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Ein schwerer Traum.
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Baumwolle


Wieso sind keine Uhren in Wartezimmern?
Und warum höre ich trotzdem eine ticken?
Mir ist langweilig.
Es ist langweilig, wenn man warten muss.
Immer muss ich warten.
Dabei bin ich immer pünktlich.
Wieso muss ich warten, wenn ich pünktlich bin?
Wieso komme ich dann überhaupt pünktlich?
Wieso müssen wir eine Zeit ausmachen?
Es könnte heißen: Dienstag Nachmittag.
Nicht Dienstag halb vier.
Wenn ich nicht halb vier dran bin.

'Wieso bist du ungeduldig?'

Mir gegenüber sitzen zwei Leute.
Ein Junge und seine Mutter.
Sie lesen beide.
Dann haben sie das nicht gesagt.

'Wieso? Wieso bist du ungeduldig? Wieso?'

Links von mir.
Links in der Tür.
Da steht sie und ich sehe nicht hin.

'Hast du was vor? Wieso bist du ungeduldig? Hast du was vor?'

Ich schüttle den Kopf.
Damit sie still ist.
Damit sie Ruhe gibt.

'Wieso bist du ungeduldig?'

"Ich bin nicht ungeduldig."

Mutti guckt mich an.
Durch ihre Brille hindurch.
Ihre Augen sind dann ganz groß.
Ganz groß.

"Es ist nicht schlimm, dass ich warten muss. Ich bin nicht ungeduldig."

'Wieso bist du ungeduldig? Wieso?'

"Ich bin nicht ungeduldig!"

Die zwei Leute gucken mich jetzt auch an.
Gegenüber die zwei Leute.
Ich gucke zurück.
Da gucken sie weg.

'Wieso gucken sie dich an?'

Sie steht an der Tür.
Ich kann sie aus dem Augenwinkel sehen.
Sie kommt herüber.
Barfuß und niemand hört es.
Sie stellt sich vor mich.

'Wieso gucken sie dich an? Wieso? Wieso?'

Sie bückt sich.

'Wieso gucken sie dich an?'

Sie wird lauter.
Starrt mir ins Gesicht.
Nicht ins Gesicht! Ich hasse es, wenn mir jemand ins Gesicht starrt.
Ich halte mir die Hände davor.
Dass sie mich nicht weiter anstarren kann.
Ich hasse das.

Sie sagt nichts mehr.
Ich mache die Augen auf.
Das Licht versucht sich durch meine Hände zu bohren.
Durch meine Finger durch.
Sie bluten. Sie sind ganz rot.
Da, wo das Licht sich durch die Zwischenräume bohrt, da ist es ganz rot.
Es blutet zwischen meinen Fingern.
Aber es tut nicht weh.

Ich spreize zwei Finger.
Wie eine Schere.
Mittel- und Ringfinger.
Und sehe, dass das Blut verschwindet.

Sie steht immer noch vor mir.
Und starrt mir ins Gesicht.
Schnell lasse ich den Zwischenraum wieder rot werden.
Spreize diesmal Mittel- und Zeigefinger.
Da ist sie weg.
Und ich lege die Hände auf meine Beine.
Sehe zur Tür.
Aber da steht sie nicht.
Sehe zum Fenster.
Und dort ist sie auch nicht.

Meine Augen kitzeln.
Ich schließe sie und reibe.
Es fühlt sich gut an.
Ich reibe weiter.
Bis es anfängt zu brennen.
Und ich sehe kleine Quadrate und Dreiecke.
Rechtecke auch.
Mosaike flimmern entlang.
Wie ein Film.
Und als ich die Augen öffne, verschwinden sie nicht.
Wie Schatten.
Ich warte und ganz langsam wird es wieder hell.
Gegenüber sitzen die zwei Leute.
Und der Junge blättert um.

Eine Weile sehe ich ihn an.
Aber dann ist etwas neben mir.
Etwas dunkles.
Es atmet.
Und es riecht wie nasse Baumrinde.

'Dreck!'

Eine böse Stimme.

'Ein Stück Dreck! Nur Dreck! Ein Haufen Mist!'

Brüllt direkt in mein Ohr.
Ich kann es mir nicht zuhalten.
Ich habe Angst.

'Stinkender Mist!'

Da ist etwas an meinem Bein.
Unter meinem Stuhl.
Es kriecht da herum.

'Psssst. Nicht. Nicht sprechen. Pssssst. Verrückt. Verrückt.'

'Müll und Scheiße und Pisse! Müll und Scheiße und Pisse bist du!'

Es zieht Fäden von Wand zu Wand.

'Hihi, Pisse und Scheiße. Nein. Verrückt. Verrückt. Das bist du. Verrückt.'

Von Ecke zu Ecke.

'Ich riech dich 10 Meter gegen den Wind! Du stinkst!'

Wie Spinnenweben.
Immer dichter.
Immer enger.

'Er wird dir wehtun. Hihi. Weil du verrückt bist. Du bist verrückt. Verrückt.'

Und näher.
Und näher.

'Scheiße und Pisse!'

Dunkler. Und die Neonröhren flackern.
Wie ein Feuer.
Und ich finde das lustig.
Ich finde das toll.
Und ich habe Angst.

'Weil du verrückt bist.'

'Ich bring dich um!'

'Hihi. Verrückt.'

'Ich bring dich um!'

'Verrückt. Verrückt. Du bist verrückt. Du bist verrückt. Du bist verrückt. Du bist verrückt.'

Mein Kopf sinkt tiefer.
Und mein Rücken biegt sich.
Es spannt.
Dann landet meine Stirn auf meinen Knien.
Und ich höre nur meinen Atem.
Ich atme laut. So laut ich kann.
Meine Augen sind offen.
Da sind Haare auf dem Fußboden.

"Kevin?"

Ich sehe eine Fratze.
Eine grinsende Fratze mit langen Haaren.

'Buh!'

"Hah!"

Ich knalle mit dem Rücken gegen die Stuhllehne.
Mein Herz klopft ganz schnell.
Der Schreck, nur der Schreck.
Unter mir lacht es.
Von rechts scheint die Sonne durch das Fenster.
Ganz hell, ganz warm.
Von links schlägt mir nasser Atem gegen die Schläfe.
Nass und lauwarm und eklig.

'Ich bring dich um!'

"Kevin, was ist los?"

'Weil du verrückt bist. Jeder sagt das. Du bist verrückt. Verrückt, verrückt, verrückt, verrückt!'

Ich bin nicht verrückt.
Ich mache den Mund auf.
Und meine Lippen gehen auseinander und berühren sich wieder.
Und meine Zunge bewegt sich.
Aber ich sage nichts.

'Psssst. Verrückt. Hihi. Psssst. Hihi. Psssssst. Verrückt. Jeder sagt das. Verrückt. Verrückt. Psssst.'

"Kevin?!"

'Ich bring dich um!'

'Er bringt dich um.'

'Ich bring dich um!'

Meine Zähne schlagen aufeinander.
Hart und laut.
Aber es übertönt nichts.
Nichts.

'Weil du verrückt bist. Jeder sagt das. Psssst. Jeder sagt das. Psssst.'

"Kevin!"

Mutti zieht an mir.
Ich sehe sie an.
Sie hat die Brille auf.
Ihre Augen sind ganz groß.

"Kevin, was ist los?"

Der Atem an meinem Ohr ist weg.
Unter meinem Stuhl bewegt sich nichts mehr.
Ich sehe nicht nach.
Ich sehe auch nicht nach links.
Ich habe Angst.

"Ich..."

Hände. Hände an meinem Hals.
Fingernägel schaben.
Schaben an meiner Gurgel.

'Pssst.'

Ich bin nicht verrückt.

'Pssst.'

"Kevin?!"

'Pssst.'

Der Arzt steht in der Tür.
Neben ihm steht sie.
Sie sagt nichts.

Mein Kopf tut weh.

Wir gehen in den Flur.
Sie hält mich an der Hand.
Und sie ist traurig und wimmert.
Dr. Kaiser sagt etwas, aber ich kann es nicht verstehen.
Sie wimmert so laut.
Ihre nackten Füße tapsen.
Hier ist kein Teppich.
Hinter uns schleicht etwas.

Beim dritten Zimmer macht der Arzt die Tür auf.
Ich gehe rein und ziehe sie mit.
Sie soll nicht traurig sein.

Es gibt drei Stühle an dem Tisch.

Dr. Kaiser setzt sich auf die eine Seite.
Auf die andere ich.
Neben mir ist der Stuhl frei.
Aber sie setzt sich auf den Fußboden.

"So, Kevin."

Sie kämmt ihre Haare mit den Fingern.

"Was siehst du auf den Boden, Kevin?"

"Nur so."

'Ich bin traurig.'

"In Ordnung."

Dr. Kaiser schlägt eine Akte auf.
Auf der Vorderseite steht mein Name.
Dann ist es meine Akte.
Er hat sie immer dabei, wenn wir uns sehen.
Da stehen wichtige Sachen drin.
Am besten ich verbrenn sie.
Die ganze Akte.

'Ich bin traurig. Wieso? Wieso tröstet mich niemand? Ich bin traurig.'

"Wie klappt es mit deiner Medizin, Kevin? Hast du dich jetzt an die Tabletten gewöhnt?"

"Ja."

"Wie sieht es mit Nebenwirkungen aus?"

'Ich bin traurig. Ich bin traurig und niemand tröstet mich. Wieso? Wieso?'

Es schleicht etwas herum.
Hinter mir und über mir und unter mir.
Und sie weint jetzt und drückt ihren Kopf an mein Bein.
Klammert und zerrt.

'Hihi. Verrückt. Verrückt.'

"Ich habe Kopfschmerzen."

"Das kann vorkommen. Aber das wird sich bald legen, wenn du sie regelmäßig nimmst."

'Ich bin traurig.'

Ich nehme sie regelmäßig.
Ich nehme sie aus der Packung und lege sie zu den anderen in die Schublade.
Regelmäßig.

Damit ich nicht alleine bin.

'Pssst.'




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Baumwolle 29.04.'06



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