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Ein schwerer Traum.
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Eisen


Ich sehe dich. Du sitzt da und bist wie immer allein. Es regnet heute und du hattest keinen Schirm. Hat es dich gestört? Du siehst nicht aus, als würde dich irgendetwas stören. Du streichst dir die Haare nicht aus dem Gesicht. Sie kitzeln dich nicht. Es ist dir egal, wie es aussieht.
Die ganze Zeit hast du auf den Boden geschaut, als sie schreien. Aber nicht voll Furcht. Du fürchtest dich nicht. Dir ist alles gleichgültig.
Du siehst niemanden an. Sagst niemandem Hallo oder Bis bald. Du berührst niemanden. In deiner Welt gibt es nur dich. Du atmest deine Luft allein.
Von Menschen wie dir habe ich gelesen und gehört. Ich wünschte mir manchmal, ich wäre wie du. Wenn ich dich so ansehe und es dir nichts ausmacht, dass sie dich beleidigen. Das könnte ich nicht. Ich möchte es allen recht machen. Ich kann es nicht ertragen, wenn mich jemand hasst, wenn mir jemand böse ist. Es ist das Furchtbarste für mich.
Und selbst als sie dich bespucken, sitzt du nur da mit diesem Gesicht, das schön und ausdruckslos ist. Ich habe kein schönes Gesicht. Es ist rund, deines ist schmal. Schmal und fein. Würden sie mich bespucken, würde ich weinen. So heftig, dass der Regen sich vor mir verbeugen würde. Deine Augen sind wie Murmeln, völlig ohne Feuchtigkeit. Oder Perlen. Die schönsten Perlen, aus den Muscheln, die am verborgensten im Meer liegen.
Als sie anfangen dich zu schlagen, siehst du nicht zu ihnen auf. Dein Blick bleibt starr, bleibt unverändert und sie können dir nichts anhaben. Kratzen an deinem Stolz wie mit Watte an Eisen.
Sie treten dir in den Bauch, in die Rippen. Du liegst am Boden, eingerollt, aber nicht verkrümmt. Die Augen weiter offen, voll Gleichgültigkeit, wie ab der ersten Minute. Als wäre dies eine Selbstverständlichkeit. Wie Aufstehen und Gähnen. Unvermeidbar irgendwann.
Du hast Schmerzen, deine Beine und Hände zucken wie unter Strom. Aber einen Laut gibst du nicht von dir. Die Lippen leicht geöffnet, keuchst du nicht einmal.
Es dauert an und manche sehen zu.
Ich tue es auch und ich leide. Ich leide, wie du es nicht zeigst. Kann es kaum ertragen. Meine Fingerspitzen tun weh, meine Handgelenke. Als hätte ich gegen eine Wand gekämpft.
Ich sehe mir selbst dabei zu, wie ich über die Straße gehe. Und nicht aufhören kann, dich zu betrachten. Bleibe nicht stehen, ehe ich bei dir bin. Ich sage nichts, als sie auch mich anbrüllen. Als sie mich wegschubsen, komme ich zurück. Noch einmal. Und noch einmal. Dann schlagen sie auch mich und bald liege ich neben dir und bin nicht so tapfer wie du. Ich wimmere und heule. Aber verliere dich nie aus den Augen.
Dich zu sehen gibt mir Kraft. Ich bewundere dich. Ich wäre gern wie du. Selbst halb tot noch schöner als alle anderen.
Als die Busse kommen, irgendwann, lassen sie uns in Ruhe. Lassen uns liegen. Einer neben dem anderen. Ich neben dir. Du neben mir.
Mir laufen die Tränen aus den Augen und ich fürchte, das Blut aus der Nase. Der Regen schwemmt es fort in den Gulli. Und als alle davonfahren und keiner mehr auf dem Busbahnhof ist, sind wir allein.

Die Bewunderin und die Bewunderte. Zerschlagen sehen sie beide gleich aus.





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Eisen 28. - 29.06.'06



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