."

In meinen Augenwinkeln piekst der Schlafsand.
Als ich auf meine Knie sehe.

Ich komm mir dumm vor.

Immer nur wegen mir.
Was soll das heißen?
Das ist nicht wahr.
Das stimmt nicht.
Als ob ich...
Ich war nie...
Nie und nimmer.

Ich lass mir nichts einreden.

"Wieso sagst du so einen Mist? Ich bin nicht die, die dich traurig macht. Ich kann nämlich nichts dafür, dass deine Mutter eine Irre war und dein Vater ein Egoist. Ich kann auch nichts dafür, dass dich deine Mitschüler verprügeln. Dann musst du dich eben mal anpassen, Herr Gott. Ich saß wegen dir vier Jahre im Knast und komm extra her, um mit dir von vorn anzufangen und alles, was ich mir anhören darf, sind bescheuerte Anschuldigungen!"

Irgendwie kann ich mich nicht umdrehen.
Kann nicht ansehen, mit wem ich schimpfe.
Ballere blind drauflos.
Und schaue dabei auf seine Socken an meinen Füßen.
Und den Fleck, den ich auf den Boden gemacht habe.
Der jetzt sein Boden ist.
Und ich fühl mich Scheiße.

"Ich hätte gar nicht herkommen sollen."

Ich gehe.
Soll er doch sehen, wie er klarkommt.
(Soll ich doch sehen, wie ich klarkomme, ohne ihn...)
Und ich stehe auf und stoße gegen ihn und plumpse zurück auf's Bett.
Ich hab nicht bemerkt, dass er vor mir steht.

"Doch."

Und er umarmt mich von oben herab.
Ich muss mich furchtbar dabei verrenken, um nicht nach hinten zu fallen.
Seine Schulter drückt gegen meine Gurgel.
Und seine Arme sind viel zu lang für meinen dünnen Hals.
Es fühlt sich merkwürdig an.
Gestern war es schon komisch.
Und ich dachte 'Warum tut das jeder so gerne?'
Und anscheinend merkt er das und geht in die Knie.
Dass sein Kopf an meinem Hals ist.
Der drückt nicht so.

"Doch."

Ich dachte, er weint wieder.
Aber das tut er nicht.

"Doch. Immer nur wegen dir. Die anderen Sachen machen mich nicht traurig."

Es ist ganz still.
Und langsam ist es schön, dass er mich umarmt.
Irgendetwas zuckt in meinem Bein.

"Klar tun sie das."

"Nein. Ich weine immer nur wegen dir."

Und obwohl er die Arme ganz fest, ganz schmerzhaft verschränkt.
Sich ganz fest an mich drückt.
Und ich alle Wirbel auf seinem Rücken sehen kann, weil er jeden Muskel anspannt.
Ist es noch nicht fest genug.
Mir tut alles weh und ich fühl mich überrumpelt und dumm und bedrängt.
Aber trotz allem halt ich ihn ganz fest.
Und es ist mir egal, dass er lügt.
Ich bin nicht wütend auf ihn.
Alles hat seinen Grund.
Und obwohl er riesig ist, sieht es von oben so aus, als könnte er sich völlig unter mir, unter meinen Gliedmaßen, verstecken.








3. die

Das Wasser ist gut.
Ich hatte lange kein so gutes Wasser mehr.
Die Handtücher sind frisch gewaschen.
Weiß, strahlend weiß, ohne Flecken.
Flauschig, plüschig und so groß wie Laken.
Ich kann sie über meine Schulter ziehen, wie ein Umhang.
Wie ein Umhang von Batman.
Und das Handtuch reicht noch bis zu meinen Waden.

Batman ist besser als Superman.
Die Maske und die ganze Geschichte.
Dramatik und Finsternis.
Superman ist lachhaft.
Ein bunter Strampelanzug.
Und eine Frisur mit Zuckerwasser geformt.
Verliebt und verweichlicht.
Lachhaft.

Am Spiegel laufe ich vorbei.
Lasse die Tür offen.
Damit die Feuchtigkeit verschwindet.

Es ist dunkel draußen.
Als wäre der Tag mitten in der Dämmerung stecken geblieben.
Ich bin vorsichtig.
Schalte kein Licht ein.
Nur den Fernseher.
Nur ganz kurz.
Ich konnte doch so lange nicht fernsehen am Vormittag.
Ich will nur ganz kurz sehen, was kommt.
Ohne Ton.
Schalte durch.
Von Kanal eins bis neun.
Zehn.
Bis 15.
Und da zeigen sie Tiere.
Hunde und Katzen und Vögel.
Nur ganz kurz.
Ich setze mich auf die äußere Sofakante.
Will nur kurz hören, was sie sagen.
Nur ein bisschen lauter.

Nur ein bisschen...

Die Fernbedienung ist mir aus der Hand gefallen.
Mit einem lauten Knall lag sie auf dem Boden.
Kapeng-deng.
Die Uhr zeigt nach halb elf.
Ich hab die Zeit vergessen.
Wegen den Katzen.

Als ich mich bücke, rutscht mir der Handtuchturban vom Kopf.
Und als ich mich wieder bücke, um ihn aufzuheben, höre ich, wie vor der Haustür ein Schlüssel klappert.
Ich renne.
Wer kann rennen, ohne einen Mucks zu machen?
Wer kann das?!

Hinter mir werfe ich die Tür herum.
Und halte sie einen Zentimeter vor dem lauten Knall fest.
Um sie leise ins Schloss klinken zu lassen.
Meine Güte.

Ich bin nackt.

Und jetzt kommt sie auch noch her.

Immer noch einen drauf.
Jawohl.

Ich drehe den Schlüssel herum.
Das muss sie gehört haben.
Es ging nicht leise.
Das muss sie gehört haben.
Und wenn sie das nicht gehört hat, dann hört sie mein Herz.

Alles ist vorbei.

Holt sie den Schlüsseldienst?
Würde sie das tun?
Oder nur herumschreien?
Einen Nachbarn holen?
Ich kenne meine eigene Mutter nicht, ich kann's nicht einschätzen.
Wenn sie es tut und mich dann sieht, dann...
Ich weiß nicht, was dann passiert.
Viel.

"Helen."

Nichts.

Ich schließe auf.

"Es ist wie damals in der Schule! Ich hab's einfach nicht mehr ausgehalten."

Tropfnass.
Ich dreh mich um zum Fenster.
Und es regnet tatsächlich.

"Was war denn los? Hast du wieder Streit mit jemandem? Darf ich wieder jemanden ins Koma prügeln? Das brächte mir ein paar Jahre mehr, weißt du?! Damit es sich diesmal auch richtig lohnt."

Er schüttelt den Kopf und lächelt ganz sonderbar.
Und Wassertropfen fliegen herum, wie Mücken.
Tanzende Mücken in der Sonne.

"Gut. Ich müsste mich mal anziehen. Weißt du, ich lauf schon seit einer Stunde mit dem Handtuch durch die Wohnung. Der im dritten Stock gegenüber, frag nicht, wie er heißt, ich weiß es nicht, wird sich seinen Teil gedacht haben. Wenn der noch da wohnt, wo er wohnte, als ich noch hier wohnte."

"Ja, gut."

Er geht raus und macht die Tür zu.
Und ich überlege noch, was sie gemacht hätte.
Vielleicht wäre sie glücklich mich zu sehen.
Und würde mich in die Arme nehmen.
Drücken und meine Stirn küssen.

"Viktor?"

"Ja?"

Und lächeln und...
Was noch?

Er macht die Tür wieder auf.

"Ja?"

In die Arme nehmen.
Und... und über die Haare streicheln.
Weil sich das gut anfühlt.
Und die Stirn küssen.
Sachte.
Und sagen...

"Ich freu mich, dich wieder zu sehen."

Ja genau.

"Ob sie das tun würde?"

Er sieht mich an.
Ganz konfus.
Konfus nicht.
Verwundert, aber nicht konfus.
Nur überrascht.
Nicht, wie nach einem Wunder.
Sondern wie nach einer Überraschung.

"Wer würde was tun?"

Nein.

Er umarmt mich wieder.
Das tut er gern, es fällt mir auf.

Ich sollte dennoch dankbar sein.
Glücklich und dankbar und dankbar und dankbar.
Und dankbar.

"Was grübelst du?"

Dankbar.
Weil er der Mittelpunkt der Welt ist, nicht ich.

"Batman."

Er zieht nur den Kopf zurück.
Um mich anschauen zu können.
Und nicht loslassen zu müssen.
Krampfhaft.

"Batman?"

Und zwei Hände sind in meinem Gesicht.
Haut und Stoff und es kommt mir vor, als wäre überall Wärme.
Überall fremder Körper.
Und es wird mir zu viel.
Einfach zu viel und ich muss zurückweichen.
Einen Schritt, nein, lieber vier.

"Ja. Batman. Ich grübel seit einer Weile deswegen und komme immer zum gleichen Schluss."

Sein Mund ist schmal und dünn und klein.
Und seine Hände sind meinem Gesicht gefolgt, so weit wie möglich.
Jetzt hängen seine Arme, lang wie von einem Affen, herunter.
Ich möchte sie anschubsen, dass sie baumeln.
Wie Schaukeln. Vor und zurück.

Ich finde das seltsam unlustig.







4. dreh

'Was zum Teufel hast du hier zu suchen?', hat sie gesagt.
Das hab ich noch nie von ihr gehört.
Das Wort 'Teufel'.

"Halt die Schnauze."

Er war auf Toilette und ist zurück.
Zwei Taschen auf einer Schulter.
Und sagt das so lässig, wie er neben mir steht.

"Viktor, was fällt-"

"Halt die Schnauze!"

-dir ein?
Ja, Viktor, was fällt dir ein?
Was fällt dir ein, so mit meiner Mutter zu reden?
Ich finde das nicht in Ordnung.

"Viktor, das war nicht in Ordnung."

Er sieht mich an und ich dachte, es käme ein böser Blick.
Aber es kommt keiner.
(Ich dachte es schließlich nur und erwartete es nicht.)

"Schön, dass es dir auffällt. So redet er seit je her mit mir. Ich frage mich nur, wo er das her hat. Na?"

Na?!
Provozier mich nur.
Alles wie immer.
Das Gleichgewicht ist wieder hergestellt.
Herzlichen Glückwunsch.

Ich bin zu Hause.

Es ist Zeitverschwendung mit ihr.

"Du sollst deine Schnauze halten, verdammt nochmal!"

Mit einem Schritt ist er bei ihr.
Und drängt sie an die Wand.
Ist zwei Köpfe größer.
Wie ein Mammutbaum neben einer Pappel.

Espe.

Und er starrt sie nieder bis in den Boden.
Sein Schatten ist so riesig, dass er ihren verschlingt.
Die Angst in ihren Augen ist da.
Sie ist da und ich kann sie sehen.

Und...
Da ist so ein unterdrücktes Gefühl.
(Genugtuung.)
Das es einfach nicht schafft meinen Gesichtsausdruck zu verändern.
Das nur unter der Oberfläche brodelt.
Leider.
(Wenn da nicht dieses schleichende, unumgängliche Mitgefühl wäre!
Und diese 'Halt ihn davon ab!'-Stimme, die mir zu erwachsen klingt und zu vernünftig.)
Aber als ich noch vor mich hin träume, schwelge und nachsinne...
(Weil ich mich beschützt fühle und das neu ist.)
Entzückt, verwirrt und erschrocken...
Da nimmt er meine Hand.

Und ich zucke zusammen, dass mir fast das Herz stehen bleibt.
Wenn eiskaltes Metall an warmen Fuß stößt, so ungefähr.
Nicht intensiver.
Ziemlich genau so.

Warm.
Aber nicht hitzig.
Nicht aufdringlich, wie seine Brust.
In der alles lebt, atmet und pumpt.
In der Hand sind nur Fleisch und Knochen und Blut.
Und ich sehe es mir genau an.
Wie die Finger ineinander passen.
Einer mit dem anderen.

Als er mit seinem Daumen streichelt
-Nur leicht, kurz, mit seiner Haut über meine.-
krabbeln flinke Käfer durch meinen Arm in meinen Oberkörper.

"Gehen wir."

Ja. Gehen wir endlich.

"Wohin?!"

Sie ist nervös.
Ihre Stimme ist es.
Ganz dünn.
Dabei will sie das gar nicht.

Aber ich sollte auf mich selber aufpassen.
Ihr nur antworten und gehen.

"Die haben mir eine Wohnung vermittelt."

"Ach, haben die das."

Der Druck an meiner Hand ist anders geworden.
Als ich ihn ansehe, schaut er nicht zurück.
Obwohl er merkt, dass ich das will.

Sie tauschen Blicke aus.
Und ich werde ignoriert.

"Wie ste-"

Mit einem Schlag ist sie still.

Das ging schnell. (Ich komme nicht nach.)
Wie Strom am Himmel.
Und der Kloß in meinem Hals nimmt mir alle Luft.
Ich denke an Blumen und Wiesen und weiß, dass es nichts bringt.
Als er sie anknurrt und ihre Wange rot anläuft.
(Und ich hier stehe und nichts tue.)
Also denke ich an Wolken, weiße und graue.
An Landkarten, an fliegende Teppiche und Kerzen auf einer Torte.
Und bemerke, dass ich bemerkt habe, als er meine Hand losgelassen hat.
Dass es eine Erleichterung war und trotzdem etwas fehlte.
Und ich keine Ahnung habe.
Von Händen halten.

Dass ich keine Ahnung habe.

Dass ich wirklich keine Ahnung habe, als er von ihr ablässt.
Und sie uns anstarrt -auch mich, aus dummen Gründen-.
Und verletzt aussieht.
Müde.
Alt.

Er nimmt meine Hand wieder und wir gehen.
Jetzt wirklich.
Für immer, glauben wir.
Raus und zu seinem Wagen, der eine Straße weiter steht.
Und als wir laufen, hält er sie ganz locker.
Da weiß ich nicht, ob ich zu sehr drücke.
Ob er loslassen will, es aber wegen mir nicht tut.
Also strecke ich die Finger aus.
Sodass sie aus seinen rutschen können.
Schaue dabei angestrengt geradeaus.
Bemerke seinen Seitenblick.
Und wie er den Griff verstärkt.
Seufzt.
(Vielleicht nicht aus diesem Grund.)








5. Ich

Die Umwelt formt den Menschen.
Ich wünschte, ich wäre ein Schwätzer geblieben.

Denn jetzt, wo ich wieder normal werde.
Und meine Sätze kürzer.
Da werde ich ein Gefühl nicht los.
Wenn er mich ansieht.
Jeden Tag in all den 18 Tagen, die wir jetzt wieder zusammen sind.
Da denke ich, dass er etwas erwartet.

Immer wenn er so schaut.
Wenn er von seinen Büchern hochschaut zu mir.
Überlege ich, was fehlt.

Ich frage 'Brauchst du etwas?'
Da schaut er nur.
Und ich frage 'Soll ich dir etwas mitbringen? Brauchst du Geld?'
Sagt nichts.
Schaut immer nur.

Und ich weiß nicht, was ich noch tun kann.
Außer Fragen stellen.
Außer warten.
Damit er redet.

Am Abend sehen wir fern.
Seine Augen sind dann ganz müde.
Vom lesen, vom schreiben.
Er lernt viel.
Dann ist sein Kopf so schwer, dass er auf meine Schulter sinkt.
Und ich überlege, ob er überfordert ist.
Ich frage 'Wollen wir mal Urlaub machen für ein paar Tage?'
Und da antwortet er nicht.
Ich denke, dass er schläft.
Aber er ist wach und antwortet nur nicht.

In der Nacht kommt er in mein Bett.
Meistens.
Wenn die Wärme nicht draußen bleiben wollte.
Weil sein Zimmer auf der Sonnenseite ist.
Da sind seine Arme auf mir.
Seine Haut ist schwitzig.
Aber das ist es nicht, was mich stört.

"Ich kann nicht schlafen, wenn mich jemand berührt."

Denn das kann ich wirklich nicht.
Vor lauter Bemühungen, den Atem flach zu halten.
Unter anderem.

Es geht nicht.

Da rückt er weg.
Sagt wieder nichts, gar nichts.
Und schläft ein.

Ohne, dass ich weiß, was ihm fehlt.
Und muss mich damit abfinden.
Und umdrehen und hoffen, dass es mir am nächsten Morgen endlich einfällt.

Aber heute kann ich nicht einschlafen.
Ich denke an die Rechnungen, die auf dem Tisch liegen.
Und weil das so ist, stehe ich auf und sehe sie mir durch.
Strom und Telefon.

Aber obwohl ich das tue, beruhigt es mich nicht.

Da fange ich an in einem seiner Hefte zu blättern.
Voller Zahlen und Formeln.
Am Rand mit Bildern.
Schnörkeleien. Die nichts aussagen.
Nur Langeweile sind.

Irgendwo dazwischen steht mein Name.
Ich sehe ihn eine Weile an.
Lese dann die Zeilen drum herum.
Und finde keinen Zusammenhang dazu.

Wie ein Gedanke, den man einfach aufschreibt.
Wie ein Einkaufszettel.
Brot.
Milch.
Fischstäbchen.

Helen.

Fünf Seiten später sind alle Zeilen leer.
Die Uhr zeigt erst 02:23.
Ich blättere weiter.
Und als ich wieder auf das Heft sehe, ist da wieder mein Name.
In schwarz. In grau. In blau.
Fineliner, Bleistift, Kuli.
Groß, groß, groß.
Hintereinander.
Eine Armee.
(Denn in Uniformen sehen sie doch gleich aus, diese ganzen Leute?!)
So oft hintereinander, dass es verschwimmt.
Helen, Helen, Helen, Helen, Helen...
Auf dem nächsten Blatt dasselbe.
Auf dem nächsten auch.
Dasselbe, dasselbe.
Helen, Helen, Helen.
Umblättern, umblättern.
Helen, Helen, Helen.
12 Mal umblättern.
Dann ist der Spuk vorbei.
Das Heft geschlossen.
Und eine glänzende Rückseite reflektiert Licht.

Ich bin ganz allein.
Ich bin sprachlos.

Aber was sagt man auch zu Luft.

02:27.

Man sagt, was man denkt.

"Hey, Luft. Was hat das zu bedeuten? Ich glaube, ich bin irritiert."

Sie antwortet nicht.

Ich erwische mich beim dumpfen Umher-Starren.

Dann muss ich lachen.

Dann muss ich weinen.

Schleiche mich zurück ins Bett.
Nicht langsam, aber leise.
Lege mich hin.
Bis meine Augen sich gewöhnen.
Dann ziehe ich ihn heran.
Lege seine Arme um mich.
Wie er es wollte.

Da wacht er auf und blinzelt.
Sagt nichts.
Sagt nichts.
Ich muss schniefen von all der Rotze.
Werde so liegen bleiben.
Genau so.
Und Morgen aufgequollen zur Arbeit gehen.
Das werde ich!

"Weinst du?"

"Mhm."

"Warum?"

Seine Hand auf meinem Bauch.
Und ich denke an die Spuckefäden, die sich von der einen zur anderen Lippe ziehen, als ich den Mund öffne.
Und hoffe, dass mich das ablenkt.
Von meinem Atem.
Ich muss nicht flach atmen.
Ich muss nicht flach atmen.

"Ich weiß es jetzt. Es ist mir eingefallen."

Lachen fühlt sich komisch an mit den ganzen Tränen im Gesicht.
Es klingt nach nichts.
Es bedeutet auch nichts.
Nichts, was man sagen könnte.
Nur sein.
Einfach nur sein.
Hier sein. Dankbar sein.
Zeit verstreichen lassen, die es wert ist.
Das ist es wert.
Alles andere ist es nicht.

Das Salz kitzelt in den Augen.
Es macht schläfrig.

Ganz weich, ganz weich.
Alles ist weich und angenehm dunkel.

Ruhe, die nicht drückt.
Nicht um sich schlägt.
Nur müde macht.
Ich schlafe schon fast.
Es macht mir alles nichts mehr aus.
Keine Haut, kein Atem, keine Buchstaben.
Von hier auf jetzt ist das egal.
Es ist gut.

"Weißt du, warum ich es in der Uni nicht mehr ausgehalten hab?"

Ich schließe die Augen.
Und fühle mich gelöst.

"Warum?"

"Ich konnte es nicht abwarten, dich wieder zu sehen."






Ich kann nicht genug weinen.
So dankbar bin ich dir.













Porzellanscherben 28.05. - 04.07.'06 (16.07.'06)



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