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Ein schwerer Traum.
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Die Perspektiven wechseln pro Kapitel.



Weisheit: Man will immer das, was man nicht haben kann.



Je nachvollziehbarer die Gedanken der Personen, desto besser.








Papier


1. ER

Es lag wohl an der Konstellation der Sterne.

Die Tür war nass vom Regen.
Die Klinke.
Meine Schuhe waren es auch.
Da blieb ich auf dem Abstreicher stehen.

Schaute erst dann hoch.
Verwundert.
Warum mein Chef so laut sprach.
Am Telefon.
Mit Schimpfworten und Flüchen.
Seine Haare waren unter dem Hut nicht zu sehen.

Ich sagte nichts und wartete ab.
Wobei es wichtig war, was ich zu sagen hatte.

Und ich schaute mich im Raum um.
Der Wohnwagen, der von allen Wohnwagen,
und es waren damals mehr als zwölf,
am spärlichsten eingerichtet war.
Nur Parkett und kein Teppich.
Die Fenster ohne Vorhänge, blank.
Gekocht wurde eh in dem seiner Frau.
Seiner Ex-Frau. Auch zu der Zeit schon.

Er sprach mit ihr.

"Das ist mir Scheiße noch mal egal!"

Das erfuhr ich später.

In der Ecke, die am weitesten von mir entfernt war,
hinten links,
da saß jemand.
Das bemerkte ich ganz plötzlich.
Und erschrak darüber auch ein wenig.

Auf dem Sofa saß ein Mädchen.
Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen.
Nur ihre Knie, die vor ihrem Körper angewinkelt waren.
Und an einem Punkt an den Tisch stießen.
Ihre Hände hielten ein Buch.
Ihr Pullover war beige, aus Strick.
Und ihre Haare schwarz und lang.

Zwei Minuten später legte mein Chef auf.
Nahm sich den Zylinder vom Kopf und strich sich durch die dünnen Haare.
Dann sah er zu mir.
Und lächelte etwas stumpf.

"Was gibt's, Johann?"

"Eins der Pferde hat eine Kolik."

Ich sagte ihm noch, dass jemand bereits das Pferd draußen herumführte.
Und dass es Gott sei Dank viel Wasser trank.

Da sah er auf die Uhr und sagte mir, er komme gleich.
Ich sollte warten.
Nur einen Moment.
Und als er in den hinteren Teil des Wohnmobils verschwinden wollte,
hielt er noch am Sofa inne.
Und streichelte mit der linken Hand über jenes schwarze Haar.

"Das ist meine Tochter Jana. Sie kümmert sich ab heut um die Kostüme."

Ich sagte: "Hallo."
Und als sie den Kopf hob, sah sie zu ihrem Vater.
Lächelte.
Dann erst sah sie zu mir.
Und nickte.
Das Lächeln war schon verschwunden, bevor ihr Blick auf mich fiel.

Das wunderte mich jedoch erst so sehr,
dass es mir nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte,
als kurz darauf die Tür auf ging
(leicht gegen mich schlug)
und Klaus reinkam.
Der einer der Clowns ist.
Was man ihm in diesem Moment nicht ansah.

Und sie da prompt den Blick hob.
Ihn freundlich begrüßte.
Und ihm auch noch einen schönen Tag wünschte,
als wir zu dritt aus der Tür gingen.

Mich sah sie dabei nicht an.






2. SIE

An meinem zweiten Tag ging die Tür schon auf,
da hatte ich mich gerade erst fertig angezogen.
Es kam eine Frau herein.
Deren Haare waren so straff auf ihrem Kopf zusammengebunden,
dass die Form ihres Schädels so herausstach,
als hätte sie eine Glatze.

Ihre letzte Strumpfhose war gestern gerissen, sagte sie.
Und als sie bereits zum nächsten Satz ansetzte,
der "Es gibt Mater-" hieß,
bemerkte sie erst,
dass es nicht meine Mutter war, mit der sie sprach.

Sie wurde rot.
Was mich erstaunte.
Aus mehreren Gründen.
Aber vor allen Dingen wegen dem Bild, was ich in meinem Kopf hatte.
Von Zirkusartisten.

Sie war ganz erleichtert,
als ich aufstand und ihre zarte Hand schüttelte.
(Als sie mir erzählte, dass sie an von der Decke hängenden Tüchern turnt,
konnte ich es kaum glauben.)
Ihr Name war Elisa.
Und auch noch, als ich ihr die Strumpfhose gegeben hatte,
diesmal aus einem reißfesteren Material
und mit Streifenmustern,
ging sie nicht.

Sondern setzte sich zu mir an die Nähmaschine.

Als die Tür zum zweiten Mal an dem Tag auf ging,
sah sie aus, als würde sie, egal wer da was wollte,
demjenigen den Kopf abreißen, wenn er nicht sofort wieder ginge.

Ich musste darüber lachen.
Da verflog ihr versteinerter Gesichtsausdruck
und außer mir verstand keiner mehr im Raum,
wie und was passiert.

So hielt ich mich zurück.
Ihre Sympathie war mir wichtig.
Ich wollte diese schöne Frau gern als Freundin.
Das war mein Plan.

"Hallo. Stör ich euch?"

Ich sah nicht zur Tür,
schüttelte nur den Kopf.
Und freute mich zugleich darüber,
dass sie meinen Lacher von eben nicht zu ernst nahm.
Und mich wieder freundlich anblinzelte.
Auch wenn da noch etwas anderes war.
Vielleicht die Art, wie sie ebenfalls nicht zur Tür sah.

"Ich bin mit der Jacke am Gatter hängengeblieben und da hat sich ein Knopf verabschiedet."

Ein junger Kerl mit zu tief heruntergezogener Mütze hielt eine Jacke in der Hand.
Die allerlei Knöpfe besaß.
Sie sah aus, wie von einem Pagen.
Nur, dass der Kerl kein Page hätte sein können.
Wie er aussah, erinnerte er mich an jemanden aus dem Studium.
Dessen Vornamen ich nicht wusste.
Und den ich auch nur kannte,
weil er manchmal neben mir gesessen hatte.
Und rülpste.
Ich kann nicht sagen, ob er noch etwas anders konnte
als rülpsen und mir auf die Nerven zu gehen.
Ich denke nicht.
Aber wenigstens das konnte er hervorragend.

"Ich hab den Knopf hier."

Als er mir den besagten Knopf in der einen
und die Jacke in der anderen Hand entgegenstreckte,
konnte ich nicht anders, als zu bemerken,
wie rau sogar die Innenflächen seiner Hände waren.

Seine Finger waren lang und schlank.
Aber seine Haut war so trocken,
dass sie sich anfühlten wie Sandpapier,
als sie für eine Sekunde meine streiften.

Ich sah zu Elisa,
die merkwürdig verbissen auf meine rechte Schulter starrte.

"Ich komm sie mir dann später abholen, ja?"

Seine Stimme klang freundlich.
Und es regte mich auf.
Und ich drehte mich von ihm weg.
Um mich zu den Schiebern mit den Nadeln und dem Zwirn zu bücken.

Knapp zehn Sekunden später hörte ich,
wie die Tür sich schloss.

"Soll ich dir mal was erzählen?"

Ich setzte mich wieder gerade hin.
Sah sie an.
Da glänzten ihre Augen ganz fröhlich.

Und ich legte die Jacke auf meinen Schoß,
meine Hände darauf
und hörte mir ein dutzend ihrer Geschichten an.




3. ER


Wie ein Magnet für die Augen.

Sie war ein Magnet.
Denn ich konnte die ganze Zeit über einfach nicht,
auch wenn ich auf etwas anderes hätte achten müssen,
mich zwingen wollte,
einfach nicht aufhören, ihr zuzusehen.

Wie sie lachte.
Und als sie von einem zum anderen rannte,
mit Schweiß auf den Schläfen,
Haarsträhnen im Gesicht,
jedem in die Augen sah und etwas sagte.
Was ich meist nicht verstehen konnte.
Und jeder lächelte sie an.

Ich war eifersüchtig auf jeden.
Denn jeder bekam mehr Aufmerksamkeit von ihr als ich.

Sie sprach nicht einmal mit mir.

Kein Wort.

Als es einen kurzen Moment Pause für sie gab.
Zwei oder drei Minuten vor Ende der derzeitigen Vorstellung,
stand sie nur einen Meter von mir entfernt.
Schnaufte leise.
Ich glaube, nur ich konnte das hören.
Da hielt ich ihr eine Flasche Wasser hin.
Doch sie nahm sie nicht an.
Nicht mal angesehen hat sie mich.

Nur ein kurzes Kopfschütteln.
Mehr bekam ich einfach nicht.

Denn selbst als sie mit mir allein war,
als ich meine Jacke abgeholt habe
und sie begrüßte,
hielt sie nur die Nähmaschine an,
stand auf und gab mir meine Jacke.

Ich glaube nicht, dass sie zu beschäftigt war.
Ich glaube auch nicht, dass sie schüchtern ist.

Denn wenn ich sie ansah, wusste ich das Gegenteil.

Ich kam mir in meinem ganzen Leben noch nie so dumm vor.

Ich dachte, es liegt an mir.
Und ich wollte unbedingt wissen...

...wie es sein würde,
wenn sie mich ansieht und mit mir spricht.

Denn als unsere Vorstellung begann und der Vorhang sich teilte,
wünschte sie allen Glück.
Nur ich, der näher an ihr vorbeilief als jeder andere,
blieb außen vor.

Und ich ließ drei Mal einen Kegel fallen.

Aber wenn es das gewesen wäre, was mich ärgerte,
dann hätte ich schnell darüber hinwegsehen können.
Und hätte es beim nächsten Auftritt wieder vergessen.

Aber ich wusste, dass mir das nicht passiert wäre,
hätte sie mir Glück gewünscht.
Und ich wollte nicht darauf verzichten.
Nicht, wenn ich nicht wusste, warum ich das hätte tun sollen.

Ich wollte mich nicht damit zufrieden geben von ihr ignoriert zu werden.

Es war unfair und kindisch.

Genau das war es.

Sowas war mir noch nie passiert.
Ich wurde noch nie grundlos so beleidigt.



4. SIE


Während ich las, hätte die Welt untergehen können.

Ohne, dass ich davon etwas bemerkt hätte.

Meine Flucht.
Weil mir die Arbeit über den Kopf wuchs.
Und ich sogar schon von Reißverschlüssen träumte.

Als Esel neben mir grasten,
bemerkte ich nicht viel davon.

Aber als die Bank, auf der ich saß,
leicht unter mir nachgab,
schreckte ich auf.

"Na, mein Mäuschen, hast du dich nach draußen verkrümelt?"

Und ich spürte einen weichen, feuchten Druck auf meiner Stirn,
bevor ich reagieren konnte.
Da musste ich schmunzeln.
Und zugeben, dass ich das vermisst hatte.

"Nur eine kleine Pause."

"Mach nur, mach nur."

Papa streckte die Beine aus.
Ich schaute auf seine Lederschuhe.
Und dachte mir nicht viel dabei.

Nur, dass die Sonne angenehm wärmte.

Ich dachte, dass es früher mehr Tage wie diese gab.

Oder, dass ich sie einfach verpasst hatte.
Ganz oft.

Wir saßen eine Weile.
Mit ein bisschen zu viel Ruhe im Bauch.
Das dachte ich unweigerlich.

Dann stand er auf, tätschelte einen der Esel und lief davon.

Und ich begann Kapitel 11.
Ohne dabei weit zu kommen.
Da setzte sich wieder jemand zu mir.
Ich konnte aus dem Augenwinkel sehen, wer es war.
Und hatte nicht das Bedürfnis zu reden.

"Hallo."

Ich versuchte mich ins Lesen zu vertiefen.

"Was liest du?"

Ich bemühte mich, nicht zu blinzeln.
Ich dachte, er würde wieder gehen.

Als er es einfach nicht tat
und ich schon drei Mal geblinzelt hatte,
überlegte ich,
was er wollte.
Dass er mich ansprach.
Aus welchem Grund?
Und ob ich ihn einfach bitten sollte,
damit herauszurücken.

Ich entschied mich dagegen.

"Nana."

Er drehte seinen Körper mehr in meine Richtung.

"Nana?"

"So heißt das Buch."

Genervt.
Das war ich.

"Ist es gut?"

Genervt.

Denn ich würde es nicht lesen.
Wäre es nicht gut.

Also antwortete ich nicht.
Hielt die Seiten näher.
Noch näher an mein Gesicht.

Und es blieb still.
Da ich nichts sagte.

Jetzt konnte er nur gehen.

Früher oder später.

Das dachte ich.

"Kann es sein, dass ich dich mit irgendwas beleidigt habe?"

Ich musste mich bemühen.
Nicht die Stirn zu runzeln.
Es kam mir nicht klug vor eine Regung zu zeigen.

"Nein."

Er schien zu überlegen.
Und es war nun sicher.
Dass ich mich nicht mehr auf das Buch konzentrieren konnte.
Egal wie oft ich noch diesen einen Absatz lesen würde.

Er drehte sich ein wenig weg von mir.

"Es kommt mir so vor, als könntest du mich nicht leiden."

Mein Blick wanderte von den Zeilen des Buches auf das Gras vor meinen Füßen.

Als er plötzlich leise lachte,
zuckte ich zusammen.
Und hoffte, dass er es nicht bemerkte.

"Ich zerbrech mir seit ein paar Nächten den Kopf deswegen. Weil du mich wirklich auffällig meidest."

Das war mir nicht mal bewusst.
Ich wollte mit ihm nichts zu tun haben.
Dass das so auffällig war, überraschte mich.

Unter 'auffällig' verstand ich etwas anderes.

"Hab ich denn irgendwas falsch gemacht? Ich würde das gerne wissen. Ich bin dir dann auch nicht böse. Wenn ich wenigstens eine Antwort habe."

Und ich verstand auch nicht, warum zum Kuckuck das so wichtig war.
Es wird noch mehr Menschen gegeben haben, die ihn nicht mochten.
Warum er aus der Sache so ein Drama machen musste,
dass er extra bei mir antanzte und mich danach fragte,
fand ich unbegreiflich.

Als ich den Kopf hob,
sah er mich sofort an.
Nachdem er zuvor den Eseln zugesehen hatte.

Was hat er falsch gemacht?

Das war seine Frage.

Ich konnte sie ihm nicht beantworten.
Nicht zufriedenstellend.

Zumal es mir völlig schnurz war.
Er war mir schnurz und seine ganze Verzweiflung.
Sein Getue.
Dieses Unverständnis.

Dass er es nicht fassen konnte,
dass es auf der Welt etwas geben möge,
dass ihn nicht mag.

Überheblichkeit.

Also. Was hat er falsch gemacht um meine Antisympathie zu verdienen?!

Ich sah ihn an.

Seine Augen waren kindlich groß.
Und er kratzte mit dem Daumenfingernagel an seinem Zeigefinger herum.
Seine innere Anspannung bei dieser Kleinigkeit kam mir schlichtweg lächerlich vor.

"Du nervst mich gerade sehr."

Da starrte er mir in die Augen.
Aber nicht lange.
Schaute dann auf seine Knie.
Und ich zurück in mein Buch.

Daraufhin ging er.





5. ER


Du nervst mich gerade sehr.

Das war die Wahrheit.
Ich dachte, danach könnte ich besser schlafen.

Dem war nicht so.

Es verlief alles so wie vorher.
Ihr Verhalten mir gegenüber.

Und ich bemühte mich auch nicht mehr.
Das musste sie glücklich gemacht haben.

Der Gedanke daran machte mich ganz krank.

'Heute hat er mich nicht bedrängt, na Gott sei Dank.'

Ich war nicht schlauer.
Keinen Schritt weiter.
Meinem Ziel nicht näher.

Ich wollte nicht aufgeben.
Ich wollte es einfach nicht.

Es war mir wichtig, dass sie mich mochte.
Ich wollte mich weiter bemühen.
Ich dachte, wenn sie nur bemerken würde,
wie wichtig mir ihre Aufmerksamkeit ist...

...dann müsste ich ihr auch nicht mehr auf die Nerven gehen.

Würde sie mich beachten,
dann könnte sie von mir verlangen,
kein Wort mehr zu sagen.

Lieber hätte ich nur nachts mir mir selbst geredet,
als weiter diesen Zustand aushalten zu müssen.

Ich wollte unbedingt wissen, was sie von mir dachte.
Wieso war das so schlecht?
Was hatte ich denn nur getan?

An einem Mittwoch gingen wir bowlen.
Ich wurde in ihr Team gewählt.
Aber immer als ich Punkte brachte,
sprang sie zwar auf und jubelte.
Aber nie mit mir.
Sie jubelte die anderen an.

Am meisten freute sie sich mit Julian.
Schon auf der Fahrt ins Bowlingcenter.
Schon da war es mir aufgefallen.
Wie die beiden ganz vertraut redeten.
Manchmal tuschelten sie.

Erst fand ich das albern.

Bis ich bemerkte,
dass ich eifersüchtig war.

Er war nicht mal gut beim bowlen.
Das war er wirklich nicht.
Aber bei jedem Schuss feuerte sie ihn an.
Das steckte die anderen an.
Und bald tanzten alle um einen Mittelmäßigen herum.

Das hasste ich.

Ich versuchte, das abzustellen.
Normalerweise hätte ich das gut gefunden.
Normalerweise hätte ich mitgemacht.
Die anderen hatten Spaß.

Und ich trank meine Milchshakes.
Vanille und Erdbeere.
Einem nach dem anderen.

Bis ich Schluckauf bekam.
Und jeder nach Zucker schmeckte.

Meine Würfe wurden immer schlechter.
Bald jubelte mir keiner mehr zu.
Aber das war mir egal.
Wenn sie es nicht tat, brauchte ich auch kein Lob von den anderen.
Das erschien mir sinnlos.

Als ich nach den vielen Shakes auf Toilette ging,
warf ich mir so viel Wasser ins Gesicht,
dass ich das Waschbecken überflutete.
Das war nicht typisch für mich.
Ich stand völlig neben mir.
Da half auch das Wasser nichts.

Also trocknete ich mich ab.
So weit es ging.
Mein Shirt war auch nass.

Und als ich aus der Tür ging,
kam sie von der anderen Seite der Klos.
Sie werkelte an ihrem Gürtel herum und bemerkte mich vorerst nicht.
Ich stellte mich ihr in den Weg.
Da lief sie fast gegen mich,
schaute mir erschrocken ins Gesicht.
Machte sich aber sofort weiter auf den Weg zurück zur Bowlingbahn,
als sie mich erkannte.

Erst wollte ich sie gehen lassen.
Eigentlich hatte ich ja aufgegeben.

Aber dann rief ich ihr doch noch nach.

Und sie blieb stehen.

"Entschuldige Bitte."

Ich entschuldigte mich für meine Gedanken.
Wobei sie die nicht mal wissen konnte.
Es war recht dumm.
Aber ein erster Schritt, glaubte ich.

Sie drehte sich nur halb zu mir herum.
Nur aus Höflichkeit, demonstrierte sie mir.
Sie sagte auch nichts.

"Können wir kurz nach draußen gehen?"

"Ich möchte zurück zu den anderen."

Das war ihr längster Satz.
Bis dato.
Das heiterte mich, lustigerweise, ein bisschen auf.

"Ist gut. Ich wollte nur sagen, dass es mir leid tut, wenn ich aufdringlich war."

Weil sie stehen blieb,
wollte ich noch etwas wagen.

"Es macht mich traurig, weil..."

Weil.

"Ähm. Ich es nicht gewöhnt bin, dass man mich grundlos ablehnt."

Es dauerte ein paar Momente,
bis mich ihr Blick traf.
Es lag nicht viel Neues darin.

Die übliche Gleichgültigkeit.

Immer nur mir gegenüber.

Ich wartete darauf, dass sie sagte, was sie dachte.
Ich glaube, sie wartete auf das Gleiche.

Aber sie enttäuschte uns beide, indem sie wortlos,
einfach wortlos,
für ein paar Sekunden in eine andere Richtung sah
und anschließend fort ging.




6. SIE


Es macht keinerlei Lärm.
Wenn ein Schlangenmensch sich aufwärmt und übt.

Die Nähmaschine tat es dafür umso mehr.
Es verschwamm alles.
Vor meinen Augen.
Weil ich über Stunden davor saß.

Ich musste sie zusammenkneifen.
Und fühlte mich dadurch gleich noch müder.

"Warum hast du hier eigentlich kein Radio?"

Er kam oft her.
Julian.
Nach dem Bowlingabend.

Und obwohl er ein bisschen quirlig war,
fühlte ich mich entspannter in seiner Nähe.
Wie ein Wärmekissen.
Der Vergleich passt wirklich gut.

"Mh? Keine Ahnung. Es war keins da, als ich hier eingezogen bin."

"Wir sollten dir eins kaufen."

Tatsächlich.
Das wäre tatsächlich nicht schlecht.

"Kannst du singen?"

Ich drehte mich zu ihm um.
Er hatte beide Beine von sich gestreckt und beugte sich nach vorn.
Es sah gefährlich aus.
Aus meiner Sicht.
Wohl auch aus jeder anderen.
Und ich dachte, ich hätte was knacksen gehört.
Und schaute mich automatisch nach dem Telefon um.
112.

"Jana, Jana, Erde an Jana!"

"Was? Ja. Ein bisschen. Klar."

"Mach."

Jetzt lehnte er sich zurück.
Die Arme hinter seinem Rücken auf den Boden aufgestützt.
Sah zu mir herauf.

Ich musste überlegen.
Es war eine Weile her, seit ich Musik gehört hatte.
Abgesehen von der Zirkusmusik.
Die gänzlich ohne Text war.
(Bedauerlicherweise.)

"Hänschen klein, ging allein in die weite-"

"Nein! Hast du nicht noch was anderes?"

Als er das Gesicht verzog,
in einer herrlich kindlichen Manier,
musste ich laut lachen.

"Was hast du dagegen?"

"Kitsch, Kitsch, Kitsch! Und hässlich klingt es auch."

Er legte sich auf den Rücken.
Ausgestreckt.
Arme und Beine.
Den Kopf im Nacken,
um die Wohnmobildecke im Blick zu haben.

Ich musste ihn eine Weile betrachtet haben.
Der Ausdruck in seinem Gesicht veränderte sich.
Es war enorm.
In irgendeiner Weise.
Dass ich aufstand,
ein paar Klamotten mit den Füßen zur Seite schob
und mich dazulegte.

"Was ist los?"

"Ich hab dich sehr gern."

Wenn das ein Grund für irgendwas gewesen wäre,
hätte ich mich verdammt.

Das war es nicht.
(Das war mein Glück.)

Aber er spannte mich noch Minuten auf die Folter.

Sodass ich ganz unruhig wurde.
Im Gegensatz zu dem,
wie ich mich sonst in seiner Gegenwart fühlte.

Und an Johann dachte.
Der damit nichts zu tun hatte.
Der mit gar nichts etwas zu tun hatte.
Und sein Verhalten beim bowlen war unreif.

Ich denke, ich musste an ihn denken,
weil er den betrübten Blick erfunden hatte.
Ich denke, daran lag es.

"Ich habe einen Freund."

Ich war gerade beim Gähnen,
als er das sagte und hielt mittendrin inne.
Mit weit offenem Mund.

"Du bist also schwul."

"Nein! Sag doch nicht sowas!"

Das brachte mich wieder zum lachen.
Und diesmal stimmte er ein.

Dann drehte er sich auf die Seite,
schlang beide Arme um mich,
dass seine Hände sich auf meinem Rücken trafen
und drückte uns so fest aneinander,
dass auch unsere Bäuche und Unterleibe sich berührten.

"Er wohnt in Freiburg. Aber das darfst du keinem sagen."

"Mach ich nicht."

Dass er Angst hatte,
das,
nunja,
konnte ich verstehen.
Und dann doch wieder nicht.

Und ich kraulte ihm zur Entschädigung den Nacken.





7. ER


Im Sommer hocken die Menschen aufeinander.

Und am heißesten Tag entschied man,
ein Feuer zu entfachen.
Um darüber, natürlich,
Würstchen zu braten.

Ich meldete mich freiwillig.
Als Grillmeister.
In weiser Voraussicht.

Denn sie klebten zusammen.

Und ich verkraftete es nicht.
Denn ausgerechnet Julian war es.
Ausgerechnet.
Julian war in meinen Augen dümmlich.
Und schwach.
Zurückgeblieben.
Für sein Alter absolut unreif.
Und nervig.

Und das war der ausschlaggebende Punkt.
Wenn ich nervig sein sollte, wie, um alles in der Welt,
konnte sie dann diese Flachzange in ihrer Umgebung ertragen?

Es nagte an meinem Selbstbewusstsein.

Nach der Verzweiflung kommt der Hass.
Ich bin eindeutig bei dieser Stufe angelangt.
Und Selbstmitleid.
Das mich stetig begleitende Selbstmitleid.

Weil ich es nicht begreifen kann.

Nachts habe ich den Kopf gegen die Wand geschlagen.
Doch es passierte nicht mehr,
als Tränenflüssigkeit in den Augen
und keine neue Klarheit.
Schwindlig war mir auch gewesen.

Und als ich so die Würstchen auf dem Grillrost hin und her wendete,
dachte ich mir,
dass ich doch nicht mehr wollte,
als Akzeptanz.
Nicht irgendeine.
Nur ihre.

Wie konnte es mir passieren,
dass die ganze Welt aus den Fugen gerät,
weil ich von einer Person,
einer einzigen Person,
ignoriert werde?

Ich wollte, dass sie mich ansieht.
Ich wollte, dass sie mit mir redet.

Und ich wollte, dass sie mich umarmt.

Je mehr sie mich ignorierte, desto mehr wollte ich.

"Ist schon eine Bratwurst durch?"

"Klar."

Eine Bratwurst für Klaus.
Mit Klaus hatte meine Erkenntnis ja angefangen.

"Du, die ist aber erst einseitig gebraten."

"Na dann kommt sie halt wieder drauf."

Bratwurst wieder rauf auf den Rost.

"Johann, ist alles klar bei dir?"

Dass man es mir schon ansah...

"Du schaust nicht gut aus. Seit Tagen schon nicht. Wirst du uns etwa krank?"

Das hatte er so laut gesagt gehabt,
dass gleich alle herschauten.
Auch sie.
Auch sie. Das war schön.
Dann hatte es sich gelohnt.

Ich antwortete nichts darauf.
Und gab ihm seine zweiseitig durchgebratene Wurst.
Damit ließ er mich in Frieden.

Und das Würsteverteilen lief belanglos ab.
Für eine halbe Stunde.
Mehr.
Sicherlich.
Ich hatte nur sie im Kopf.
Ich hatte auch nur sie im Blick.
Und als sie aufstand,
kam sie zu mir.

Und ich hätte mich fast an meiner Fassungslosigkeit verschluckt.

Sie stellte sich neben mich.
Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen,
dass sie mich nicht ansah.
Also tat ich das auch nicht.

Es war fast,
ja, so sah es aus,
wie eine traute Zweisamkeit.

Doch in Wahrheit wollte keiner den ersten Schritt machen.

Sie wartete, dass ich ihr eine Wurst anbot.
Ich wartete, dass sie nach einer Wurst fragte.

Und so spielten wir das Spiel über Minuten.

Dabei hatte ich das Gefühl nur gewinnen zu können.

Auf ihrer Nase bildete sich Schweiß.
Ich schwitzte schon seit einer Stunde.
Sie hätte nur etwas sagen müssen,
um vom Feuer wegzukommen.

Und ich dachte:
Verabscheut sie mich tatsächlich so sehr,
dass sie lieber Unannehmlichkeiten durchlebt,
als auch nur einen Satz zu mir zu sagen?

Da hob ich den Arm und legte ihr die Wurst auf den Teller.

Es hatte keinen Sinn.
Es war nicht meine Absicht,
sie zu quälen.
Ich wollte, dass sie gern bei mir ist.
Ich konnte sie nicht zwingen.
Nicht mal in meiner Verzweiflung.

"Noch eine. Bitte."

Ich musste blinzeln.
Weil ihre Stimme ganz leise klang.
Ganz friedlich.
Und es war das Netteste, was sie je zu mir gesagt hatte.
Wenn auch belanglos.
Und freudlos.

Und ich gab ihr auch die zweite Wurst
und sah ihr ins Gesicht,
dachte, sie würde mir in die Augen schauen.

Was sie nicht tat.

Sie lief nur zum Tisch zurück.
Setzte sich hin.
Und lachte über Julian,
der sich die Finger an der Wurst verbrannt hatte.

Was nach Gerechtigkeit aussah.





8. SIE


Mittwoch Nacht.
Lief noch nie etwas,
was in irgendeiner Weise lohnenswert wäre,
dass man es sich ansieht.

Und ich schaltete von einem Sender zum anderen.
Ohne Beachtung jeglicher flimmernder Bilder.
Blieb dann an einem Gewinnspiel hängen,
als mein Daumen zu müde wurde,
um noch eine Taste zu drücken.
Und schaute zehn Minuten lang,
zwanzig Minuten lang,
dem Moderator dabei zu,
wie er nicht aufhörte zu sprechen.

Als ich ausschaltete,
drehte ich mich auf den Rücken
und dachte,
dass ich wohl auch die nächsten drei Stunden
nicht schlafen könnte.

Und dass es nicht lohnenswert wäre,
liegen zu bleiben,
aber viel zu zeitig,
um aufzustehen.

"Wenn du noch mal gähnst, bind ich dir die Haare am Bett fest!"

Oh, ups.

"Entschuldige."

"Naja. Wenn wir sowieso munter sind, kannst du mir sagen..."

Er wälzte sich herum.
Ebenfalls auf den Rücken.
Dass seine Nase im roten Licht glänzte.
(Das rote Licht von der Funkuhr.)
Wie das Rentier.

Rudolph. Genau.

"Warum hasst du ihn?"

Ich wusste
Natürlich.
wen er meinte.

Wen sonst?

Aber da ich nicht verstand,
was das für eine Rolle spielte
und warum sich alle interessierten,
wurde ich ein wenig sauer.

Dass es mir nicht erlaubt war,
jemanden nicht zu mögen,
erschien mir unfair.

Sowas passiert.
Sowas gibt es überall.

Musste man dafür einen Grund nennen?

Und ich war genervt.
Schlichtweg.
Angepisst.
Und sauer ein wenig.

Enttäuscht.
Und dadurch wurde ich ganz unruhig und zappelig.
Aber die Resignation,
wegen dieser Situation
und den letzten Wochen,
brachte mich wieder herunter.

"Wen?"

"Du hasst nur einen, Jana."

Weil er so ernst klang.
Nicht spaßig.
Nicht mal ironisch,
was er zwar eh nie war,
aber doch wenigstens in diesem Fall hätte,
für mich,
sein können.

"Ich hasse Pflaumen. Kann dir dafür aber keinen Grund nennen."

"Und er ist eine Pflaume?"

Da musste ich grinsen.
Und ein Lacher platzte aus mir heraus.
Den ich wirklich nicht zurückhalten konnte.

"Ja... eine richtig fette."

Ich weiß nicht wie er schaute.
Ich musste mich zu sehr bemühen,
nicht in völliger Hysterie,
und Sinnlosigkeit,
unter Lachkrämpfen,
zu ersticken.

Aber irgendwann als es ruhig wurde,
auch in meinem Inneren,
lehnte er sich zu mir herüber.

Und küsste mich
-so freundschaftlich herb-
auf den Mund, dass ich vergaß,
die Augen dabei zu schließen.

Das erschreckte mich nicht.
Trotzdem er das zum ersten Mal gemacht hatte.
Vielmehr war es Beruhigung.

Dass ich doch noch,
zwischen um vier und um sechs,
einschlief.




9. ER


In bodenloser Wut schmeckt einem nichts.

Das ist so wahr,
dass ich den Bissen,
den einen einzigen,
den ich von meinem Frühstücksbrot abgebissen hatte,
nach wenigem Kauen in die Spüle spuckte.

Und die geschmierte Schnitte in eine Richtung warf.
Ihr aber nicht nachsah.
Nicht wusste, wo sie landete.
Weil es mich auch nicht kümmerte.
Denn sie machte eh zu wenig Lärm.

Da hatte ich schon eine Tasse in der Hand,
um sie fallen zu lassen,
mit Wucht,
dass es geknallt hätte,
um für eine Sekunde
alles zu übertönen.

Aber ich tat es nicht,
sondern setzte mich zurück an den Tisch.

Und dachte nach.

Wie ich sie gesehen hatte.
Weil ich nicht schlafen konnte.
Ich wusste warum.

Auch das war wegen ihr.

Wenn ich nachts bis zum Morgen
am Fenster saß,
ohne zu wissen,
auf was genau ich wartete,
was ich tun könnte,
um ihr Herz doch noch zu erweichen.
Für MICH zu erweichen.
Nur für mich.
Ausschließlich für mich.
Das war mein Wunsch.

Um zu grübeln.
Mir das Hirn zu zermatern,
was genau an mir verkehrt war.

Und dann zu sehen,
wie früh ihre Tür aufging
und Julian herauskam.

Der voll Frohsinn,
leichtfüßig,
davonmarschierte,
mit erhobener Hand,
ihr zuwinkte,
weil sie mit müden Augen im Türrahmen stand,
um sicher zu sein,
dass ihr Liebster heil nach Hause kommt.

Die Erinnerung daran machte mich rasend.
Zu Recht!
Und ich stürmte nach draußen.
Der Kaffeepott fiel um dabei.
(Denn ich stieß mit der Hand dagegen.)

Ich lief geradewegs zu ihrem Wohnwagen.
Es gab kein anderes Ziel.
Und sie saß davor, auf einer der Stufen.
Vor ihr rannten die Kinder mit den Ziegen.

Harmonie.
Und wie ich stampfte,
vor ihr stehen blieb,
war ich der Gegenpol.

Sie sah nicht zu mir auf.
Das war keine Überraschung.
Nur wieder eine Enttäuschung.
Die mich in meinem Vorhaben,
ihr das Nähzeug und die Bommel,
die sie gerade machte,
aus den Händen zu schlagen,
meilenweit zurückwarf.

Ich konnte sie nicht mal anschreien!
Ich wollte vor ihr in die Knie gehen,
sie anfassen,
sie dazu zwingen,
mich endlich mit einem anderen Blick anzusehen.
Ich wollte weg von dieser Gleichgültigkeit.
Die hatte ich nicht verdient!

Aber Angst,
das war auch nicht,
was ich wollte.

Ich war voreilig.
Jetzt wusste ich nicht mehr,
was ich tun sollte.

Es war die Traurigkeit,
die meine Wut,
wieder und wieder,
besiegte.

Ihr Anblick war es.

Ich musste sie nur ansehen.

Schon verlor ich allen Mut.
Und Sinn.
Und vergaß die Notwendigkeit.

Ich war endlos,
grenzenlos
hilflos.

Dass ich mir wünschte,
es wäre nun vorbei.
Endlich und immer.

Und als ich die zwei Stufen zu meiner Tür hinaufstieg,
nachdem ich es geschafft hatte den Mund zu schließen,
und nicht zu seufzen,
und sie da sitzen zu lassen,
ohne ihr doch noch zu zeigen,
was ich fühlte,
da schaute ich noch einmal zu ihr herüber.
Und sah,
wie sie jemand fragte,
was ich von ihr wollte.

Und sie lächelte.
Und zuckte mit den Schultern.



10. SIE

Geschrei ist ein schlechtes,
aber wirksames Mittel zum Wecken.

Meine Augen waren offen,
da war mein Geist noch im Schlummerland.
Und ich konnte vorerst nicht denken.
Oder begreifen.

Aber als ich dann munter war,
wühlten sich meine Beine aus der Decke
und rannten zur Tür,
die meine rechte Hand aufriss.

Ich war so erschrocken.
Ich dachte an Mikado.

Fünf Leute standen im Staub.
Alle schrien.
Und es gab zwei Parteien.
Deren Mitte einmal Julian
und einmal Johann waren.

Mir war kalt.

Ich atmete tief durch.
Irgendwie.
Wollte ich das alles gar nicht sehen.
Nur warten, bis es wieder vorbei war.

Das Bild was ich sah, war so dumm,
dass ich mich schämte.
Ich wollte damit nichts zu tun haben.

Aber ich war wohl Schuld an der Prügelei.
Und das nervte mich unheimlich.

Deswegen ging ich zu ihnen.
War fehl am Platz bei solchen Kindeleien.
Und als sie mich bemerkten, wurde es ruhiger.
Was bestätigte,
nun völlig,
dass ich der Grund war.

Was für ein Unsinn ist das hier?
Dachte ich.
Aber sprach es nicht aus.

Das ist sinnlos. Kapiert ihr das nicht?
Ich kann es nicht nachvollziehen.
Eure Gedanken sind für mich einfach nicht
nachvollziehbar.
Aber auch das sagte ich nicht.

Wer ist der Sieger?
Was bekommt der Sieger?
Ändert das irgendetwas?
Woran soll das hier etwas ändern?

Ich verstand noch nicht einmal,
was geändert werden musste.

"Geht es jetzt irgendjemandem besser?"

Und dass alle stumm blieben,
war mir völlig klar.

Es war mir nicht begreiflich.
Ich war Schuld?
Ich verabscheute das von allen hier am meisten.
Und dann war ich Schuld?

Worum ging es hier?

Was war in ihren Köpfen der Siegerpreis?

Was für Sinn machte es für Julian?
Erhoffte er sich etwas dabei?

Mir war so kalt und ich wollte gehen.

Ich sah zu Johann.
Der mich auch anschaute.
Schlichtweg.
Sein Blick war warm.
Und seine Augen braun in braun.
Als wäre nichts.

"Geht es dir jetzt besser?"

Er starrte mich an.
Ich war froh,
dass er das tat.
Ich wäre wütend geworden,
unendlich wütend,
hätte er reuevoll auf den Boden geglotzt.

Und dann,
nachdem er mich so lange angestarrt hatte,
dass ich schon wegsehen wollte,
lächelte er.
Ganz unerwartet.
Ganz ehrlich.

"Ja. Es geht mir besser."

Und er sah so glücklich aus,
so unpassend glücklich,
dass er mir Angst machte.

Dann ließ er uns alle stehen.
Im Staub.
In der Sonne.
Und ich fühlte eine andere Erleichterung als sonst,
als er aus meinem Umfeld verschwand.

Als Julian zu mir kam,
mit gesenktem Blick,
meine Hand nahm und drückte,
da kullerte eine Träne über meine Wange,
die er aus seiner Position nicht sehen konnte.

Mir wurde bewusst,
was ich für eine Macht besaß.
Und das fand ich furchtbar.




11. ER

Manchmal wird man zum Kaffeetrinken eingeladen
und freut sich darauf.
Bis man erfährt,
wer noch eingeladen ist.

Dennoch bin ich hingegangen.
Setzte mich an den kleinen Tisch.
Ihr gegenüber.
Und schwieg während den Gesprächen.
Denn ich wusste,
sie würde nur sprechen,
wenn ich es nicht tat.

Es war eine gute Gelegenheit,
die einzige,
die perfekte,
um sie reden zu hören,
sie dabei anzusehen
und zu wissen,
dass es nicht auffällig war.

Ein paar Mal,
während sie eine Formulierung überlegte,
sah sie auf meine Tasse,
meine Finger.
Und ich konnte mir erlauben
mir vorzustellen,
sie müsste über eine Antwort
auf eine Frage nachdenken,
die ich ihr gestellt hatte.

Als hätte ich das Privileg
ihr eine Frage zu stellen.

Die Vorstellung davon machte mich ganz nervös.

Und ich überlegte,
wie ein Mensch allein es schaffen konnte,
meine gesamte Gefühlswelt zu beherrschen.

Sowas konnte nur sie.
Sie war einzigartig.
Unbegreiflich.
In jeder erdenklichen Form.
Wunderbar.

Wie sie mit nur einem Blick,
zu Julian,
mein alles überstrahlendes Gefühl von Glück
und Zufriedenheit
niedertreten
und in Zorn und Eifersucht
umwandeln konnte.

Er hatte dunkle Flecken im Gesicht.
Von meinen Schlägen.
(Von denen ich keinen einzigen bereute.)

"Seid ihr beiden nun eigentlich ein Paar?"

Diese Frage musste kommen.

Sie sah recht erstaunt aus.
Ziemlich überrumpelt sogar.

"Nein! Oh Gott. Nein, wir sind nur Freunde."

Sie lachte ein bisschen,
den Körper zu ihm gewandt.
Er lachte auch.

Alle lachten mehr oder weniger.

Ich tat es nicht.

"Neuerdings schlafen Freunde miteinander?!"

Da wurde es still.

Ich hatte es gesagt.
Offensiv.
Und primitiv.
Zugegeben.

Sie presste ihre Lippen aufeinander.
So fest sogar, dass sie jegliche Farbe verloren.

"Heimlich auch noch. Das ist besonders ungezogen, nicht?"

Wir saßen nur zu viert am Tisch.
Die anderen waren kurz rauchen.
Es war keiner da,
der schnell ein anderes Thema anschlagen konnte.
Denn Elisa,
obwohl sie so dicke tat mit ihr,
würde mir nicht reinreden.

Ich wusste,
dass der Chef, ihr Vater nicht angetan sein würde,
von dieser Neuigkeit.

Solche heimlichen,
unoffiziellen Dinge sind Schweinereien.
In seinen Augen.

Ich hatte sie da in eine blamable Situation gebracht.

Jetzt musste sie auspacken.
Oder die Sache beenden.

Und das wusste sie.

Ich hatte nicht vor,
sie zu erpressen.
Ich hatte auch nicht vor,
ihr zu drohen oder wehzutun.
Ich wollte sie nicht zu irgendetwas zwingen,
sie beleidigen oder demütigen.

Ich wollte nur eine Chance nutzen,
meine scheinbar einzige,
um ihn von ihr fernzuhalten.
Oder das genaue Gegenteil zu erreichen.

Sie schob ihre Tasse näher zur Mitte des Tisches,
von sich weg.
Und faltete die Hände ineinander.

"Ich weiß nicht, warum ich mich vor dir rechtfertigen sollte.
Du bist dermaßen unverschämt, dass sogar du jetzt sehen müsstest, warum ich dich meide."

Sie wurde nicht laut.
Sie sah mir nicht in die Augen.

Ich hatte das Gefühl,
sie wusste,
dass ich mir das sehnlichst wünschte.

Das machte die ganze Sache nur schlimmer.

Sie warf mir meine Scherben ins Gesicht.






12. SIE

Wenn die Tür aufgeht,
kommt manchmal das Unglück herein.

Und als er noch hinter sich zuschloss,
wurde mir mulmig.

Ich wartete, dass er direkt herausplatzte,
mit seiner Drohung.
Damit rechnete ich.
Was könnte er sonst wollen?
Als noch eins drauf zu setzen.

Das lenkte meine Laune
und meine Geduld
bis auf den Nullpunkt.

Er blieb noch bei der Tür.
Und sein Atem war nicht schwer
oder tief
oder schnell
von Nervosität.

Ich dachte, dass er dann wohl einen Plan hatte,
der so gut durchdacht war,
dass er sich keine Sorgen machte.

Oder er wollte mir etwas sagen,
was endgültig war,
was ihn beruhigte und befreite.

Oder er hatte bereits seit einer halben Stunde
vor meiner Tür gestanden
und sich mental vorbereitet,
sich Ruhe eingeflößt,
um mich mit eben jener einschüchtern zu können.

Oder er hatte nichts von dem getan.
Und dachte nichts von dem,
was ich mir einbildete.
Vielleicht war er ganz anders,
als ich dachte.

Und das war mir auch egal.
Was für ein Mensch er war.
Das einzige, was ich für ihn empfand,
war Gleichgültigkeit.
Im Vordergrund.

Und Genervtheit,
Scham und noch ein Gefühl.
Das ganz leise flüstert.
Zu viel auf einmal, um etwas zu verstehen.

Aber.
Er stand noch dort.
Und ich konnte mich nicht davon überzeugen,
keinen Funken Angst zu haben.

Erst recht nicht,
als er dann näher kam.
Schritt für Schritt.
Bis er neben meinem Stuhl stand.

Da atmete ich hörbar aus.
Die Luft war hässlich eng und stickig.
Aber ich denke,
das glaubte ich nur.
Wegen meiner Anspannung.

Ich wünschte mir,
dass ich einfach darüber hinwegsehen könnte,
dass er da war.

Dass ich ihn einfach weiterhin,
so wie zuvor,
ignorieren
und ohne schlechtes Gewissen
Knöpfe einsortieren könnte.

Mit der Gewissheit,
dass er irgendwann aufgeben und gehen würde.

Aber er zwang mich,
ihn zu beachten.

Weil er mir gezeigt hatte,
dass er fähig war,
etwas zu bewegen.
Dass er mein Umfeld verändern konnte,
so lange,
so heftig
und wenn nötig auch schmerzvoll,
bis er seine Antwort hatte.

Ich sagte:

"Bitte sag einfach, was du sagen willst."

So weit hatte er mich schon gebracht.
Ihn anzubetteln.

Ich nahm die Hände vom Tisch,
legte sie auf meine Oberschenkel.
Lehnte mich sogar zurück.
Um ihm zu zeigen,
unmissverständlich,
dass ich ihm zuhörte.

Ich schenkte ihm meine Aufmerksamkeit.

Das war es doch wohl,
was er wollte.

Und wenn ich das tun musste,
damit er mich in Ruhe lassen würde,
dann war ich dazu bereit.

Aber als er mit einer Hand meinen Stuhl herumdrehte,
sodass er nicht mehr neben mir,
sondern bedrohlich groß genau vor mir war,
war ich mir meiner Bereitschaft nicht mehr sicher.

Ich saß da,
wie auf dem elektrischen Stuhl.
Beklemmung.

Wie ich da hineingeraten konnte,
das war es,
was ich mich wirklich fragte.

Er ging in die Hocke.
Sein Gesicht fiel in mein Blickfeld.
Es war einfach da.
Und ich wusste nicht,
wohin ich sonst sehen sollte.

Die Stimmung wurde anders.
Als ich ihn ansah,
und er mich.

Obwohl er nichts sagte.
Und ich voller Befürchtungen war.

Obwohl alles andere berechtigter gewesen wäre,
wurde ich ganz weinerlich.

Sein Gesicht war das erste Mal
direkt
vor meinen Augen
und ich betrachtete es
in jeder Einzelheit.

Es wirkte,
als würde er
zerbrechen.

Es kam mir vor,
als würde er sich
(und auch mich)
erdrücken.
Mit seiner Frage, immer dieselbe.

Die für mich keinen Sinn machte,
keinen Unterschied,
keinen Wert.

Aber für ihn...

Er sprach sie nicht aus,
aber sie hing in der Luft,
überall,
ich sah sie vor mir.
Sie drückte mir auf den Magen.

Und als er aufstand,
die Tür hinter sich schloss
und keine Spur hinterließ,
die mir beweisen konnte,
dass er wirklich da war,
kamen ein dutzend Tränen,
die mir am Kinn heruntertropften.

Weinen.

War meine Antwort für ihn.










13. ER

Wenn man das, was man unbedingt haben will,
nicht mal sehen kann,
ist die Welt noch viel düsterer.

Sie kam nicht mehr heraus.

Bevor ich sie besuchen kam
und ihre Augen ganz groß
und erschrocken aussehen ließ,
ging sie mir nicht so enorm aus dem Weg wie jetzt.

Ich glaube,
ich habe ihr Angst gemacht.

Ich wollte mit ihr reden.

Aber als ich an der Tür stand
und sie unbeeindruckt von meiner Anwesenheit,
wie eh und je,
an ihrem Tisch saß,
da beschränkte sich mein Wortschatz auf knapp hundert Wörter.
Die allesamt wohl nicht einmal existieren.

Es war mir nicht möglich etwas zu sagen.
Etwas.
Geschweige denn das Richtige.

Ich dachte,
ich könnte mich dazu bringen,
wenn ich ihr näher bin,
wenn ich ihr ins Gesicht sehen kann.

Wenn wir auf gleicher Höhe sind.
Allein.

Ich wusste,
sie hätte sich nicht zu mir gedreht,
niemals,
niemals freiwillig.

Dass ich sie ängstigen könnte,
der Gedanke kam mir nicht.

Ich wollte mich nur entschuldigen.
Ihr erklären,
was ich dachte.

Aber da ich das nicht aussprach,
hab ich alles nur noch schlimmer gemacht.

Und musste nun noch einmal zu ihr gehen.
Ihr sagen.
Dass mir alles aus dem Ruder läuft.
Weshalb.

(Wegen dir. Kann ich das sagen?
Das kann ich nicht.)

Stand drei Tage nach dem Fiasko wieder vor ihrer Tür.
Und wollte es besser machen.
Denn mit den endlosen Gedanken in meinem Kopf,
musste doch wenigstens ein Satz dabei sein,
den ich aussprechen konnte.

Sie lag in ihrem Bett,
als ich zu ihr ging.

Sie fragte nicht 'Was willst du schon wieder?'.
Aber man konnte sehen,
dass sie eben das dachte.

Ich war mutig.
Unheimlich mutig,
als ich mich auf die Bettkante setzte.
An meinem Rücken spürte ich ihre angewinkelten Knie.

Und sie rückte nicht in die letzte Ecke.
Machte keine negative Bewegung.

Das gab mir Hoffnung.

Ich räusperte mich.

"Geht es dir nicht gut?"

Ihre Knie wärmten meinen Rücken,
während sie schwieg.

"Ich hab Schnupfen. Und..."

Sie schniefte ein Mal.
Um zu bestätigen.
Dass da wirklich Schleim in ihrer Nase war.

Ich hätte es ihr auch so geglaubt.

"Deswegen will ich, dass du jetzt wieder gehst."

"Deswegen?"

Deswegen?
Wegen dem Schnupfen?

Sie zog die Beine an,
streckte sie an mir vorbei
und stellte sich barfuß auf den Boden.

Ihr Schlafanzug war hellblau.
Das Oberteil hatte eine Knopfleiste.
Sie war wunderschön.
Sie war es.
In ihrer eigenen Weise.
Mit mir unverständlicher Perfektion.

"Du weißt, was ich meine. Bitte geh und lass mich in Ruhe."

Ihr Gesichtsausdruck war nicht hart,
es war leidend.
Und ich war ihr nicht mehr nur lästig,
ich war mehr als nur ein Klotz am Bein.

"Immer, meine ich. Lass mich Bitte in Ruhe."

Ich war mehr.

Ich nahm ihr Handgelenk.
Es lag warm und weich in meiner Hand.
Sie wehrte sich nicht.
Wäre ich mutig genug gewesen,
hätte ich meine Lippen
auf die Haut über ihren Adern gedrückt.
Ich hätte sie überrascht.
Ich hätte ihr gezeigt,
was sie mir bedeutet.

Sie aufzugeben war das Abwegigste.
Das musste sie begreifen!

Aber an dem Tag ließ ich sie wieder los.







14. SIE


Dass selbst das wirklich Erstaunliche
mit der Zeit zur Gewohnheit für die Augen wird,
hätte ich nicht gedacht.

Meine Müdigkeit,
die von dem Schnupfen kam,
den ich eine Woche lang hatte,
mal mehr, mal weniger
und die letzten beiden Tage gar nicht mehr,
durfte mich nicht davon abhalten,
wieder fleißig zu sein.

Und als ich stand und wartete,
dass der Auftritt mit dem Trapez vorbei war,
dachte ich,
dass ich vielleicht auch nur,
momentan,
zu abgestumpft und gestresst war,
um die Vorstellung zu würdigen.
Und dass es sich wieder legen würde.

In jeder Hand hielt ich einen Strick.
Und die beiden Lamas wirkten nicht nervös.
Aber ich hatte auch nicht mehr das Bedürfnis,
sie zu streicheln.
Oder ihr Aussehen zu bewundern.

Und als ich nach rechts sah,
weil ich das ganz automatisch von mir verlangte,
stand Johann wenige Schritte von mir.
Allein.

Er sah auf den Boden
und sein Mund stand einen kleinen Spalt offen.
In Konzentration.
Wahrscheinlich.

Ich wusste nichts von diesem Mann.
Und obwohl es mir hätte leid tun müssen,
dass er sich wegen mir Gedanken machte,
so konnte ich mich nicht dazu bringen.

"Jana, mein Schatz, kannst du mir den Reißverschluss zu machen?!"

Sein Blick schnellte zu mir herüber.
Ich bemerkte es.
Und er beobachtete mich,
wie ich den Reißverschluss zu zog.
Wie ich redete.
Wie ich lachte, als ich einen Kuss auf die Wange bekam.

Und mich zu fragen, was er wohl dabei dachte,
war selbstverständlich.

Als Julian herzu kam
und ich ihn umarmte,
weil ich jemanden brauchte,
der mich fest hielt,
der mich für einen Moment vor den Blicken beschützen konnte,
da war ich,
sehr,
sehr erleichtert.

Ich presste meine Wange länger als sonst
gegen seinen Hinterkopf.
Und mein Herz schlug so schnell,
dass ich weinen wollte.

"Was hast du?"

Da ließ er mich los.
Und ich drehte ihn herum,
sodass er mich verdeckte.

"War er noch mal bei dir?"

"Nein."

"Tut dein Handgelenk noch weh?"

Er nahm meinen Arm und sah es sich an.
Die blauen Druckstellen waren schon bald nicht mehr zu sehen.
Es war auch nicht mehr schlimm.
Mein Schreck war...

Anderer Natur.

Ich sah über seine Schulter zu Johann.
Der den Kopf wieder gesenkt hatte.
Der ganz traurig aussah.
Nur von weitem.
Und seine Augen waren es noch viel mehr.

Da war ich mir sicher,
dass er mich nicht mit Absicht verletzt hatte.

Und ich wollte,
in dem Moment,
wo der Applaus eine Geräuschwand bildete,
dass er zu mir herübersah.
Dass ich ihm zulächeln konnte.
Um es besser zu machen.

Aber als er meinen Wunsch nicht bemerkte.
Nur mit beiden Händen über sein Gesicht fuhr,
da war ich auch wieder ganz froh,
dass es so gekommen war.

Denn dieses Lächeln wäre...

Nicht aus Zuneigung,
aus Verständnis
oder aus Mitleid.

Es wäre nicht für ihn gewesen.

Einzig für mich, für ein reines Gewissen.

Seine Traurigkeit berührte mich.
Aber nur in dem Maße,
dass ich jemanden schicken wollte,
ihn zu trösten.
Ohne jemals selbst diese Rolle einnehmen zu wollen.
Weil es mir kalte Schauer über den Rücken jagte
und mein Innerstes sich sträubte.

Denn ich wusste nichts über diesen Mann.
Und er bedeutete mir nichts.
Und wenn meine Gleichgültigkeit ihm gegenüber
mich zu einem schlechten Menschen machte,
dann musste ich das akzeptieren.







15. ER


Selbst in völliger Konzentration kommen mir Gedanken,
wie Wolken,
in den Sinn.

Und sobald der erste Kegel fällt,
verliere ich die Lust.
Und gewinne Resignation.

Ich setzte mich auf einen Podest.
Und seufzte so tief,
dass alle Luft in meinem Körper
in einer Sekunde entwich.

Ein kleines Fiasko.
So kam es mir vor.
Mein Leben.

Ein bisschen Übel hier.
Ein bisschen Ärger da.

Aber im großen und ganzen,
aus einer anderen Perspektive als meiner,
sah es nicht schlecht aus.

Und ich dachte,
ich wäre einfach ein Jammerlappen.
Und sollte mich nicht so hängen lassen.

Nur weil es etwas gab,
was in die falsche Richtung lief.

Ich hätte mich in dem Moment auslachen können,
da ich wirklich begriff,
wie tief ich mich vergrub,
in dieser Sache,
die nicht lebensnotwendig war.

Aber dieses Stechen,
das kann man nicht einfach ausblenden.
Auch nicht mit Mühe.

Es zu ignorieren war so unmöglich,
unerklärlich unmöglich,
wie das Vorhaben,
zu akzeptieren,
dass ich ihr nie näher kommen würde.

Tolerieren.

Und so weiter.
Immer die gleichen Gedanken.
Alles drehte sich im Kreis.
Ich wünschte,
ich hätte erst ein kleineres Ziel,
nach dem ich mich richten könnte.
Ich wünschte mir,
ich hätte wenigstens einen Plan.

"Kann ich mich zu dir setzen?"

Ich war frustriert
und bereit eine in die Fresse zu kriegen.
Also nickte ich Julian zu.
Der sich einen anderen Podest näher heranzog,
seine Beine in einem engen Schneidersitz verknotete
und mich mit Bedauern ansah.

Und da war ich noch frustrierter.
Da ich wohl anstatt der Schläge,
nur einen Vortrag erhalten würde.
Der Gedanke strengte mich schon an.

"Du solltest ihr schreiben."

Er stützte den Kopf auf die Hand.
Der spitze Ellenbogen spießte in seinen Oberschenkel.
Der Anblick tat weh.
Aber das war nur Ablenkung.
Um nicht allzu fassungslos in seine Augen zu starren.

"Du bist lustig..."

Meine Stimme sollte kaltschnäuzig klingen,
nicht piepsig.
Ich räusperte mich.
Aber der Boden tat sich dennoch nicht auf.

"Nee, wirklich. So kommst du ja nicht weiter."

Natürlich.
Natürlich hatte sie mit ihm darüber gesprochen.
Zu meiner Erniedrigung sprach sie mit dem Feind.

"Was hat sie gesagt?"

Er zuckte mit den Schultern.

Dann seufzte er.
Mitleidig.
Oder belustigt.
Und kaum stand er,
drehte er mir den Rücken zu.

"Vertrau mir."

Er lief davon.
Zwischen den Elefanten hindurch,
die auf mich zu kamen.

Und dann war er nicht mehr zu sehen.
Kein Rücken mehr,
den ich mit gerunzelter Stirn
mit Fragen bewerfen konnte.

Warum sollte ich dir vertrauen?!

Was hatte ich für eine Wahl?
Was hatte ich für eine Wahl.

Und ich konnte entweder die tiefste,
bodenlose,
unerträglichste Erniedrigung erfahren.
Oder.

Irgendwann.

Auch mit offenen Augen ihr Gesicht vor mir sehen.









16. SIE


"Die Hauptstadt von Griechenland?"

"Fängt an mit D und endet mit Ummkopf."

Er fing an zu schreiben.
D.
U.
M.
M.
K.
Dann stoppte er,
starrte für einen Augenblick.

"Passt nicht rein."

"Na sowas."

Ich konnte sehen, wie er die Stirn runzelte.
Und den Kopf hob.
Er lag auf dem Bauch mit angewinkelten Beinen.
Die hin und wieder wippten.

"Verarschst du mich?"

Meine Lippe schrie auf vor Schmerz,
als ich heftig draufbiss,
um mich nicht mit einem Lachen zu verraten.
Es war zu komisch.

Und mir war jede Ablenkung,
jeder positive Moment,
recht.

"Bisschen."

Und dann landete etwas Hartes an meinem Kopf.
Schepperte auf den Boden.
Laut.
Plaste.
Kugelschreiber.

Aber ich konnte nicht Aua sagen,
weil ich so kichern musste.
Wurde seitlich vom Stuhl gezerrt,
quiekte nur
und erschreckte mich dabei mehr,
als bei dem Aufprall auf den Boden,
auf dem ich mit beiden Armen festgenagelt wurde.

"Pass auf, die Nadel!"

"Was, wo?"

"In deinem Hintern!"

"Was?"

Und als er sich auf die Knie stützte,
mit beiden Händen an seinen Pobacken fuhrwerkte
und den Hals verrenkte,
hatte ich zwar eine Chance zu entkommen,
doch mein Bauch zerrte und ziepte und krampfte
und mein Hals schmerzte
vor lauter dummen, unbedachtem Kichern.

"Wo denn?!"

Als mir bewusst wurde,
dass ich so laut war,
dass man uns wohl draußen hören konnte,
schossen mir nur noch mehr Tränen in die Augen.

Es war schon verzweifelt,
wie ich mich anstrengte,
nur an den Spaß zu denken,
den ich gerade hatte.

Also versuchte ich mich zu beruhigen.
Und wimmerte und giggelte erbärmlich herum,
aus allerlei Gründen und automatisch und unbewusst,
bevor ich merkte,
dass Julian die Suche nach der Nadel aufgegeben hatte.

Ich wurde noch durchgeschüttelt,
wie unter Strom,
als mich versteckte Lacher überfielen.
Ein Schluckauf.
Und ich spürte eine tiefe Erschöpfung bis in jeden Knochen steigen.

Und ich atmete tief durch und versuchte,
trotz meines Schwindels,
klar zu denken.

Was schwer fiel.

Und nichts wurde klar,
alles war verschwommen in meinem Kopf.
Aber das was ich sah,
hatte ein Gesicht mit einsamen Augen.

Julian ließ seinen Oberkörper nach vorn sacken.
Kurze Haare stachelten.
An meinem Ohr.
Und Atem,
der vom Boden prallte,
aufstieg,
kitzelte.
Wärmte.
War feucht.

"Jana."

"Mhm?"

Er seufzte.
Machte mir Sorgen.

Dass ich die Hände an seine Seiten legte.
Sie zu Fäusten ballte,
in dem dunkelroten Stoff.

Und der Boden war hart unter meinem Kopf.

"Ich hab was für dich."

Er machte keine Bewegung.
Und ich war verwirrt und ungeduldig.
Sah zum Fenster und die Wolken,
grau und weiß,
hingen am Himmel,
wie an unsichtbaren Fäden.
Beruhigten mich mit ihren Bewegungen.
Langsam. Langsam und stetig.

"Versprichst du mir etwas?"

Ich nickte.
Und stieß mit dem Kinn an seine Schulter dabei.
Schob die Hände hoch, an seinem Rücken entlang.
Legte sie übereinander.
Und spürte unter den Fingerkuppen
des Mittel- und Ringfingers
seine Wirbelsäule.

"Lies es durch."

Ich nickte wieder.

Pustete in sein Ohr,
dass er sich mit beiden Händen abstützte,
kurz auf mich herabsah,
die Lider gesenkt
und ich konnte die Farbe seiner Augen nicht erkennen.
Er gab mir aus seiner Westentasche einen Zettel,
der sauber zusammengefaltet
und strahlend weiß war.

Ich betrachtete ihn von allen Seiten,
ohne ihn aufzufalten,
fand jedoch keinen Namen
und kein Zeichen.

Als er von mir herunterstieg
und sich ein Glas Wasser holte,
setzte ich mich mit dem Rücken an den Küchenschrank.

Und fing an zu lesen.

Anfangs dachte ich nur darüber nach, was an mir falsch ist. Doch mittlerweile ist es eine Tatsache, dass es so ist und dass sie mich von dir fernhält.
Und ich fordere dich nicht mehr dazu auf, mich gefälligst so zu behandeln wie alle anderen, sondern frage 'Was kann ich tun, dass ich in deiner Nähe sein darf?'.

Es wird dunkel, Jana. Das ist die schwierigste Zeit des Tages für mich. Denn je finsterer es wird, desto geringer werden die Chancen, dass ich etwas finde, das mich von dem Gedanken an dich ablenken kann.

Zu sagen 'Ich liebe dich.' wäre zu einfach und nicht das, was ich fühle. Aber ich würde es wohl unendlich, dürfte ich bei dir sein. Und ich hoffe darauf. Glaube mir.
Bis dahin bleibt mir nur die Sehnsucht.


Wonach sehnst du dich, Jana?


Ich las es zwei Mal
von Anfang bis Ende durch.
Und starrte noch weitere Sekunden auf das Blatt.
Auf den letzten Satz.
Auf den vierten Satz.
Auf alle Sätze.
Auf jedes Wort.

Dann sah ich zu Julian.
Aber ich wusste nicht,
was ich fragen könnte.









17. ER

Zwei Tage.
Schneckenschleim,
mühevoll tropfender Harz,
schmelzende Plaste.
Sich hinziehend.

Meine Güte.

Eine Reaktion zu erwarten.
Ist das zu viel verlangt?

Ich fahre mir zum hundertsten Mal
durch meine angenervt
herumzuppelnden
Haare.
Lass uns in Frieden!
Sagen Sie.

Ich rasier euch alle ab.

Dass bei jedem Drüberfahren
das kratzige Geräusch mich daran erinnern mag,
dass ich es schon wieder tue.
(An sie denke.)

(Was auch sonst.)

Mir vergeht der Appetit beim Anblick von Essen.
Noch immer.
Zwangsernährung mit Jogurt und Leitungswasser.

Und wenn ich heraustrete,
sich meine Augen suchend umsehen,
fragen sie
"Gibt es Neuigkeiten?".

Das glitzernde Hemd blendet mich.
Ich möchte einen Knopf abreißen,
um es zu ihr bringen zu können.

Mir fehlt der Mut.

Ich ging zum Zelt,
wo es stetig lauter werdend,
auch voller wurde.
Kein Gedränge,
doch routiniert hektischer Ablauf.

Sie war da.
Eine Krawatte bindend,
eine Mützenschlaufe zurechtrückend.

Und ich sah, verdammt noch mal,
nicht hin.
Sollte sie doch
alles ignorierend
so weitermachen.
Sollte sie doch.

"Noch einen."

Erschrocken,
herausgerissen aus meinen jähzornigen,
bemitleidenswert kindischen,
Gedanken,
drehte ich mich nicht um.
Doch tauchte er vor mir auf.

"Schreib ihr noch einen."

Mit ernstem Gesicht sich abwendend.
Davonschlendernd.
Mich wieder zurücklassend.
Mit einem neuen, dem gleichen, Tipp.

Julian musste es wissen.
Ich musste ihm vertrauen.
Ich musste zu ihr.

Noch einen und noch einen Brief schreibend.
Ihren Geist damit füllend.
Bis in ihr Herz vordringen.





18. SIE


Ich liebe es, die Farbe deiner Socken herauszufinden. Es ist etwas Intimes von dir, was an manchen Tagen außer dir und mir kein anderer weiß.
Darf ich mir das einbilden?

Ich kenne deinen Lieblingspullover und weiß, wie du isst. Aber den Duft deiner Haare kenne ich nicht. Findest du es schlimm, dass ich es gern würde?

Ich weiß, wie es aussieht, wenn du lachst. Aber es wäre noch viel schöner, wenn du in meine Richtung lachen würdest. Dann könnte ich dir beibringen, die Hände nicht vor den Mund zu halten.
Was willst du verstecken, Jana? Es gibt nichts zu verstecken.

Ich wünschte mir lange nur, du würdest mich beachten. Es wäre einfacher für mich, wäre es dabei geblieben.

Jana, du weißt nicht, wie traurig du mich machst.



Wieso bricht es mir das Herz?
Ich möchte wieder weinen.

Seine Einsamkeit
kroch mir in jeden Partikel.

"Du hilfst ihm, wieso... hilfst du ihm? Hab ich dir was getan?"

"Er meint es ernst."

"Er hat dich geschlagen!"

"Ich ihn auch."

Was soll diese Diskussion?!
Verdammt noch mal.

"Aber er hat den Streit unbegründet begonnen."

"Falsch. Er hat mich aus Eifersucht angegriffen."

"Das ist noch lange kein Grund."

Julian lag ruhig neben mir.
Zu mir heraufschauend mit einem Blick,
der meinem zu gegensätzlich war.

"Auch nicht, ihm zu helfen! Der Mann braucht keine Hilfe dabei, wahnsinnig zu sein."

"Er ist nicht wahnsinnig. Er meint es nur ernst mit dir."

"Das ist schwachsinnig."

"Dass er dich mag, ist schwachsinnig?"

"Was...?!"

Wie konnte er so ruhig liegen,
wenn ich mich so aufregte?!
Ich wollte platzen.

Faltete den Zettel zusammen und legte ihn
zu dem anderen,
bereits hundert Mal durchgelesenen.
Zwischen den Umschlag und die erste Seite des Buches.

Dass er nicht verloren ging.
Dreckig wird.
Kaputt geht.
Keinesfalls kaputt geht.

"Er mag dich."

"Ich weiß."

Ich seufzte.
Legte mich hin.

Gluckernde Verdauung unter meinem Ohr.
Warmer Bauch.

"Ich seh's nicht ein. Wer ist er, dass er ein Nein nicht akzeptieren kann?!"

"Hast du ihm denn jemals 'Nein' gesagt?"

"Natürlich! Schon oft! Ich sage es ihm ständig. Ich sehe nicht ein, dass ich mich beugen muss, nur weil er nicht erwachsen genug ist. Ich seh's nicht ein."

"Jana..."

"Ich seh's wirklich nicht ein."

"Jana."

"Was weine ich denn jetzt?"

Mein brauner Pullover,
der ein wenig heller wie Vollmilchschokolade,
aber dunkler als das Holz des Nachttischschrankes
und des Parkettbodens war,
verschwomm vor meinen Augen.

"Jana, es ist okay, wenn du ihn auch magst."

"Das tue ich aber nicht!"

Mein Schluchzen klang wie...

"Aber es wäre okay, würdest du es tun."

...Niederlage.




19. ER

Ein Urlaub ist die Zeit des Jahres,
in der es gilt abzuschalten.
Erholung, Entspannung, Verschwendung.

Aber ich verbrachte nur drei Tage
in dem Haus meiner Eltern.
Versank in einem Liegestuhl im Garten.
Die Faulheit langweilte mich.

Die Apfelbäume wiegten viel zu beruhigend ihre Blätter.
Es war zu angenehm,
zu wohlig,
zu freundlich,
zu wohlschmeckend.

Es kitzelte mich die Ungeduld.

Und ich schrieb Jana fünf Briefe in dieser Zeit.
Sie alle landeten zerknüllt,
und verflucht,
im Mülleimer der Küche.

Acht dutzend Schimpfworte denkend.
Packte ich meinen Koffer vier Tage zu früh.
Und fuhr zurück zum Zirkus.

Die Wohnwagen lagen still am Fluss.
Im Zelt war kein Licht mehr.

Und ich lud das Gepäck ab,
ging wieder nach draußen,
setzte mich an den Kieselstrand des Ufers,
um nur fünf Minuten später
von Schritten,
die sich knirschend in mein Gehör bohrten,
aufgeschreckt zu werden.

Es war ein Liebesfilm,
ein Drama,
ein Epos,
ein japanischer Martial Arts Film
und Walt Disney in einem,
als sie sich neben mich setzte.

Und sie schwieg.
Bis ich bei neununddreißig angelangt war.
(Aber ich hatte die ersten zwei bis drei Minuten noch nicht mitgezählt.)

"Du bist früher wieder da."

Allein, dass es ihr aufgefallen war...

"Die Stille hat mich gelangweilt."

"Du warst zu Hause?!"

"Ja."

"Schön."

Sie nickte.
Zu ihren Knien oder ihren ineinander liegenden Händen.
Nicht zu mir,
das wagte ich nicht zu hoffen.

"Das ist schön."

"Ja, es war perfekt."

Als sie den Kopf drehte,
wollte ich es unbedingt...

...genießen.
Ihr in die Augen sehen zu dürfen.
Und tat es.
Ihre gerunzelte Stirn bemerkend.

"Was ist?"

Sie sah nicht weg.
Ich hatte es erwartet.

"Und nun?"

Mir fuhr die Kälte in die Knochen.
Mit einem Mal.

"Was meinst du?"

"Ist es gut so?"

Sie drehte ihren Oberkörper so,
dass ihre Knie,
das eine über dem anderen liegend,
gen Boden waren.
Sie saß da,
wie die Meerjungfrau von Kopenhagen.

Und ich sah sie fragend an.
Die Apokalypse erwartend.

"Ich rede mit dir und ich sehe dich an. Ist es gut so?"

Und die Stürme brachen über das Meer herein.
Turmhohe Wellen erzeugend.
Die sich niederschlugen auf das Festland.
Alles darnieder wälzten.

Ich schwieg.

Ich wartete.

"Deine... Deine Briefe haben mir gefallen. Beide."

Sie strich sich Haare,
ihre dunklen, glänzenden Haare,
hinter das Ohr.

"Und ich dachte mir, dass-"

"Es ist gut so."

Dass ich sie unterbrach,
konnte ich mir,
merkwürdigerweise,
sofort verzeihen.

"Genau das."

Ich atmete aus,
so,
dass es wie ein stummes Lachen klang.

"Genau das habe ich mir gewünscht."

Und stand auf,
mir den Staub von der Hose klopfend.
Den man in der Finsternis sowieso
nicht gesehen hätte.

Sie sah hoch zu mir.
Das Weiß in ihren Augen wirkte blau,
wirkte krank in diesen Lichtverhältnissen.
Fast ein wenig außerirdisch.

"Gute Nacht."




20. SIE

Die Tür auf und wieder zu klinkend.
Leise, aber hastig.
Und wie ein Verbrecher stand ich an sie gelehnt.

Und er saß da,
auf einer Holzbank,
mit Stoffpolstern ausgelegt,
am Tisch.
Wie ein Schneider, ein Schmiedt,
ein Handarbeiter auf jeden Fall.

"Guten Morgen."

"Jana. Guten... Guten Morgen."

Ein Toastbrot in der Hand,
mit Haaren,
die dazu einluden,
die Finger darin verschwinden zu lassen.
Mit fünf Fragezeichen im Gesicht.

Gestern Abend war er verschwunden.
Dabei hatte ich mich aufgerafft!
Habe mich selbst überwunden,
bin zu ihm gegangen,
habe mich zu ihm gesetzt,
den ersten Schritt gemacht,
habe die Niederlage eingestanden.

Und dann geht er einfach?!

Und obwohl ich wütend sein wollte.
Und resigniert und schulterzuckend.
Überkam mich ein schlechtes Gewissen
mit dem Gewicht eines...

ICE-Zuges.

Und unakzeptabel ist der verweigerte Kontakt!
Verdammt.

Ich setzte mich zu ihm.
Mein Atem ging hastig.
Ich hatte gehetzt.

Es spielte kein Radio.
Von draußen hörte man nur die Pferde schnauben.

Von seinem Toastbrot lief der Honig.
Seinen Daumen langsam hinab.
Golden.

"Ich meinte das ernst, gestern. Weißt du?!"

Er nickte.

"Ich auch."

Und biss ab.
Die Sauerei bemerkend,
legte er das Brot auf den Teller,
stand auf und wusch es sich ab.
Routiniert, langsam und ruhig.

Mir klopfte das Herz.

"Wieso bist du gegangen? Und wieso bist du so ruhig?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Ich versteh dich nicht."

Da drehte er sich um,
ein blaues Handtuch in beiden Händen,
eine Locke vor der rechten Braue.
Barfuß.
In Jeans.
Wie ein meisterhaftes Klischee.

Erstarrte kurz in einer Nachdenklichkeit.

Warf dann das Handtuch auf die Arbeitsplatte,
setzte sich wieder.

"Ich hatte Angst, du wirst mich gleich wieder satt."

Dass ich den Blick senken musste.
So sprach er es aus.

Beschämt saß ich da.
Eigentlich grundlos.
Und sicher war das nicht sein Ziel gewesen.

"Ich werde dich nicht satt."

"Was?"

Wollte er mich ärgern?!
Dass er ausgerechnet an dieser Stelle nicht verstand.

"Jana, was hast-"

"Ich werde dich nicht satt!"

Meine Hände.
Ich löste sie aus meinem Krampf,
legte sie flach,
mit den schwitzigen Innenflächen nach unten,
auf den Tisch.

"Hör doch zu..."

Er beugte sich zu mir,
nach vorn,
gegen den Tisch.

"Deswegen bin ich ja hier."

"Auf einmal? Jana?!"

Er kritisierte vorsichtig.
Doch tat er es, ohne Zweifel.

"Nicht..."

Ich kratzte mich an der Wange.
Obwohl sie nicht kitzelte.

"Nicht auf einmal. Schon..."

Seit..?
Seit wann?!

"Seit einer Weile."

Murmelte ich,
mit dem Mut eines Wurmes
und dem Niveau eines Teenagers.

Das Selbstvertrauen war verschollen.
Und der Stolz... adé.

Und wieder bewegte er sich.
Langsam.
Der Tisch ächzte auf
und dann
etwas Warmes.
Etwas so sehr Erwünschtes, Erhofftes, Gebrauchtes.
Ausgedehnt.
Eine sehnsüchtige Melodie.

Und sein Kuss hinterließ eine leise Vollkommenheit.



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